DFB-Team im Pech: Die Verletztenserie
DFB-Team Die elf Fragezeichen
Viele Fußballfans fragen sich, warum sich gerade bei Weltmeisterschaften plötzlich Leute für das Turnier interessieren, die sonst nicht einmal wissen, wer Tabellenführer in der Bundesliga ist. Da müssen sie auf einmal mit Freunden über die Aussichten von Paraguay und die Qualitäten australischer Stürmer diskutieren, die normalerweise kaum die Angreifer des FC Bayern kennen.
Ist es die Folklore bunter Weltfestspiele, oder was macht den Reiz von Weltmeisterschaften so unwiderstehlich?
Die wesentliche Erklärung dafür ist das Format. Eine normale Saison ist vielen Zuschauern schlichtweg zu lang und unübersichtlich. Die Dinge entwickeln sich zu langsam, es gibt zu viele Charaktere und wirre Nebenhandlungen wie den DFB-Pokal oder die Europa League. Eine Weltmeisterschaft hingegen ist in gut vier Wochen erledigt. Kleindarsteller aus Neuseeland, Slowenien oder Nordkorea muss man sich nicht richtig merken oder darf sich um so mehr für sie interessieren, wenn sie zu unverhoffter Prominenz kommen. Tag für Tag gibt es neue Dramen, überraschende Wendungen, verblüffende Pointen, und mit dem Finale ist alles vorbei.
Das ist eine klassische Erzählstruktur, und im deutschen WM-Roman 2010 befinden wir uns derzeit im Prolog. An diesem Wochenende hätte man getrost das Kapitel "Freundschaftsspiel in Ungarn" überblättern und anstatt dessen Lena gucken können. Die Partie in Budapest mit der anderthalbten statt ersten Mannschaft war noch eine Angelegenheit für Spezialisten. Sie war nicht unangenehm flau, hatte eine gute Präsenz und zwei Stürmer schossen Tore. Für Dienstag steht der nächste Mini-Höhepunkt an, wenn schließlich noch ein Spieler aus dem Kader endgültig nach Hause muss (gefühlter Top-Kandidat: Piotr Trochowski), und am Donnerstag gibt es gegen Bosnien-Herzegowina (20.30, Liveticker SPIEGEL ONLINE) den letzten Test vor der WM.
Stoff eines dramatischen Scheiterns?
Doch zugleich bestätigte sich in der ungarischen Hauptstadt, dass der Roman schon längst eine Geschichte exponiert hat. Spätestens seit der Verletzung von Michael Ballack geht es darin um eine Gruppe von Youngstern, die allen Widerständen zu trotzen und über sich hinauszuwachsen versucht. Mit der Verletzung von Heiko Westermann hat das Team inzwischen den fünften Verletzten zu beklagen. Und selten ist eine so unerfahrene deutsche Nationalmannschaft, in der etliche Stammkräfte auch noch eine schwache Saison hinter sich haben, zu einer Weltmeisterschaft gefahren.
Testspiel gegen Ungarn: Ungefährliche Ungarn, treffsichere DFB-Joker
Aber was wird das nun für eine Story: die elf Fragezeichen, Bis(s) zum letzten Zweikampf oder Jogi und die Zauberlehrlinge? Eine besondere Rolle kommt Mario Gomez, Miroslav Klose und zu, die ihre Krisen überwinden und ein Dutzend Spieler mitreißen müssen, die jeweils nicht mehr als zehn Länderspiele gemacht haben. Der Torwart Manuel Neuer gehört dazu und mit Khedira einer der Männer auf der neuralgischen Position im zentralen Mittelfeld.
Das könnte der Stoff eines dramatischen Scheiterns sein, doch seltsamerweise sieht es nicht danach aus. Denn die Mannschaft, die am kommenden Wochenende nach Südafrika abreisen wird, verfügt über eine große Zahl außergewöhnlich talentierter Spieler. Es gibt in Deutschland eine neue Generation spielerisch und taktisch hervorragend ausgebildeter junger Profis. Neuer ist der klassisch moderne Torwart, Khedira, Thomas Müller oder Holger Badstuber bringen ein hochentwickeltes Spielverständnis mit, das Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger schon länger bewiesen haben. Bei Mesut Özil oder Marko Marin sind es eher tief verwurzelte fußballerische Instinkte. Und gerade bei großen Turnieren erlebt man oft regelrechte Qualitätssprünge, vielleicht hilft 2010 sogar der Freiraum, der durch Ballacks Fehlen entstanden ist.
Löws Team kann sich während der WM weiterentwickeln
Der WM-Spielplan gibt ebenfalls die passende Dramaturgie für Wachstumsphantasien vor. Ohne Australiens Fußballspielern zu nahe zu treten, beginnt das Turnier mit der Partie gegen die spielerisch schwächste Mannschaft der Gruppe. Erst danach geht es gegen die nominell stärkeren Gegner aus Serbien und Ghana. Joachim Löws hat also auch während des Turniers noch etwas Zeit, sein Team weiterzuentwickeln.
Noch sind hierzulande die Erwartungen nicht übermäßig hoch, aber sollte diese junge deutsche Mannschaft ihr Publikum in Südafrika mitreißen, würde das einen Rückkopplungseffekt geben, wie er 2006 besonders deutlich, aber auch schon 2002 in Fernost zu spüren war. So könnte das Nationalteam auf der Welle der Begeisterung zu reiten beginnen. Ob der Roman sich wirklich so entwickeln wird, ist heute noch nicht abzusehen. Aber ungefähr ist das die Geschichte, wie Löw und seine Jungs sie gerne schreiben würden.