Spanien vor der EM: Die zweite Reihe des Titelverteidigers
Gruppe D - Spanien Del Bosques Rentner-Rätsel
Krachender war noch kein Titelverteidiger bei einer Weltmeisterschaft ausgeschieden. Vor zwei Jahren verlor Spanien zum Auftakt gegen die Niederlande 1:5, nach der 0:2-Niederlage gegen Chile war die WM 2014 bereits nach dem zweiten Spiel beendet. Im Zentrum der Kritik stand der Erfolgstrainer der vergangenen Jahre: Vicente del Bosque habe zu lang an verdienten Spielern festgehalten, der Kader sei zu satt, zu alt und die Spielidee überholt gewesen.
Del Bosque hielt sich - durchaus überraschend - im Amt, kündigte aber Veränderungen an. Tatsächlich nominierte der 65-Jährige für die EM 2016 in Frankreich nur noch 13 Profis, die schon in Brasilien dabei waren. Xavi und David Villa traten freiwillig zurück, der Rest wurde aussortiert.
Was nach erforderlichem Umbruch aussieht, kann auf den zweiten Blick nicht überzeugen. Mit Mikel San José (27 Jahre), Nolito (29), Bruno Soriano (31) und Aritz Aduriz (35) sind gleich vier Neulinge dabei, die nicht für die Zukunft der Selección stehen. Wenn die Leistung stimmt, kann das für ein großes Turnier selbstverständlich egal sein. Auf der Liste der Nicht-Nominierten stehen allerdings viele Namen, viele gute Namen - und viele junge.
Isco, Níguez und Alcacer fehlen im EM-Kader
Für Aduriz, einen der ältesten Feldspieler der gesamten EM, hätte beispielsweise Paco Alcacer mitfahren können. Der Stürmer von Athletic Bilbao war mit 20 Treffern zwar erfolgreichster spanischer Torjäger der Primera División, der 22-jährige Alcacer erzielte für den FC Valencia aber auch 13 Tore - und stellte seinen Wert mit fünf Treffern in der EM-Qualifikation für Spanien bereits unter Beweis.
Spaniens Trainer Del Bosque
Foto: Emilio Naranjo/ dpaFür die Zukunft wertvolle Turniererfahrung hätten auch Real Madrids Isco (24), Juan Bernat (23) vom FC Bayern, Champions-League-Finalist Saúl Níguez (21) oder der offensive Mittelfeldspieler Marco Asensio (20) von Espanyol Barcelona sammeln können. Aber das Prinzip vom deutschen Bundestrainer Joachim Löw, der mit Leroy Sané (20), Joshua Kimmich (21) und Julian Weigl (20) gleich drei Talente ohne große Aussicht auf Spielminuten mit nach Frankreich nimmt, ist nicht del Bosques Ding.
Dabei scheint derzeit von den "neuen Alten" nur Nolito von Celta Vigo ernsthafte Chancen auf einen Startelfplatz beim EM-Auftakt gegen Tschechien am 13. Juni zu haben. Der Flügelstürmer durfte in den Testspielen gegen Bosnien-Herzegowina und Südkorea beginnen und erzielte insgesamt vier Tore. In der Form wird ihn Chelseas Pedro kaum verdrängen können.
Die zentrale Achse steht bei Spanien
Unabhängig von diesen seltsamen Personalentscheidungen in der zweiten Reihe hat Spanien wieder eine exzellente Startelf. Del Bosques zentrale Achse mit Iker Casillas im Tor, Jordi Alba, Sergio Ramos und Gerard Piqué in der Viererkette sowie Sergio Busquets und Andrés Iniesta im Mittelfeld steht - Casillas in Anbetracht des aufstrebenden David de Gea mal ausgeklammert - für eine titelreife Mannschaft.
Letztlich fehlt dem Titelverteidiger nur ein Stürmer, der vier bis fünf Tore garantiert, wie es Villa und Fernando Torres in den erfolgreichen Jahren gemacht haben. Aduriz wird das auf seine alten Tage nicht sein und auch Álvaro Morata spielt bei allem Talent längst nicht am Limit. Aber wie antwortet del Bosque auf solche Einwände? "Wir können auch ohne Stürmer spielen."
Von Albanien bis Deutschland: 24 Teams treten bei der EM in Frankreich an. SPIEGEL ONLINE stellt alle Mannschaften vor. Die Texte in der Übersicht:Gruppe A
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