Matchwinner Schweinsteiger Ein oberbayerischer Dampfhammer
Matchwinner Schweinsteiger: Ein oberbayerischer Dampfhammer
Foto: Miguel Villagran/ Bongarts/Getty ImagesEr hat einfach abgezogen in der 74. Minute, aus fast 30 Metern Entfernung. Warum auch nicht, Bastian Schweinsteiger hatte freie Bahn und ist bekannt für seinen strammen Schuss. Die Flugbahn des Balls wirkte wie mit dem Lineal gezogen - unhaltbar für Bremens Keeper Sebastian Mielitz schlug er in den rechten Torwinkel ein. Sekunden später schickte Stadionsprecher Stephan Lehmann den passenden Ausdruck für diesen Treffer, der dem FC Bayern in der zweiten Pokalrunde gegen Werder Bremen den Erfolg ermöglichte, durch die Münchner Arena: "Ein oberbayerischer Dampfhammer!"
Der Schütze rannte wie entfesselt zu seinem Trainer Louis van Gaal, die Zunge herausgestreckt, und besprang wie einst Arjen Robben den sonst so auf Etikette achtenden Holländer. Selbst aus van Gaal brach die Erleichterung heraus. Der 59-Jährige wusste genau, wem er seinen ersten Heimsieg gegen Bremen zu verdanken hatte: Schweinsteiger war sein wichtigster Spieler an diesem Abend. Er hatte nicht nur das entscheidende Tor zum 2:1-Endstand geschossen, sondern bereits in der 27. Minute den Ausgleich gegen die früh in Führung gegangenen Bremer erzielt.
Butt schwärmt von Schweinsteiger
Jörg Butt, der Torwart der Münchner, geriet nach dem Spiel beim Gedanken an Schweinsteiger fast ins Schwärmen: "Basti hat sich schon in der vergangenen Saison sensationell entwickelt und eine starke WM gespielt. Er ist eine große Persönlichkeit bei uns. Es zeichnet ihn aus, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es mal nicht so läuft."
Es ist wohl genau diese Eigenschaft, die den 26-Jährigen seit Wochen so abhebt von vielen Bayern-Kollegen und dem Mittelmaß, das seine Mannschaft auch am Dienstag teilweise zeigte. Schweinsteiger übernimmt Verantwortung. Er ist zurzeit die einzige Konstante im Spiel des deutschen Rekordmeisters, während Leistungsträger wie Franck Ribéry, Robben, Mark van Bommel oder Miroslav Klose verletzt sind oder wie Toni Kroos, Thomas Müller und Philipp Lahm im Formtief stecken.
Die Bayern ohne Schweinsteiger, das wollen sie sich zurzeit nicht in ihren düstersten Alpträumen ausmalen. Nerlinger hatte seinen defensiven Mittelfeldspieler, der gerade neben Müller, Lahm und Klose sowie Mesut Özil für die Wahl zum Weltfußballer des Jahres 2010 nominiert wurde, bereits im September als unverkäuflich bezeichnet, "da kann kommen, wer will".
Schweinsteiger schießt die entscheidenden Tore
Schon vor elf Tagen, beim 3:0 gegen Hannover, hatte der Mann aus dem oberbayerischen Städtchen Kolbermoor das Spiel an sich gerissen, als er, von einer Kapselverletzung genesen, in der 65. Minute eingewechselt wurde. Auch gegen Bremen war er wieder zentrale Anlaufstelle, geschickter Ballkontrolleur und präziser Passgeber. Schweinsteiger schickte seine Kollegen wie den guten Hamit Altintop oder später Ivica Olic mehrere Male gefährlich vor das Bremer Tor.
Doch er füllt zurzeit auch eine eher ungewohnte Rolle aus: Jene nämlich, die Olic und vor allem Robben in der vergangenen Saison innehatten: All seine Tore waren bislang spielentscheidend in dieser Saison. Das erste Saisonspiel gegen Wolfsburg gewannen die Bayern dank eines Schweinsteiger-Treffers in der 90. Minute 2:1. In Basel rettete der Nationalspieler durch zwei Tore, eines davon in der 89. Minute, den 2:1-Erfolg in der Champions League. Gegen Bremen drehte er das Spiel erneut durch seine beiden Treffer zum 2:1. Schweinsteiger hat nun fünf Tore in Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League erzielt. Mit Mario Gomez ist er Bayerns Top-Torjäger.
Schweinsteigers offensive Ausrichtung rächt sich fast
Seine offensivere Ausrichtung rächte sich gegen Bremen fast, denn die Defensive, zu der Schweinsteiger auch gehört, arbeitete schludrig und ließ innerhalb von zehn Minuten nach der Pause gleich fünf Großchancen der schnörkellos und schnell spielenden Bremer zu. Mehr als ein Lattenschuss von Marko Arnautovic sowie ein wegen angeblichen Foulspiels aberkannter Treffer von Sebastian Prödl gelang den Norddeutschen jedoch nicht.
Bayerns Sportdirektor richtete seinen Blick nach dem Erfolg gegen einen der ärgsten Widersacher im Pokalwettbewerb und Finalgegner in der Vorsaison schon wieder auf die nächsten Aufgaben. Ein Wort wollte Christian Nerlinger dabei gar nicht hören: "Es ist kein Wendepunkt. Wir haben in der Bundesliga drei Pflichtsiege vor uns und hoffen, danach den Abstand etwas reduziert zu haben."
Ein Wendepunkt wäre das Spiel womöglich gewesen, wenn die Bayern es verloren hätten. Dann hätte es ungemütlich werden können für Louis van Gaal. Das kann noch kommen, denn auch in der Bundesliga sind die Bayern zum Siegen verdammt. Zunächst aber durfte Münchens Trainer wieder eines seiner Tod-oder-Gladiolen-Spiele gewinnen - so nennt der Holländer K.o.-Begegnungen gerne und oft.
Bastian Schweinsteiger hatte an diesem Abend weder Sinn für Blumen noch für Komplimente oder lange Fragerunden. Mit wehendem Mantel eilte er wortlos durch die Mixed-Zone. Der junge Mann ließ lieber Taten sprechen.