Luis Suarez: Ein echtes Schlitzohr
Uruguay-Star Suarez Die Hand Satans
Ajax Amsterdam war mal eine der feinsten Adressen im europäischen Fußball: In den siebziger Jahren, als Johan Cruyff den Ball streichelte, in den Neunzigern, als unter Führung eines gewissen Louis van Gaal Jungprofis wie Patrik Kluivert, Edvin van der Sar oder die de Boer-Zwillinge die Fußballwelt überraschten.
Die Liste der Profis, die in den vergangenen Jahren das Ajax-Trikot getragen haben, liest sich immer noch wie die Gourmet-Speisekarte des Weltfußballs: Zlatan Ibrahimovic, mittlerweile FC Barcelona, Wesley Sneijder, mittlerweile Inter Mailand, Rafael van der Vaart, mittlerweile Real Madrid, Klaas Jan Huntelaar, mittlerweile AC Mailand.
Es bedarf keiner großen Phantasie, festzustellen, dass Luis Suarez als nächstes auf dieser Rangliste der ehemaligen Ajax-Stars auftauchen wird. Der Stürmer aus Uruguay hat bei dieser WM genug Aufsehen erregt, um das Interesse europäischer Premiumvereine zu wecken. Aber erst einmal will Suarez dafür sorgen, dass ihn auch die deutschen Verteidiger im Spiel um Platz drei (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Gedächtnis behalten werden.
Beeindruckende Zahlen - aber das Image ist dahin
Sagenhafte 35 Treffer hat Suarez in der abgelaufenen Saison für Ajax erzielt. Er ist der Fußballer des Jahres in den Niederlanden. In 35 Länderspielen hat er 13 Tore gemacht. Beeindruckende Zahlen.
Die Welt kennt ihn aber nur als den "Betrüger von Johannesburg".
Seitdem er durch sein absichtliches Last-Minute-Handspiel auf der Torlinie den Sieg Ghanas im Viertelfinale verhinderte und damit die Träume des letzten afrikanischen Teams bei dieser afrikanischen WM platzen ließ, ist Suarez so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins bei dieser Weltmeisterschaft. In den Zeitungen Südafrikas wurden Bilder von ihm mit Teufelshörnern abgedruckt. Dass sich der 23-Jährige von seinen Teamkollegen als Retter feiern ließ, haben ihm die Afrikaner nicht verziehen.
Suarez gibt den abgebrühten Profi: "Ich hab alles gelesen, was hier über mich geschrieben wurde. Und ich kann nur sagen: Ich bin hier, um Fußball zu spielen. Wenn andere ein Problem mit mir haben, dann ist das eben so", sagte er der niederländischen Tageszeitung "Volkskrant". Außerdem sei er überzeugt, dass "jeder Spieler an meiner Stelle genauso gehandelt hätte wie ich".
Viele WM-Beobachter hätten sich gewünscht, dass die Fifa ein Exempel statuiert und Suarez für sein Vergehen für den Rest der WM gesperrt hätte. Aber der Weltverband sah das Handballspiel offenbar nicht als gravierenden Verstoß an. So kann der Stürmer, nachdem er im Halbfinale gegen die Niederlande (2:3) aussetzen musste, am Samstag gegen das DFB-Team doch noch einmal auf Torejagd gehen.
Auf der Suche nach der perfekten Schwalbe
Der Uruguayer ist seit 2005 Profi, sein erstes Länderspiel machte er 2007, aber Suarez beherrscht mit seinen 23 Jahren auf dem Platz schon so viele Tricks wie ein Rudi Völler einst nach 15 Profijahren mit Mitte 30. In den Niederlanden hat er einen zweifelhaften Ruf als "Schwalbenkönig". Wer ihn manchmal bei Ajax im gegnerischen Strafraum abheben sieht, hat das Gefühl, als betrachte sich Suarez geradezu in einem sportlichen Zweikampf mit dem Schiedsrichter. Auf der Suche nach der idealen Schwalbe, dem perfekten Fall, auf den jeder Referee der Welt hereinfällt.
Es gibt in den Niederlanden einen Reklamespot mit Suarez. Der Ajax-Stürmer wirbt dabei für einen Hörgerätehersteller. Die Handlung des Filmchens: Suarez kommt zum Verkäufer und beschwert sich, dass er auf dem Feld "immer so ein irritierendes Pfeifen im Ohr" habe. Sie kommen ins Geschäft, der Verkäufer will Suarez zum Abschied seine Karte reichen. Suarez antwortet: "Nein, danke, Karten habe ich schon genug."
In Uruguay wird Suarez dagegen als Held verehrt. Zusammen mit Nebenmann Diego Forlan bildet er das vielleicht beste Angriffsduo dieses Turniers. Wer ein typisches Suarez-Tor sehen will, der sollte sich seine drei WM-Treffer anschauen. Abstauber wie gegen Mexiko. Treffer mit viel Ballgefühl wie gegen Südkorea. Suarez hat alles, was einen Mittelstürmer ausmacht: Er ist antrittsschnell, trickreich, ballsicher.
Wer 40 Millionen Euro für Suarez ausgeben will, könne mit dem Club ins Gespräch kommen, hat der Amsterdamer Vorstand verkündet. Das war vor der Weltmeisterschaft. Ajax plagen Millionenschulden - der junge Stürmer ist das wertvollste Pfand, das der Verein im Kampf gegen seine finanziellen Probleme in der Hand hält. Die üblichen Verdächtigen haben bereits angefragt: Der FC Barcelona, Manchester United, Manchester City. Ajax-Coach Martin Jol hat gesagt, Suarez habe bei diesem Turnier ein "riesiges Preisschild" um den Hals hängen. Es ist noch nicht entschieden, ob sein Handballspiel förderlich oder schädlich für Suarez' Marktwert war.
Gegen Deutschland geht es für Suarez daher nicht nur um den dritten WM-Platz für Uruguay. Auch in Amsterdam werden ein paar Herren die Daumen drücken, dass der Südamerikaner dem deutschen Torwart Manuel Neuer ein oder besser noch zwei Tore einschenkt.
Es geht um mindestens 40 Millionen Euro.