Löws Sorgentruppe: Verletzt, angeschlagen, außer Form
Löws WM-Probleme Die Kaputten und die Kummerkinder
Es waren ungewohnte Töne, die Bundestrainer Joachim Löw auf der Pressekonferenz im Vorfeld des Länderspiels gegen die Chilenen in Stuttgart (Mittwoch 20.30 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) anschlug. Sätze wie "Wir werden den Spielern in den kommenden Wochen alles abverlangen" oder "Die Phase der Wahrheit und Klarheit ist angebrochen" oder "Die Zeit bis zur WM wird für die Spieler genauso hart werden wie das Turnier selbst" hat Löw in der Vergangenheit nicht oft gesagt.
100 Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft hat Löw reichlich Gründe zur Sorge. Zahlreiche verletzte Stars, Rekonvaleszenten und Formsuchende - wahrscheinlich war die Nationalelf in den vergangenen Jahren noch nie so wenig bereit, einen Titel zu holen, wie im Moment. Löw hat das erkannt. Um es mit seinen eigenen Worten auszudrücken: "Die Uhr tickt."
Es sind dabei offenbar nicht nur die Sorgen um die langzeitverletzten Spieler Ilkay Gündogan, Sven Bender und Sami Khedira, die ihn umtreiben. Sondern auch der Umstand, dass Spieler, die frei von körperlichen Malaisen sind, derzeit nicht in der Lage erscheinen, ihr Topniveau zu halten: Mesut Özil oder Marco Reus hat er dabei im Auge.
Bayern-Spieler seit Monaten voll im Saft
Die Kurzformel lautet: Alles, was außerhalb des Kosmos vom FC Bayern München liegt, macht derzeit Kummer. Die Bayern-Spieler präsentieren sich voll im Saft, wie seit Monaten nicht anders gewohnt. Toni Kroos, Manuel Neuer und Philipp Lahm haben sich zuletzt in Bestform gezeigt. Um den zuverlässigen Thomas Müller muss man sich ohnehin keine großen Gedanken machen.
Aber was ist mit den anderen? Gündogan zum Beispiel. Einer, auf den Löw vor einem Jahr fest gebaut hat. Der Dortmunder kam zur Nationalmannschaft, ohne Angst, voller Selbstvertrauen und lieferte eine starke Partie nach der nächsten ab. Jetzt ist er mit Rückenbeschwerden seit mehr als einem halben Jahr ausgefallen.
Löw scheint den Mittelfeldspieler des BVB fast schon abgehakt zu haben. "Beim Thema, wie es mit Ilkay Gündogan weitergeht, bin ich mittlerweile überfragt", sagt der Bundestrainer. Und er fügt an: "Noch hoffe ich auf ihn." Was sich eher nach dem Gegenteil anhört.
Sami Khedira, ein Stützpfeiler dieser Mannschaft, kommt nach seiner schweren Knieverletzung nur sehr langsam wieder auf die Beine. Sein Gesundungsprozess verläuft parallel zur WM-Vorbereitung. Ausgang total offen. Wenn es irgend geht, wird Löw ihn nach Brasilien mitnehmen. Und dann gibt es da ja auch noch Holger Badstuber, der bei Löw fast immer gesetzt war. Ihn und seine ewige Verletztengeschichte denkt man schon gar nicht mehr mit, wenn es um das Personalpuzzle für Brasilien geht.
Cacau versucht Entwarnung zu geben
In die Aktion Sorgenkind reihen sich weiter ein: Miroslav Klose - hat vier Monate pausiert. Mario Gomez - zuletzt sechs Monate ohne Spielpraxis. Bastian Schweinsteiger - kommt nach Wochen mit Verletzungen jetzt erst wieder in Form. Mesut Özil - zeitweilig bei Arsenal aus dem Kader gestrichen. Lukas Podolski - wechselt beim FC Arsenal zwischen Platz und Ersatzbank. Was auch für den zuletzt allerdings stark auftrumpfenden André Schürrle beim FC Chelsea gilt. Und von Mats Hummels, von Julian Draxler, beide auch wochenlang durch Verletzungen am Spielbetrieb gehindert, hat hier noch niemand gesprochen.
Einer, der sich damit auskennt, wie es ist, monatelang auszufallen, den Anschluss zu verlieren, um das Wiedererlangen der Form zu kämpfen, ist Cacau. Der Stürmer war 2010 eine der Symbolfiguren des WM-Teams, das in Südafrika bis zum Halbfinale so begeisternden Fußball spielte. In diesen Tagen ist der VfB-Spieler ein gefragter Mann, er hat gerade seine Autobiografie herausgebracht. Sie handelt großteils von den Wechselfällen eines Fußballerlebens. Und ist damit eine Steilvorlage für die Situation des DFB-Teams.
"Im Moment sieht das mit der Nationalmannschaft alles nicht gut aus", sagt Cacau zu SPIEGEL ONLINE, "aber in drei Monaten kann sich noch so unglaublich viel tun". Er sei "felsenfest davon überzeugt, dass Deutschland zur WM eine tolle Mannschaft schicken wird", sagt der mittlerweile 33-Jährige.
Um es mit dem gläubigen Christen Cacau zu sagen: Sein Wort in Gottes Ohr.