Hoffenheim ohne Rangnick: Verlassen vom Fachmann
Hoffenheim ohne Rangnick Auf Schmusekurs ins Mittelmaß
Sie machen es sich schon sehr leicht bei der TSG Hoffenheim. "Unser Maßstab kann nur der Klassenerhalt sein", sagte der neue Trainer Marco Pezzaiuoli nach der erschütternden Vorstellung beim 2:2 gegen den FC St. Pauli. Ähnlich äußern sich derzeit Mäzen Dietmar Hopp und Manager Ernst Tanner - ein ziemlich durchsichtiges Manöver. Es fehlt nur noch, den Zweitligisten Energie Cottbus vor dem Viertelfinalspiel im DFB-Pokal am Mittwoch (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) als Gegner auf Augenhöhe einzustufen.
Wenn der Nachfolger von Ralf Rangnick nun anführt, man habe ja bedauerlicherweise "zwei Leistungsträger verloren", dann ist das schon eine arg gedehnte Interpretation. Denn die hat man nicht "verloren" wie einen Regenschirm. Die Trennung von Demba Ba, 25, war unvermeidlich, aber Luiz Gustavo, den wohl wichtigsten Mann im Team, hat der Verein aus freien Stücken abgegeben. Und damit in Kauf genommen, dass sich nun auch die anderen überdurchschnittlichen Kräfte im Kader über ihre Zukunft Gedanken machen.
Hoffenheim hat über Nacht beschlossen, nur noch Mittelmaß sein zu wollen - daran ändert auch der Einkauf des niederländischen Nationalspielers Ryan Babel wenig. Der Club hat zudem billigend in Kauf genommen, dass sein Trainer Ralf Rangnick hinwirft - was jede Führungskraft mit Selbstachtung getan hätte. Ein Trainer kann es nicht hinnehmen, dass ohne sein Wissen und gegen seinen Willen Personalentscheidungen getroffen werden. Jemand von der Charakterstruktur Rangnicks braucht da nicht lange zu überlegen. Nun, da Gustavo, Ba und Rangnick weg sind, kickt auch der Rest des Teams wie eine Mannschaft, der man ein perfektes Alibi dafür gegeben hat, um die Saison bereits nach dem 17. Spieltag abzuhaken.
Ein Branchenkenner hätte das als das übliche Gezocke entlarvt
Als Dietmar Hopp entschied, Luiz Gustavo schon im Winter gen München zu transferieren, stand der Club auf Rang acht der Tabelle, und wären da nicht einige Konzentrationsmängel in den Schlusssekunden gewesen - die TSG hätte wohl schon in der Halbserie den Europa-League-Platz belegt, den Rangnick gerne nach dem 34. Spieltag innegehabt hätte. Wenn man sich topplatzierte Mannschaften wie Mainz oder Hannover anschaut, kann man zu dem Schluss kommen, dass es auf lange Jahre hin nicht mehr so leicht sein wird wie in dieser Saison, ins internationale Geschäft zu kommen. Hopp hingegen stellte die Sache so dar, als sei das ein völlig verwegenes Ziel.
Selbstverständlich hat Hopp jedes Recht der Welt zu entscheiden, wie viel von seinem Geld er ausgibt und wann er beschließt, den Geldstrom abebben zu lassen. Nur: Als Bayern signalisierte, man werde Luiz Gustavo im Winter sicher kaufen, im kommenden Sommer aber nur vielleicht, willigte Hopp nach eigener Aussage sofort ein. Ein Branchenkenner wie Ralf Rangnick hätte das als das übliche Gezocke entlarvt. Zumal Gustavo einen Vertrag bis 2014 bei der TSG besaß. Ziemlich sicher hätten die Bayern den Brasilianer auch im Sommer verpflichtet. Die TSG hätte also auch im Sommer noch genug eingenommen und zusätzlich die Chance gehabt, geeigneten Ersatz für den 23-Jährigen zu verpflichten. Und das vielleicht als Europa-League-Teilnehmer.
Dietmar Hopp kennt im Profifußball viele Leute, er tut mit seiner Stiftung viel Gutes und tritt meist bescheiden auf. Aber es scheint ihm bei der TSG an Bereitschaft zu fehlen, sich mit Leuten zu umgeben, die auch einmal Contra geben. Einer, der das tat, war Rangnick. Manager Tanner kann oder will das offenbar nicht. Wer mit dem Präsident zu Verhandlungen nach München fährt, ohne den Trainer davon zu informieren ("der wäre nämlich sonst wütend geworden", erklärte Tanner im SWR), muss sich nicht wundern, wenn die Achtung vor ihm im Kader und in der Branche leidet.
Rangnick ist fraglos ein schwieriger Mensch
Rangnick genoss vor allem bei vielen jüngeren Spielern im Team hohes Ansehen. Und dass, obwohl kaum einer seiner ehemaligen Weggefährten in Stuttgart, Hannover, Gelsenkirchen oder Sinsheim behauptet, der Alltag mit ihm sei unkompliziert gewesen. Rangnick ist ehrgeizig, oft auch überehrgeizig. Er kann rechthaberisch sein, zuweilen herrisch. Rangnick ist ein ernster Mensch, es gibt nicht viele, die ihn mal richtig herzhaft lachen sehen haben.
Vor allem aber ist er ein erfolgreicher Trainer. Einer, der sich als Fußball-Lehrer versteht. Einer, der Spieler weiterentwickelt und einen guten Blick für Talente hat. Leute wie Boris Vukcevic oder Sebastian Rudy (beide VfB Stuttgart) kamen nicht zuletzt seinetwegen nach Hoffenheim. Der sonst so strenge Rangnick kann mit jungen Spielern einfühlsam umgehen.
Rangnick ist ein Trainer mit einer klaren Handschrift. Er hat das Team aus der Drittklassigkeit in die oberen Ränge der Ersten geführt. Wer nicht glaubt, dass es dazu mehr braucht als sehr viel Geld, möge in Wolfsburg oder Berlin nachfragen. Auch dort wurde und wird fürstlich bezahlt.
Sein Nachfolger Pezzaiuoli hat bislang eher unglücklich agiert. Nach dem blamablen Spiel gegen St. Pauli verwies er auf die laut Statistik 64 Prozent Ballbesitz. Als hätten die 29.000 Zuschauer nicht gesehen, dass die primär mit Quer- und Rückpässen erwirtschaftet wurden. Und seinen nicht eben unbekannten Spieler Sejad Salihovic nannte er nun schon zum zweiten Mal öffentlich "Salihovitschisch".
Am Sonntagabend haben die TSG-Fans in der 54. Minute ein Transparent gehisst: "Danke, Ralf, für die prägende Zeit!" Als das Spiel vorbei war, hatten viele das Gefühl, dass sie sich von weit mehr verabschieden müssen als von einem Trainer.