HSV-Trainer Oenning: Pleiten, Pech und Panik - DER SPIEGEL
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HSV-Trainer Oenning: "Mad"-Michael und seine Misere

Foto: MORRIS MAC MATZEN/ REUTERS

HSV-Trainer Oenning Pleiten, Pech und Panik

Muss er gehen? Die Partie gegen Gladbach ist ein Endspiel für Michael Oenning. Der HSV-Trainer wartet seit zwölf Spielen auf einen Sieg, sein Team ist Tabellenletzter. Die ersten Nachfolger bringen sich bereits in Position - und die Fans wenden sich ab.
Von Nils Lehnebach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beim Hamburger SV hat die Zeit der nett gemeinten Gesten begonnen. Mitte der Woche schaute die gesamte sportliche Leitung beim Training vorbei. Sportdirektor Frank Arnesen war da, zudem sein Assistent Lee Congerton sowie Analytiker Steve Houston. Auch Nachwuchschef Bastian Reinhardt und Psychologe Thorsten Weidig sollten Gemeinschaftsgefühl symbolisieren. "Das zeigt unsere Geschlossenheit. In dieser schwierigen Situation, in der wir uns befinden, signalisiert uns jeder seine Unterstützung", so Trainer Michael Oenning.

Es sagt viel über einen Trainer aus, wenn er sich über die Anwesenheit seiner Vorgesetzten bei einer Trainingseinheit freut. Der HSV ist Tabellenletzter, die verjüngte Mannschaft des einst so ambitionierten Clubs hat noch nicht ein Saisonspiel gewonnen. Am Samstag (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es zu Hause gegen Borussia Mönchengladbach. Es ist Oennings Endspiel. Der Trainer ist saisonübergreifend seit zwölf Spielen sieglos. Seit seiner Amtsübernahme im März konnte er nur ein Spiel gewinnen; direkt in der ersten Partie besiegte der HSV Köln 6:2.

Dass ausgerechnet gegen die Borussia die Wende eingeleitet wird, scheint fraglich. Wie soll eine Mannschaft, der zu Hause gegen Köln eine 3:2-Führung nach 83. Minuten nicht zu einem Punktgewinn reicht, gegen ein Team erfolgreich sein, das in dieser Saison schon in München siegte und insgesamt zehn Punkte holte? Kapitän Heiko Westermann gibt sich dennoch kämpferisch: "Alles außer drei Punkte gegen Gladbach wäre eine Katastrophe."

Die schlechten Vorzeichen scheinen die Verantwortlichen jedoch nicht zu interessieren. Arnesen sagte unter der Woche: "Wir werden gegen Gladbach gewinnen." Der Däne räumte allerdings auch ein, dass sich Oenning nicht mehr viele Niederlagen erlauben darf: "Ich bin der Sportchef und habe an die Zukunft zu denken."

Erste Nachfolge-Kandidaten bieten sich an

Oenning selbst wirkt in der Krise profillos. Die Sätze, die er sagt, scheinen so austauschbar wie der Trainer, selbst in den Augen vieler Fans. Sein Optimismus erscheint realitätsfern, nach der Pleite in Bremen (0:2) sagte er, dass er "sehr zufrieden" mit der Mannschaft gewesen sei. "Wir bleiben klar und ruhig und gehen den Weg der kleinen Schritte." Es fehle nur noch an dem absoluten Willen und dem Verständnis, dass man einen Zweikampf auch gewinnt, wenn man ihn bestreitet.

Im Hamburger Umfeld scheint kaum jemand mehr an den Verbleib Oennings zu glauben. Ruhig war es beim HSV selten, die Äußerungen der vergangenen Wochen waren aber auch für Hamburger Verhältnisse heftig. Ex-Präsident Uwe Seeler sagte nach der Niederlage in München der "Bild"-Zeitung: "Ich muss das erst mal verdauen und dieses 0:5 runtertrinken."

Unter der Woche legte dann der ehemalige Torwart Uli Stein nach: "Da spielt keine Mannschaft, da ist kein Leben, kein Feuer drin. Und was besonders beängstigend ist: Die Verantwortlichen verschließen die Augen vor der Realität." Im "Hamburger Abendblatt" kritisierte Huub Stevens, von 2007 bis 2008 HSV-Trainer, dass den Verantwortlichen die Glaubhaftigkeit fehlt - und brachte sich indirekt als Trainerkandidat ins Gespräch. Auch Bernd Schuster hat sein Interesse bekundet.

Geht es nach dem Großteil der Fans, sollte der Verein lieber heute als morgen den Trainer austauschen. Panik herrscht unter den Anhängern. In den Club-Foren gibt es überwiegend einen Tenor: "Oenning raus!!!" Digitale Unterstützung bekommen die Fans dabei von zahlreichen Nürnberger Anhängern, die den Hamburgern beistehen wollen. Oenning trainierte den Club zwischen 2008 und 2009 und irritierte die Fans dabei unter anderem mit einem Interview, in dem er sagte, dass er "bei einer Entlassung nicht todtraurig" sein würde.

Bei Twitter treibt "Mad" sein Unwesen

Auch in Hamburg drückte sich Oenning nicht immer glücklich aus. Vor der Partie in München warnte er seine Spieler bei der Ansprache vor Miroslav Klose. Der Stürmer war vor der Saison zu Lazio Rom gewechselt. Hinterher sprach er von einer "Freudschen Fehlleistung".

Einige Zuschauer haben für ihren Trainer nur noch Hohn übrig. Beim Kurznachrichtendienst Twitter legte ein Unbekannter den Account "Michael Oenning"  an und schreibt unter dem Spitznamen Mad - so nannte sich Oenning mal bei einem Auftritt in der TV-Show "Herzblatt": "Bei unserer Entwicklung haben wir am Ende der Saison um die zehn Punkte. Wofür das dann im Endeffekt reicht, muss man ein Stück weit abwarten." Oder: "Wieso Jauch? Wer wird Millionär habe ich bereits mit Herrn Jarchow (Anm.: Vorstandsvorsitzender des Clubs) gespielt, und gewonnen." Oenning hat bereits einen Anwalt eingeschaltet, um gegen den Schmäh-Twitterer vorzugehen.

Unterstützung auf den Rängen erhält der Trainer nur von den Ultras. Die Gruppierung Chosen Few gab nach der Niederlage in Bremen die Parole aus: "Gemeinsam schaffen wir das - Jetzt erst Recht". Andere hängten zuvor beim Training ein Plakat mit der Aufschrift "Jungs, wir stehen hinter euch!" auf.

Doch noch hat der HSV-Trainer Hoffnung auf sportlichen Erfolg: Zugang Ivo Ilicevic soll das magere Offensivspiel beleben. Der Mittelfeldspieler kam für vier Millionen Euro aus Kaiserslautern und ist der "Kreative, der uns noch fehlte", wie Oenning sagt. Ob er allerdings von den Ideen des Kroaten noch profitieren kann, ist fraglich - Ilicevic ist noch drei Bundesliga-Spiele gesperrt.