Aufholjagden: Hilfe, wir führen! - DER SPIEGEL
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Aufholjagden Hilfe, wir führen!

Hertha führte gegen Union - und verlor. Bayern lag in Köln mit zwei Toren vorn - und verlor. Gladbach schien gegen Stuttgart der Sieg schon sicher - doch es kam anders. Was ist bloß los mit den Mannschaften? Wo bleibt der Biss, ist eine Führung nichts mehr wert?
Bayern-Stürmer Müller: Pleite in Köln dank Münchner "Dummheit"
Bayern-Stürmer Müller: Pleite in Köln dank Münchner "Dummheit"

Bayern-Stürmer Müller: Pleite in Köln dank Münchner "Dummheit"

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In seinen guten Momenten schwang sich Trainer Christoph Daum zum Fußball-Philosophen auf: "Das Gegentor fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt. Aber man muss an dieser Stelle auch einmal die Frage stellen, ob es Gegentore gibt, die zu einem psychologisch günstigen Zeitpunkt fallen."

Manche Spiele am Samstag hinterließen allerdings den Eindruck, als müsse der Daum'sche Aphorismus eigenen statt gegnerischen Treffern gewidmet und ergänzt werden: Die Führung fiel zum psychologisch ungünstigsten Zeitpunkt - und war manchmal auch noch zu deutlich.

In Berlin, Köln, Newcastle und Gladbach schien für manche Teams schon alles verloren, ehe sie die Wende schafften und den Gegner verdutzt, verbittert und niedergeschlagen zurückließen.

Selbstverständlich ist nicht jede Führung eine Last. Und nicht jedes Team, das hinten liegt, punktet noch. 1899 Hoffenheim behielt beim 3:2 gegen Kaiserslautern die Nerven, obwohl die Gäste zwischendurch die 2:0-Führung der Heimelf egalisiert hatten. Nürnberg verteidigte sein 1:0 gegen Leverkusen, ebenso Hannover gegen Wolfsburg. SPIEGEL ONLINE blickt zurück auf das Drama in fünf Akten.

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Foto: Martin Meissner/ AP

Akt 1 - Comeback mit voller Hose

Das Ärgerliche am Fußball ist, dass man erst hinterher weiß, was man vorher alles falsch gemacht hat. "Es ist ärgerlich, wir haben unsere vielen Chancen nicht genutzt. Nach einer guten Anfangsphase sind wir nicht mehr aggressiv genug in die Zweikämpfe gegangen." Markus Babbel, Trainer von Hertha BSC Berlin, lag mit seiner Analyse nach dem 1:2 (1:1) gegen Union Berlin richtig.

Es hatte alles so schön begonnen. Hertha Tabellenführer mit 13 Punkten aus den vergangenen fünf Spielen. Mega-Kulisse von 74.244 Zuschauern. Heimspiel-Derby gegen den Lokalrivalen Union, deren Bilanz: ein Sieg in 22 Auswärtsspielen. Und ein nahezu perfekter Spielbeginn. Nach 13 Minuten flankte Kapitän Andre Mijatovic auf Manndecker Roman Hubnik - Kopfball, 1:0. Es lief für Hertha, und ein klarer Heimsieg schien nur noch eine Formsache.

Denkste.

In der 37. Minute setzte sich Union-Stürmer John Mosquera an der Strafraumgrenze gegen Hubnik durch und überraschte Hertha-Keeper Maikel Aerts mit einem Schuss ins lange Eck. Als Mattuschka per Freistoß zum 1:2 traf (72.), war der Favorit gestürzt. "Wir sind jetzt Berliner Stadtmeister. Etwas Geileres gibt es nicht", sagte der Union-Kapitän.

Sein Trainer Uwe Neuhaus ergänzte, in der Anfangsphase habe seine Mannschaft wegen der großen Kulisse "die Hose ziemlich voll gehabt". Und die Hertha? Keine vollen Hosen, aber auch keine Punkte. "Wir müssen uns bei den Fans entschuldigen und eine Woche lang die Schmach der Derby-Pleite ertragen", sagte Babbel. Auch damit hatte er Recht.

Manche Bundesligisten hätten sich den Berliner Favoritensturz genau ansehen sollen - als Omen für das, was sich nur wenige Stunden später in manchen Erstligastadien abspielen sollte.

Akt 2 - Berlin ist überall

Es schien, als habe man die Teams aus dem Berliner Olympiastadion nach Köln-Müngersdorf verfrachtet und ihnen andere Trikots übergestreift. Zu sehr ähnelte der Spielverlauf bei der Partie Köln gegen den FC Bayern dem des Berliner Derbys. Nur, dass dieses Mal die Heimelf der Außenseiter war und das bessere Ende für sich hatte.

Köln machte aus einem 0:2 zur Pause ein 3:2 beim Schlusspfiff und aus einem gutgelaunten Bayern-Trainer Louis van Gaal einen Miesepeter. Der Holländer benutzte nach dem Spiel wieder einmal seine Lieblingsvokabel "unglaublich", um zu beschreiben, was zuvor geschehen war. Es sei " unglaublich", dass man nach einer so souveränen ersten Halbzeit und Toren von Mario Gomez (22. Minute) und Hamit Altintop (43.) noch verloren habe. In der Tat hatten die Bayern in der Pause die drei Punkte bereits wohl verbucht.

Denkste.

Schon mehrmals in dieser Saison hat Bayern einen Vorsprung leichtfertig verspielt. "Wir wussten, dass die Münchner öfter eine Phase haben, wo sie ihre Dominanz nicht umsetzen", sagte Kölns Trainer Frank Schaefer. Christian Clemens in der 55. Minute und zweimal Milivoje Novakovic (62. und 73.) drehten die Partie. "Sensationell" fand das Kölns Nationalspieler Lukas Podolski.

Und die Bayern? Podolskis Nationalmannschaftskollege Thomas Müller attestierte seinem Team Dummheit. Er könne "die Worte nicht finden, die hier angebracht wären".

Akt 3 - Newcastles "Comeback der Saison"

Als die Bayern in Köln noch 2:0 führten, begann etwa 730 Kilometer entfernt ein Spiel, dass den Bayern-Kollaps bei weitem in den Schatten stellte. Der "Independent" schrieb vom "Comeback der Saison", der "Mirror" sogar von einem der größten Comebacks in der Geschichte der Premier League.

Der Ort: Newcastle upon Tyne, St. James Park

Die Teams: Newcastle United und der FC Arsenal

Der Endstand:

Nach 26 Minuten hatte Arsenal vier Tore Vorsprung, herausgeschossen von Theo Walcott (1. Minute), Johan Djourou (3.) und Robin van Persie (10./26.). Das schien selbst genug zu sein, als Arsenals Abou Diaby des Feldes verwiesen wurde (50.).

Denkste.

Joey Barton mit zwei Foulelfmetern (68./83.), Leon Best (75.) und Cheik Tiote (87.) sorgten für Newcastles Punktgewinn, der sich wie ein Sieg anfühlte. Da verlor sogar der ansonsten so zurückhaltende Arsenal-Trainer Arsene Wenger die Contenance. "Wenger tobt nach Newcastle-Einbruch" beschrieb der "Telegraph" die Gefühlslage des Franzosen. "Psychologisch ist diese Art, zwei Punkte zu verschenken, sehr schädlich. Ich kann gar nicht sagen, wie wütend ich bin." Wenger gab nach dem Spiel zu Protokoll, Arsenal habe nicht geglaubt, das Spiel sei nach dem 4:0 gewonnen, weil Newcastle weiter gekämpft habe. Für ihn persönlich mag das stimmen. Bei seinem Team darf man zweifeln.

Akt 4 - Stuttgarts Auswärtstraum zementiert Gladbachs Heim-Trauma

Erst Hertha. Dann die Bayern. Dann der FC Arsenal. Borussia Mönchengladbach hätte gewarnt sein müssen. War es aber nicht. Und so mussten Spieler und Verantwortliche beim Tabellenletzten der Bundesliga erklären, warum sie einen 2:0-Vorsprung gegen den VfB Stuttgart noch aus der Hand gaben und 2:3 verloren.

Gladbachs Trainer Michael Frontzeck sprach vom heftigsten Nackenschlag der Saison und von einem "bitteren Moment".

Wenn je ein Spiel für ein Remis prädestiniert war, dann dieses. Stuttgart hatte in dieser Saison auswärts noch nicht gewonnen, Gladbach noch keinen Heimsieg geschafft. Bis zur Halbzeit schien es, als würde letztere Serie enden und erstere fortbestehen. Dante per Kopfball (29.) und Igor de Camargo (31.) ließen die Gladbacher Fans hoffen.

Zumindest bis zur 51. Minute. Da verkürzte Pawel Pogrebnjak zum 1:2. Und die Gladbacher Fans dürfte ein unheimliches Gefühl beschlichen haben. Nur fünf Minuten später wuchs es sich zur Gewissheit aus, als die vermeintlich sichere Führung durch Martin Harniks Treffer weg und aus drei Punkten einer geworden war. Ein Punkt. Im Rückblick vielleicht nicht das Schlechteste. Wenigstens nicht verloren gegen den direkten Konkurrenten im Abstiegskampf.

Denkste.

In der 87. Minute entschied Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer auf Elfmeter für den VfB. Dante hatte nach Meinung des Referees Pogrebnjak gefoult und musste mit Gelb-Rot vom Platz. Timo Gebhart, in der ersten Halbzeit wegen einer Schwalbe verwarnt, verwandelte. Besonders bitter für Gladbach: Elf Minuten zuvor hatte Kinhöfer in einer zweifelhaften Entscheidung ein Tor für Gladbach nicht gegeben.

2:3 durch ein umstrittenes Tor statt 3:2 durch einen umstrittenen Treffer - so hat Gladbach statt 19 Punkten und dem Anschluss an die Nichtabstiegsplätze weiter 16 Punkte. Das sind nun schon sechs Zähler Rückstand auf den Relegationsplatz.

Man mag sich kaum ausmalen, wie herb die Niederlage ausgefallen wäre, wenn Stuttgarts Kicker das Erfolgsrezept von Trainer Bruno Labbadia früher umgesetzt hätten, nämlich ihren Beruf auszuüben. Der VfB habe nach der ersten Hälfte gemerkt, so Labbadia, dass "wir stärker sind, wenn wir Fußball spielen".

Akt 5 - Das Schlusslicht ist nicht zu bändigen

Zugegeben, es ist Jammern auf höchstem Niveau. Wer im 25. Saisonspiel die erste Niederlage kassiert, braucht sich nicht zu beschweren. Es war dennoch bezeichnend, dass der englische Tabellenführer Manchester United ausgerechnet beim Tabellenletzten Wolverhampton Wanderers verlor.

"Ich habe vorher gesagt, dass Wolverhampton stark ist, und sie waren heute kaum zu bändigen. Unsere Beständigkeit in den letzten Monaten war phantastisch, daher ist das Ergebnis heute eine große Enttäuschung", sagte United-Trainer Sir Alex Ferguson.

Das Schema ist bekannt: Nanis früher Treffer (3. Minute) schien einen lockeren Sieg für den Favoriten einzuleiten.

Denkste.

George Elokobi (10.) und Kevin Doyle (40.) drehten das Match. So sehr sich Manchester danach auch mühte - Wolverhampton (vor der Partie 21 Punkte) verteidigte seine Führung gegen die Gäste (54) bis zum Abpfiff.

"Zuletzt haben uns unsere Spieler mit Stolz erfüllt, heute sind sie nicht richtig in Gang gekommen", sagte Ferguson. Die Niederlage beendete nicht nur Manchesters Serie von saisonübergreifend 29 Liga-Matches ohne Pleite. Sie zerstörte auch die Hoffnung, als drittes Team nach dem FC Arsenal 2003/2004 und Preston North End 1888/89 eine ganze Saison ungeschlagen zu bleiben.

Mit Material von sid und dpa