Bilanz 2011: Die Formel-1-Saison in Bildern
F-1-Saisonbilanz Im Zeichen des Zeigefingers
Ein Red Bull überquert die Ziellinie als Erster, und Sebastian Vettel verspritzt auf der anschließenden Siegerehrung reichlich Schampus - das Saisonfinale beim Großen Preis von Brasilien am Sonntag war ein Sinnbild des Formel-1-Jahres 2011. Zwar war es nicht Weltmeister Vettel, der in São Paulo den jubelnden Mechanikern wie so oft in den vergangenen Monaten den Sieges-Zeigefinger entgegenstreckte, sondern Teamkollege Mark Webber. Doch ansonsten ergab sich das bekannte Bild: Red Bull fährt vorneweg - und alle anderen müssen sich dahinter einreihen.
Vettel hat seinen Weltmeistertitel von 2010 in dieser Saison so souverän verteidigt, dass sich die Frage nach seinem Erfolgsrezept fast zwangsläufig stellt. Die Antwort darauf gibt - wie könnte es anders sein - Vettel selbst.
"Erstens", analysiert der Deutsche, "war unser Auto in diesem Jahr auf allen Strecken konkurrenzfähig, auch auf Strecken, auf denen wir 2010 noch keine Siegchance hatten." Vettel dürfte dabei vor allem an den Triumph auf Ferraris Heimstrecke in Monza denken. "Wir wussten, dass wir nicht gerade die meiste Power haben und auch in der Vergangenheit nicht das effizienteste Auto, was den Mix aus langen Geraden und Schikanen angeht. Deshalb war der Sieg dort für uns alle sehr emotional und für mich noch viel mehr, weil ich dort ja auch meinen ersten Erfolg geholt habe. Eine große Genugtuung."
Und zweitens, so Vettel weiter, "haben wir Rennen für Rennen betrachtet. Auch wenn es bereits zu Beginn der Saison gut gelaufen ist, haben wir uns nicht zu sicher gefühlt, sondern haben uns weiter auf jedes Rennen einzeln konzentriert und immer versucht, unser Maximum rauszuholen".
Was der Titelträger nicht ausdrücklich erwähnt: Teamintern hatte und hat er auch in Zukunft keine Konkurrenz zu fürchten. In Brasilien durfte Kollege Webber zwar über seinen ersten Saisonsieg jubeln, doch für mehr reichte es in dieser Saison nicht. Er ist der optimale Teamkollege für Vettel: stark genug, um ihn zu unterstützen, aber nicht schnell genug, um seine Nummer-eins-Stellung innerhalb des Teams zu gefährden.
Lobeshymnen auf den Workaholic Vettel
Mit sich selbst scheint Vettel hochzufrieden: "In gewissen Situationen habe ich jetzt die Ruhe und Gelassenheit, die man braucht. Wenn man einen Titel geholt hat, weiß man einfach: Ich kann es." In die Lobeshymne stimmt auch Red-Bull-Teamchef Christian Horner ein: "Sebastian wird besser und besser, je mehr Erfahrung er hat. Er war in dieser Saison einfach der Fahrer schlechthin, zeigt unheimlichen Speed und eine unheimliche Konstanz." Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko sieht dies in Vettels Arbeitsauffassung begründet: "Wenn er freitags und samstags vor 22 Uhr von den Ingenieuren weggeht, dann ist das eine Seltenheit. Andere hatten um diese Zeit schon mindestens drei Partys hinter sich."
Die Überlegenheit Vettels in dieser Saison wundert Experten wie Gerhard Berger nicht. Der ehemalige BMW-Motorsportdirektor stand 2008 als Teilhaber von Toro Rosso bei Vettels erstem Sieg mit auf dem Podium. "Sebastians Lernkurve ist immer noch nicht zu Ende. Er macht keinen Fehler zweimal. In Zukunft wird er nur schwer zu schlagen sein, wenn er bei Red Bull bleibt", prognostiziert Berger.
Schwache Konkurrenz - ein echter Vettel-Gegner wird dringend gesucht
Doch bei aller Begeisterung für Vettel: Die schnelle Titelverteidigung war auch deshalb möglich, weil die Konkurrenz schwächelte. "2010", sagt Berger, "war für mich Fernando Alonso noch der kompletteste Pilot von allen. Der Spanier vereinte irren Speed mit der Gabe, ein ganzes Rennen auf höchstem Niveau zu fahren sowie dem notwendigen Egoismus, ein Team um sich zu versammeln. Da war Vettel noch nicht ganz auf Augenhöhe mit Alonso. 2011 aber hat er ihn überholt." Für Alonso sprang in dieser Saison nur der vierte Platz raus - vom Wunsch nach einer Revanche für den knapp verpassten Titel im vergangenen Jahr war in dieser Saison nichts zu spüren.
Eine noch enttäuschendere Saison hat Lewis Hamilton (McLaren) hingelegt - trotz seiner drei Siege in China, Deutschland und Abu Dhabi. Der Brite lieferte sich einige Scharmützel mit anderen Fahrern und machte immer wieder Fehler, die ihn Punkte und Podestplätze kosteten. "Es war einfach nicht seine Saison", sagt Berger, der in Hamilton dennoch den zukünftigen Hauptrivalen von Vettel sieht.
Das war in dieser Saison Jenson Button - wenn man bei einem Abstand von 122 Punkten auf Vettel (392) überhaupt von ernsthafter Konkurrenz sprechen kann. Button holte zwar wie sein Landsmann und Teamkollege Hamilton ebenfalls nur drei Siege - fuhr jedoch konstanter und genießt zudem eine höhere Beliebtheit im Team. Am Ende landete er auf Platz zwei. "Er hat genau das getan, was ihn stark macht: Er hat nicht den Grundspeed von Vettel oder Hamilton, aber seine Stärken liegen im Rennen. Er holt immer das Maximale aus sich heraus, macht so gut wie keine Fehler", sagt Berger, der jedoch einschränkt: "Es reicht aber nur zum Sieg, wenn Vettel, Alonso oder Hamilton Probleme haben."
Mercedes schwächelt, Ferrari droht das Chaos
Enttäuschend war auch der diesjährige Auftritt von Mercedes. Das Experiment von Teamchef Ross Brawn, den Silberpfeil mit dem kürzesten Radstand fahren zu lassen, ging nicht auf: WM-Platz vier ist zu wenig für den Anspruch der Stuttgarter. 2012 müssen deshalb unbedingt Siege her, sonst könnte der Vorstand des Automobilkonzerns unruhig werden.
Zumal wieder der "Falsche" im Team überlegen war: Auch wenn sich Michael Schumacher (42) leicht verbessert zeigte: Gegen seinen 16 Jahre jüngeren Teamkollegen Nico Rosberg war der Rekordweltmeister auch in der zweiten gemeinsamen Saison unterlegen. Rosberg schlug den Altmeister klar im Qualifying-Duell (16:3) und lag am Ende auch deutlich nach WM-Punkten vorne. "Es ist mein Traum, als Deutscher im Silberpfeil zu siegen", sagt Rosberg, der seinen Vertrag bei Mercedes vorzeitig verlängert hat.
Für das ebenfalls enttäuschende Ferrari-Team gilt: Der Mythos ist nur noch Mythos. Und das nicht ohne Grund: "Bei Ferrari ist das italienische Chaos zurückgekehrt", sagt Berger. Das liege vor allem daran, dass Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo die Formel 1 wieder zur Chefsache erklärt habe.
Immer wenn die Stimmung in Maranello am Tiefpunkt ist, schlägt di Montezemolo verbal um sich. Ferrari könnte die Formel 1 verlassen, drohte er vor kurzem wieder - wenn die Regeln nicht geändert würden. Der "Erpressungsversuch" in Richtung Bernie Ecclestone und Fia zeigt: Bei Ferrari herrscht Panikstimmung.
Kein Wunder, denn das Saisonziel wurde weit verfehlt. Nur ein Sieg in Silverstone durch Fernando Alonso ist nicht das, was di Montezemolo gefordert hatte. Der Landgraf machte deshalb entsprechend Druck. Technikchef Aldo Costa war das erste Opfer. Er musste vor dem Kanada-Rennen gehen. Weitere Ingenieure sollen folgen, andere wollen freiwillig gehen und bieten sich bei anderen Teams an. Dazu kommt: Alonsos Teamkollege Felipe Massa ist keine wirkliche Hilfe im Kampf mit Red Bull und McLaren. Bei weiteren Misserfolgen droht die Situation in Maranello zu eskalieren.
Kampf um Millionen im Mittelfeld
Während Vettels Konkurrenten also schwächelten und der Deutsche von Sieg zu Sieg eilte, kämpften die Teams im Mittelfeld um viel Geld. "Da geht es um Millionen", sagt Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost. Hintergrund: Jedes Team erhält von F-1-Chef Bernie Ecclestone einen Platzierungsbonus, der fürs kommende Jahr ausgezahlt wird. Der Unterschied zwischen Platz sechs, auf dem sensationell Force India mit dem Deutschen Adrian Sutil landete und Rang sieben, den Sauber belegt, soll laut Insidern acht Millionen Euro betragen. Wichtiges Geld, gerade im Hinblick auf die kommende Saison.
Da wird sich dann auch wieder alles um die Frage drehen: Wer stoppt Sebastian Vettel? Der Doppelweltmeister sagt: "Ich kann mich noch verbessern. Es geht nicht darum, ob ich eine Kurve im nächsten Jahr noch besser fahre oder irgendwo später bremse. Es geht um Erfahrung, die mich in bestimmten Situationen besser macht." Das darf von der Konkurrenz als Drohung verstanden werden.