Fankongress in Berlin Dialog statt Dauerstreit
Hannoveraner Ultras: "Es ist wichtig, dass wir transparent und konstruktiv auftreten"
Foto: dapdWem gehört der Fußball? Diese Frage, auf die es wohl niemals eine Antwort geben wird, bewegt engagierte Fußballfans seit Jahren. Am Wochenende werden zahlreiche Ultragruppen wie die "Schickeria München" oder die "Wilde Horde" aus Köln am ersten bundesweiten Fankongress teilnehmen. Nachdem die Fronten zuletzt im Streit um das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion verhärtet waren, setzen die Fans und sogar die eigentlich öffentlichkeitsscheuen Ultras bewusst und offensiv auf Gespräche mit den so oft kritisierten Verbänden von DFL und DFB.
"Wir wollen die Verbände und Vereine zu einem Dialog auf Augenhöhe bewegen", sagt Simon Müller, einer der Mitorganisatoren des Fankongresses 2012: "Jetzt ist es wichtig, dass wir transparent und konstruktiv auftreten." Zu negativ war aus Sicht der Veranstalter in den vergangenen Monaten das Bild der Fußballfans.
Zu oft wurde über und nicht miteinander gesprochen. Themen wie Pyrotechnik, Gewaltauseinandersetzungen mit Polizisten oder verbale Verunglimpfungen von Gegnern und Schiedsrichtern beherrschten die Schlagzeilen. "Der Kongress sucht nun nach Gedanken und Ideen, wie man diese und weitere Felder bearbeiten kann", sagt Müller.
Dafür hat die Organisation "Pro Fans", Hauptveranstalter des Kongresses, zahlreiche renommierte Gäste gewonnen. Neben Wissenschaftlern und Sicherheitsverantwortlichen einzelner Vereine, werden DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus, DFB-Vize-Präsident Rainer Koch und Martin Kind, Präsident von Hannover 96, an den Podiumsdiskussionen teilnehmen. Auch der neue DFB-Sicherheitsorganisator Hendrik Große Lefert hat sich angekündigt und wird wohl zum Einstand direkt einige brisante Fragen beantworten müssen.
Zweifelhafte Fanumfrage des DFB
Denn rechtzeitig vor der Diskussionsrunde lud der DFB am Dienstag zu einer Presserunde nach Frankfurt am Main ein. Dort wurde den anwesenden Journalisten eine recht zweifelhafte sogenannte Fanumfrage vorgestellt, aus der hervorgeht, dass 84 Prozent aller Fußballanhänger für ein striktes Pyrotechnikverbot sind.
Dass bei dieser Telefonumfrage lediglich knapp 2000 Personen befragt wurden, ist ein erster Kritikpunkt. Davon bezeichneten sich 960 als fußballinteressiert und wurden zu den brisanten Themen gefragt. Schon dieser Umstand sorgt bei den Fans für Ärger. Viele fragen sich, ob die Befragten jemals in einem Stadion waren. Auch die extrem suggestive Fragestellung lässt an der Umfrage zweifeln. Ein Auszug: "Pyrotechnik ist gefährlich. Sie ist schädlich für den Fußball und soll deshalb hart bestraft werden. Stimmen Sie dem zu?"
Zudem veröffentlichte die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZiS) ihre neueste Studie zur "Datei Gewalttäter Sport", die alle polizeilich registrierte Auffälligkeiten im Bereich des Fußballs beinhaltet. Demnach soll es 2011 zehn Prozent mehr Gewalttaten in deutschen Stadien gegeben haben, was einen Anstieg um 13.000 Vorfälle bedeutet. Dies wäre seit zwölf Jahren ein neuer Höchststand.
Thema Pyrotechnik wird neu aufgerollt
"Gemessen an der Gesamtzahl der Besucher gab es 0,00005 Prozent Verletzte. Das ist im Vergleich zum Oktoberfest oder vielen Schützenfesten erheblich weniger. Und da sind die, die durch Schlagstöcke und Pfefferspray der Polizei verletzt wurden, bereits mit eingerechnet", hält Gerd Dembowski, Soziologe der Freien Universität Berlin und Sprecher des Aktionsbündnisses Aktiver Fußballfans, dagegen. Der Fanforscher wird ebenfalls am Kongress teilnehmen und sich gemeinsam mit Große Lefert ein Podium teilen.
Wenn es um Ausschreitungen im Stadion geht, wird auch wieder das Thema Pyrotechnik neu aufgerollt werden. Dies scheint auch notwendig zu sein. Denn nach dem unrühmlichen Ende der Debatte über eine mögliche Legalisierung von Bengalos erzürnten sich die Ultras zuletzt vehement und brannten in den darauffolgenden Wochen etliche Feuer-Choreographien ab.
Der DFB und die DFL räumten am Dienstag dann auch Fehler bei den zuletzt gescheiterten Dialogen ein. Wie es nun weitergehen soll, wissen die Offiziellen nicht: "Wir haben keine Lösung des Problems", sagte Hieronymus. Guter Rat kommt ausgerechnet vom ehemaligen DFB-Sicherheitsexperten Helmut Spahn, der mittlerweile eine auf Sportveranstaltungen spezialisierte Sicherheitsfirma in Katar leitet.
"In den vergangenen Jahren haben die Maßnahmen, das Pyrotechnikverbot durchzusetzen, kaum Wirkung gezeigt. Die Vorfälle nahmen jährlich um 100, 150 Prozent zu. Durch die Debatte wollten wir sehen, ob es Alternativen zu den althergebrachten Konzepten gibt", sagte Spahn zu SPIEGEL ONLINE. Der ehemalige Polizist saß damals als DFB-Vertreter bei den Treffen mit der Initiative "Pyrotechnik legalisieren" am Tisch. Doch statt die Debatte fortzuführen, griffen die Verbände zuletzt restriktiv durch und bezogen sich bei ihren Verboten auf ein Gutachten, das bislang öffentlich nicht einzusehen war.
Spahn hingegen glaubt, dass durch eine anhaltenden Debatte zum Thema Pyrotechnik "die Möglichkeit bestehe, die vernünftigen Fans aus dem Ultrabereich ein Stück weit an den Verband zu binden, auch wenn am Ende ein negatives Ergebnis herauskommt." Insbesondere geht es ihm um eine Versachlichung der Debatte und ein Ernstnehmen der Fankultur.
Mit der Teilnahme am Fankongress unternehmen DFL und DFB nun immerhin einen ersten Schritt in diese Richtung.