EM: Spanien hat Angst vor Final-Gegner Italien - DER SPIEGEL
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Spanien vor dem Finale: Jagd nach der Kirsche auf dem Kuchen

Foto: JUAN MEDINA/ REUTERS

Spanien vor EM-Finale Die Furcht der Roten Furie

Wer ist der Favorit fürs EM-Finale, Spanien oder Italien? Beide Teams spielen ähnlich. Der Welt- und Europameister hat erkannt, dass sein historischer Siegeszug gefährdet ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hubschrauber kreisen seit Samstagmorgen über dem Kiewer Olympiastadion. Das dröhnende Geräusch der Rotoren war auch deutlich zu vernehmen, als die italienische und spanische Nationalmannschaft in dem gewaltigen Oval ihr Abschlusstraining absolvierten. Höchste Sicherheitsstufe vor dem EM-Finale am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das in dieser Konstellation von den wenigsten erwartet worden war. Kaum einer hatte Italien vor Beginn des Turniers im Endspiel gesehen.

Die "Squadra Azzurra" hat deshalb nichts zu verlieren, sie kann den EM-Showdown wesentlich gelassener angehen als der Titelverteidiger. Während Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli zum gesamten Abschlusstraining Besucher zuließ, sperrte sein spanischer Kollege Vicente del Bosque nach einer Viertelstunde alle Beobachter aus.

Wohl eher aus Nervosität als aus taktischen Gründen - denn eigentlich gibt es vor dem Finale gar keine Geheimnisse mehr. Del Bosque verriet indirekt, dass er das stürmerlose System mittlerweile für das beste hält: "Wir werden drei Spieler auf den Platz bringen, die für den Angriff verantwortlich sind." Im spanischen "Sturm" werden wohl wieder David Silva, Andrés Iniesta und Cesc Fàbregas stehen; keiner von ihnen wird im offiziellen Uefa-Aufstellungsbogen als Angreifer geführt.

Spanien hält an Philosophie fest

Die Mannschaft steht indes voll hinter dem Konzept ihres Trainers: "Wir sind nicht gelangweilt, wir erfreuen uns an unserem Spiel. Unsere Philosophie ist die richtige", entgegnete Xavi den zahlreichen Kritikern der vergangenen Wochen. Sein Mannschaftskollege, der feine Techniker Iniesta, trieb es sogar noch weiter: "Ein Niederlage ist niemals ein Fiasko. Ein Fiasko wäre es, wenn wir auf unseren Stil verzichten würden." Auch deshalb wäre ein Erfolg gegen Italien Balsam für die spanische Fußballseele: "Es wäre ein Zeichen dafür, dass bei uns nicht alles schlecht ist", sagte del Bosque.

Zugleich hat die spanische Mannschaft die Chance, mit einem Finalsieg in die Geschichtsbücher einzugehen: "Wir wollen der Fußballwelt beweisen, dass wir noch nicht satt sind. Wir wollen weiter Geschichte schreiben", betonte Xavi. Zweimal Europameister, einmal Weltmeister innerhalb von vier Jahren: Das hat noch nie ein Team geschafft. Die deutsche Nationalmannschaft, bei der EM 1972 und der WM 1974 mit Titeln dekoriert, war zwei Jahre später nahe dran, ehe sich der Dreifach-Coup in einem zu hoch angesetzten Elfmeterschuss von Uli Hoeneß im Finale verflüchtigte.

Der Titelverteidiger geht mit hohem Druck ins Finale

Doch es ist die historische Dimension, die auch den Druck auf den Titelverteidiger in die Höhe treibt. Torwart und Kapitän Iker Casillas brachte es auf den Punkt: "Es ist jetzt ein anderes Gefühl: Vor vier Jahren haben wir etwas erreicht, was niemand erwartet hat. 2010 haben wir etwas geschafft, was viele nicht gedacht hatten." Und nun, zwei Jahre später, kann diese dekorierte Auswahl auf einmal nicht nur gewinnen, sondern auch viel verlieren. Es ist eine andere spanische Mannschaft, die heute auf dem Platz steht - mental und fußballerisch.

Die Spanier haben ihren berühmten Tiki-Taka-Stil mit so viel defensiver Sorgfalt perfektioniert, wie die Italiener ihr abwehrorientiertes Spiel offensiver gestaltet haben. Beide Teams haben sich so einander angenähert - wie das unentschieden ausgegangene EM-Gruppenspiel der Finalgegner zeigte. Sowohl Spanien als auch Italien bemühen sich um höchste Effektivität im Angriff und totale Disziplin in der Abwehr.

Auch deshalb kann Spaniens Trainer del Bosque keinen wirklichen Favoriten auf den Titel ausmachen. Ihn habe der italienische Sieg gegen Deutschland nicht überrascht, sagte er. "Die Italiener waren die Mannschaft, die auch uns bisher die meisten Schwierigkeiten gemacht haben. Bei ihnen hat sich einiges verändert."

Höchste Alarmbereitschaft also nicht nur über, sondern auch im Stadion von Kiew. Spanien, die "Rote Furie", geht zwar als leichter Favorit ins Finale - doch die Elf von del Bosque weiß, dass sie bei dieser EM nicht das erste Team wäre, das an den eigenen hohen Erwartungen scheitern würde.