Pokalschreck Osnabrück Der Nächste, bitte!
Osnabrücker Spieler gegen Hamburg: "Haben den Fans die Freude zurückgegeben"
Foto: A3634 Friso Gentsch/ dpaHamburg - "Tor des Monats? Ich hoffe doch!" Osnabrücks Abwehrchef Angelo Barletta hatte nur noch eine Sorge. Eine richtige Erklärung konnte der Innenverteidiger nicht liefern, wie er das mit dem Fallrückzieher angestellt hatte. Aus neun Metern ins rechte obere Toreck, ausgerechnet im Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund. Das 2:0 besorgte der 32-Jährige per Kopf gleich hinterher. Was an diesem Abend in Osnabrück passierte, hat man im DFB-Pokal schon Dutzendfach erlebt: ein ausverkauftes enges Stadion, Klein gegen Groß, die Hoffnung in den Köpfen. Wenn plötzlich alles klappt und Innenverteidiger per Fallrückzieher treffen. Am Ende schleicht der Bundesligist betreten vom Platz.
Osnabrück ist der Favoritenschreck des laufenden DFB-Pokals. Vor dem 3:2 gegen Borussia Dortmund hatte der VfL bereits den Hamburger SV und Zweitligist Hansa Rostock besiegt. Am Mittwoch (20.30 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) soll das auch der FC Schalke 04 zu spüren bekommen. Der nächste Bundesligist - die nächste Chance. "Wir haben zweimal bewiesen, was in solchen Spielen drin ist", sagt Osnabrücks Trainer Karsten Baumann. Schalke-Coach Felix Magath will davon nichts wissen: "Wir spielen zwei Klassen höher. Da wäre alles andere als das Erreichen der nächsten Runde für uns nicht akzeptabel."
Der Pokal-Wettbewerb hat in dieser Saison für den VfL Osnabrück einiges gerettet. Er hat positive Nachrichten beschert. "Der Pokalerfolg hat uns geholfen, trotz allem eine gute Saison zu spielen", sagt Baumann SPIEGEL ONLINE. Trotz des Abstiegs aus der Zweiten Liga, trotz des Wettskandals, der am 20. November über Europa herein brach. Mittendrin: der VfL Osnabrück. Die früheren Spieler Marcel Schuon und Thomas Cichon bestätigten Kontakte zur Wettmafia, wollen jedoch nie ein Spiel manipuliert haben. Auch der Name von Kapitän Thomas Reichenberger wurde genannt.
Schaden für die Marke Osnabrück
Nach Aussagen eines Wettbürobetreibers galt Reichenberger bald als entlastet. "Natürlich steckte die Marke VfL Osnabrück mit drin", sagt Baumann, "aber in der Mannschaft war der Skandal gar nicht das ganz große Thema." Das klingt plausibel, denn die meisten Profis von heute spielten damals noch gar nicht in Osnabrück. Nach den Relegationsspielen gegen den SC Paderborn, die der VfL beide 0:1 verlor, stieg Osnabrück im Sommer in die Dritte Liga ab. 16 Spieler verließen den Verein, etwa so viele kamen dazu. Mit Baumann verpflichtete der Verein auch einen neuen Trainer. "Wir haben derzeit nur vier Spieler, die zu der betreffenden Zeit überhaupt in der Mannschaft spielten", sagt Baumann.
In der Dritten Liga verlor der VfL die ersten drei Auswärtsspiele, klebte im Tabellenmittelfeld fest. Osnabrück richtete sich langsam auf Drittligafußball ein. Dann kam der HSV. Auch vier Monate danach misst Baumann diesem Spiel am 23. September die größtmögliche Bedeutung zu. "Nach dem Abstieg waren die Fans gefrustet. Denen haben wir mit dem Pokalsieg gegen den HSV die Freude zurückgegeben", so Baumann. Der VfL ging schnell 2:0 in Führung, Hamburg schaffte erst in der Nachspielzeit den Ausgleich. In der Verlängerung traf Guy Demel für den HSV, dann Henning Grieneisen für Osnabrück, drei Minuten vor Schluss. Im Elfmeterschießen zielte Hamburgs Mladen Petric nur an den Pfosten. "Wir haben den Ersten der Bundesliga geschlagen", jubelte Baumann damals, "da können wir gegen jeden gewinnen."
Leichter gegen Kuranyi und Farfan
Mittlerweile ist Osnabrück Tabellenführer in der Dritten Liga, steuert souverän den Wiederaufstieg an. Der Sieg gegen den HSV hat die Stimmung verändert. "Diese emotionale Berg- und Talfahrt war die Initialzündung für meine Truppe", sagt Baumann. Der Trainer spricht vom Knackpunkt der ganzen Saison. Der Makel durch die Verstrickung in den Wettskandal bleibt, doch in der Mannschaft kippte die Stimmung nicht. Nur bei Kapitän Reichenberger: Der 35-Jährige, der für den VfL so viele wichtige Tore schoss, sitzt derzeit meist auf der Ersatzbank. Es ist wohl seine letzte Saison als Profifußballer.
Gegen Schalke wollen die Osnabrücker das Pokalabenteuer noch ein wenig fortführen. Das Stadion an der Bremer Brücke ist wieder ausverkauft - es hat nur wenige Stunden gedauert. Einige Fans hatten sogar die Nacht vor der Geschäftsstelle verbracht, bis der Restkartenverkauf startete. Auch Baumann freut sich: "Als Trainer ist es für mich natürlich leichter, wenn wir gegen Schalke spielen. Zu Kevin Kuranyi oder Jefferson Farfan fällt jedem meiner Spieler etwas ein. Das ist in der Dritten Liga anders", sagt er. Baumann muss wahrscheinlich auf seinen Kunstschützen Barletta verzichten, dessen Fallrückzieher später tatsächlich zum Tor des Monats Oktober gewählt wurde. Ihn plagt eine Gelenkstauchung.
Auch ohne seinen besten Innenverteidiger will Baumann die nächste Überraschung. "Schalke ist ein Spitzenteam, aber das war der HSV auch", sagt der frühere Köln- und Dortmund-Akteur. Seine Rechnung ist einfach: "Gegen einen Bundesligisten verlieren wir normalerweise neun von zehn Spielen. Dieses eine Spiel müssen wir gegen Schalke wieder erwischen."