Formel 1: Erster Verlierer statt Nummer eins - DER SPIEGEL
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Formel 1 Erster Verlierer statt Nummer eins

Die lange erwartete Aussprache bei McLaren-Mercedes endet mit einem Appell an die Vernunft der Fahrer. Die haben sich bisher aber nicht sehr einsichtig gezeigt. Vor allem Weltmeister Fernando Alonso kann auch nach dem Treffen nicht zufrieden sein.
Von Jörg Schallenberg
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Na, dann ist ja alles bestens. Oder? Da hatte der offene Streit zwischen den McLaren-Mercedes-Piloten Fernando Alonso und Lewis Hamilton in den drei rennfreien Wochen zwischen dem Grand Prix in Ungarn und dem Großen Preis der Türkei (Sonntag, 14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) für reichlich Gesprächsstoff in Sachen Formel 1 gesorgt, doch gestern bat Teamchef Ron Dennis die beiden Rivalen endlich zur Aussprache in ein Istanbuler Hotel.

Zunächst wurden sie getrennt vernommen (und belehrt), dann fand in einer Suite die große Familienzusammenführung statt. Was sich der Weltmeister und sein Herausforderer zu sagen hatten, drang nicht außen, dafür aber heute ein Statement des Rennstalls, das an die Einsicht der Streithähne appelliert: " Die Fahrer verstehen die Herangehensweise des Teams, sie nach unseren besten Kräften zu versorgen, gleichberechtigt und mit denselben Möglichkeiten zu gewinnen."

Aus Sicht des Rennstalls ist der seit Saisonbeginn schwelende Zwist damit beigelegt, McLaren-Mercedes hofft nun auf einen "konstruktiven Weg nach vorn". Schließlich will man die große Chance, nach 1999 endlich wieder einen WM-Titel zu gewinnen, auf keinen Fall verspielen.

Allein, um daran zu glauben, dass die vor Selbstbewusstsein geradezu überkochenden Alonso und Hamilton tatsächlich tiefe Einsicht in das vor allem bei McLaren traditionell gepriesene teaminterne Fairplay zeigen, hätte man sich ein paar deutlichere Worte gewünscht. Keiner der beiden Fahrer fiel bislang durch glaubwürdige Entschuldigungen für die Bockigkeiten und –vor allem geistigen – Blockaden in Ungarn auf. Von einem geplanten Treffen im Urlaub, das Hamilton noch angekündigt hatte, war bald keine Rede mehr.

Stattdessen soll Alonso die Zeit für ein Vorstellungsgespräch bei BMW genutzt haben, während sein britischer Konkurrent auf der Yacht des McLaren-Mitbesitzers Mansour Ojjeh ausspannte. Was taktisches Verhalten betrifft, kann der Spanier nicht nur auf der Piste einiges von seinem vier Jahre jüngeren Konkurrenten lernen.

Doch davon will der zweifache Champion nichts wissen. Der Kompromiss von Istanbul lässt ihn als ersten Verlierer zurück. Sein Insistieren darauf, zumindest inoffiziell einen Sonderstatus als Nummer eins der Silberpfeile gewährt zu bekommen, findet offensichtlich partout kein Gehör bei seinem ersten Vorgesetzten Dennis. Das wiederum dürfte Alonsos Bereitschaft, länger bei seinem neuen Arbeitgeber zu verweilen, nicht eben steigern. BMW allerdings hat gerade seine Verträge mit Nick Heidfeld und Robert Kubica verlängert und damit frühestens für die Saison 2009 wieder einen Platz frei. Dass sich die Münchner in ihrem Fünfjahresplan, der an die Weltspitze führen soll, zum rechten Zeitpunkt nach Möglichkeit noch einen Star zukaufen wollen, ist ein offenes Geheimnis.

Bei Renault würde man den verlorenen Sohn Alonso dagegen lieber heute als morgen zurückholen. . Flavio Briatore hat die Verkündung der Cockpit-Besetzung für 2008 schon in den September verschoben. Es wäre allerdings eine große Überraschung, wenn tatsächlich noch ein derart spektakulärer Wechsel für das kommende Jahr über die Bühne gehen würde, zumal McLaren-Mercedes damit trotz aller Spitzenergebnisse ein Scheitern der ambitionierten Personalpolitik eingestehen müsste. Für 2009 scheint dagegen alles möglich – zumal auch Felipe Massa nicht mit einem Rentenvertrag bei Ferrari ausgestattet ist.

Das Karussell dreht sich bei den Spitzenteams also erst im kommenden Jahr weiter, aber wenn man für die weitere Zukunft mal einfach auf Titelduelle zwischen Hamilton in Silber und Kimi Räikkönen in Rot tippt, liegt man wahrscheinlich nicht falsch. Alonsos zweiter Titel im vergangenen Jahr war vielleicht schon sein letzter.

Das Rennen in Istanbul an diesem Wochenende wird die Weichen für den Rest dieser Saison stellen. Baut Hamilton seinen Vorsprung von sieben Punkten aus, wird er wohl, ob nun bewusst oder nicht, in den verbleibenden fünf Rennen die stärkere Unterstützung des Teams bekommen.

Beim ersten freien Training heute musste der Brite allerdings eine Zeitlang zuschauen, weil das neue Getriebe an seinem Boliden für einige Probleme sorgte. Aus der Box sah er mit an, wie – zum Glück – nicht Alonso die Übungsrunden dominierte, sondern zunächst die Ferrari. Im zweiten Durchgang stellte Hamilton dann die Ordnung wieder her und fuhr die schnellste Runde.

Sollten Massa oder Räikkönen am Sonntag ihre 21 und 20 Punkte Rückstand auf Hamilton erheblich verkürzen können, könnte bei McLaren-Mercedes allerdings das große Zittern ausbrechen. Verspielen die Silberpfeile in dieser Saison noch den Titel, dann wäre das eine weitaus größere Blamage als die vergangenen sieben Jahre ohne Titel.

Um die Konstrukteurswertung muss der britisch-deutsche Rennstall ohnehin bangen. Gegen die Aberkennung der 15 Punkte von Ungarn wegen Alonsos Blockadespielchen klagt McLaren-Mercedes; verhandelt wird am 19. September. Sechs Tage vorher steht allerdings ein noch wichtigeres Verfahren an.

Vor dem Berufungsgericht des Internationalen Rennsportverbandes Fia muss sich das Team von Dennis in letzter Instanz wegen der Spionage-Affäre verantworten. Da bisher keine neuen Beweise vorliegen, rechnen Beobachter jedoch nicht damit, dass den Silberpfeilen gravierende Strafen wie Punktabzüge oder Rennausschluss drohen. Für Unruhe ist dennoch weiter gesorgt - selbst wenn Alonso und Hamilton sich vorübergehend mal im Zaum halten können. Man sollte besser nicht darauf wetten.