FC Bayern Warten auf das Modell 08
91 Minuten waren gespielt, als jener Mann, der sich schon als zukünftiger Kapitän und Anführer der in Europa gefürchteten Startruppe FC Bayern München gesehen hatte, endlich am Spiel teilnehmen durfte. Wenn man die paar Schritte, die Willy Sagnol dann noch auf dem Rasen von Braga machte, so bezeichnen will. Die späte Einwechslung des französischen Vizeweltmeisters sagte viel aus über den Zustand, in dem sich der deutsche Vorzeigeclub derzeit befindet.
Dass sich Trainer Ottmar Hitzfeld überhaupt genötigt sah, in der Nachspielzeit noch einmal auszutauschen, um wenigstens einen Punkt im Spiel bei Sporting Braga - dem Siebten der portugiesischen Liga - über die Zeit zu retten, verrät alles darüber, wie wenig es den Münchnern gestern Abend gelungen war, ihre anfängliche Dominanz durchzuhalten. Spätestens nach dem Ausgleichstreffer durch den früheren 1860-Spieler Roland Linz musste man befürchten, dass der FC Bayern dieses Match tatsächlich verliert und sich bereits in der Gruppenphase des Uefa-Cups in ernsthafte Bedrängnis bringt.
Nicht ganz so eindeutig lässt sich dagegen die Idee bewerten, den lange verletzten und nun offenbar beleidigten und wechselwilligen Sagnol so lange auf der Bank schmoren zu lassen. Sollte der Last-Minute-Einsatz, für den es auch ein anderer Ersatzspieler getan hätte, eine Art Zeichen sein, dass er wieder näher an der Mannschaft ist oder doch eher ein Fingerzeig, dass der 30-Jährige nur noch als Ergänzungsspieler vorgesehen ist, da die Außenbahnen mit Marcell Jansen sowie den rechts wie links verwendbaren Christian Lell und Philipp Lahm ausreichend besetzt sind?
Auch Sagnol wird sich seine Gedanken machen, denn der FC Bayern in Form von Manager Uli Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge nutzt die erste Hälfte der Saison, um seinen Luxuskader umzukrempeln . Sagnol und Verteidiger Valérien Ismael scheinen da entbehrlich, während Jan Schlaudraff und Lukas Podolski trotz geringer Einsatzzeiten als Versprechen für die Zukunft gelten und gehalten werden sollen. Zum Problemfall könnte zudem noch der international hoch geschätzte und nicht nur vom FC Barcelona umworbene Lahm werden, der einen Wechsel zu einem Spitzenclub im Ausland nicht ausschließt.
Zu früh für Matthäus
Doch es köchelt auch an anderen potenziellen Brennpunkten munter vor sich hin. Zu den vielen Fragen, auf die Hoeneß und Rummenigge im Uefa-Cup-Übergangsjahr hin zum Champions-League-Comeback Antworten finden müssen, gehören: Wird Michael Rensing trotz fehlender Spielpraxis tatsächlich in der für den FC Bayern entscheidenden Saison 2008/09, in der man international auf Augenhöhe mit Manchester, Madrid und Mailand spielen will, Oliver Kahn nahtlos im Tor ablösen? Bleibt Ottmar Hitzfeld, der intern wohl stark in die Kritik geraten ist und offen mit der weitaus stressfreier zu betreuenden Schweizer Nationalmannschaft liebäugelt, tatsächlich über die Sommerpause hinaus Bayern-Trainer? Wann sagt jemand endlich Lothar Matthäus deutlich, dass es zumindest noch zu früh für ihn ist, um diesen Job zu übernehmen?
Weil anscheinend heute bereits alles auf den Bau des möglichst perfekten Teams für die kommende Spielzeit ausgerichtet ist, drohen die Bayern ihre Pflichtaufgaben in der Gegenwart zu vernachlässigen. Dazu kommt, dass abgesehen von Lucio, Zé Roberto, Franck Ribéry und dem kongenialen Sturmduo Luca Toni und Miroslav Klose bislang niemand seinen Stammplatz gesichert hat und selbst der vom FC Barcelona geholte Mark van Bommel zu seiner eigenen Überraschung nicht im defensiven Mittelfeld gesetzt ist.
Diese Konstellation führt dazu, dass manche Spieler im Gerangel um einen Platz und ihre Wunschposition für das zu erwartende Dreamteam Bayern 08 weniger durch den Zug zum Tor, sondern durch einen Hang zur Selbstdarstellung auffallen. Da sich die Mannschaft zudem offenbar mangels hochkarätiger Gegner ständig unterfordert fühlt, kommen dann solch seltsam mediokre und schwankende Leistungen wie in Braga zustande gegen ein Team, das einen hochkonzentrierten FC Bayern nie und nimmer hätte in Verlegenheit bringen können.
Krise, welche Krise?
Oliver Kahn, der als Auslaufmodell auch nicht mehr über die teaminterne Autorität früherer Tage verfügt, beurteilte die Lage treffend: "Wir sind es gewohnt, vor 80.000 in Madrid, Manchester oder Barcelona zu spielen, und jetzt spielst du halt in der Felsenhölle von Braga vor 5000, die Stimmung ist mau - das wirkt sich nicht sehr motivierend auf die Mannschaft aus. Momentan versuchen wir uns so durchzuwurschteln - und das reicht nicht." Doch diese Kritik wird momentan kaum jemanden erreichen denn noch steht der FC Bayern in seiner Uefa-Cup-Gruppe ebenso auf dem ersten Platz wie in der Bundesliga.
Nur sollte man sich angesichts der bisherigen Leistungen auf europäischer Ebene nicht wundern, wenn man im letzten Spiel gegen Aris Saloniki noch den Gruppensieg vergeigt und in der K.o.-Runde schnell rausfliegt. Und wer garantiert eigentlich, dass Werder Bremen - zur Not mit dem B-Team - oder der Hamburger SV auf seiner Huub-Stevens-Abschiedstournee nicht eine weiterhin glänzende Saison hinlegen und den Münchnern noch die bestellte Meisterschale abjagen?
Manager Hoeneß will, zumindest nach außen, nichts von drohenden Blamagen wissen. "Wir haben doch jetzt eine ideale Ausgangsposition, sind Tabellenerster, werden das letzte Heimspiel gegen Aris Saloniki gewinnen. Was soll da kritisch sein? Wir hatten jetzt drei Spiele und keines verloren. Was wollen Sie eigentlich noch mehr?", blaffte er einen Reporter an. Eigentlich, das zeigte seine Aufregung, stellt er sich genau diese Fragen gerade selbst.
mit Material von sid und dpa