WM 2006 Das Fußballmärchen
Märchen sind Volksgut, jeder kennt sie, weil sie seit Jahrhunderten weitergetragen werden zwischen den Generationen. Mit Märchen ist es wie mit McDonald's - man weiß immer, was man bekommt. An irgendeinem Ort passieren allerhand wunderliche oder grausame Dinge, und am Ende gewinnt immer das Gute. Es gibt so viele Märchen, dass die Brüder Grimm eine Heidenarbeit hatten bei ihrem 1812 erschienenen "Kinder- und Hausmärchen".
Die Grimms waren sogenannte Märchensammler, Archivare der Überlieferung. Es gibt aber auch Märchenerzähler. Oscar Wilde zum Beispiel, Christian Peitz, Onkel Hotte. Oder Jürgen Klinsmann. Sein Märchen ging so: "Wir wollen Weltmeister werden."
2004 sagte Klinsmann diesen Satz, und weil das Wollen auch das Können unterstellte, galt der Bundestrainer in jenem Sommer schon kurz nach seiner Amtsübernahme als Leugner offensichtlicher Tatsachen. Der deutsche Fußball hatte sich gerade bei der Euro 2004 blamiert, ihm haftete das Image eines in die Jahre gekommenen Boxers an. Immer gut für einen Schlag, aber vor allem eins: von gestern. Als Klinsmann voller Energie und Motivation bei jener Pressekonferenz 2004 vom Titel sprach, war der WM-Erfolg deshalb ungefähr so realistisch wie eine Münchhausen-Geschichte.
Zwei Jahre später, im Juli 2006, war der deutsche Märchenkanon überraschend erweitert - um das sogenannte "Sommermärchen".
Die eigentliche Bedeutung reicht weit über 2006 hinaus
Die Euphorie im Land ist später oft überhöht worden, es wurde von einer nationalen Begeisterungswelle (zu Recht) und positiven Folgen für die Wirtschaft ( zu Unrecht) geschrieben. Die sportliche Leistung war nüchtern betrachtet durchaus beachtlich: Deutschland wurde WM-Dritter, besiegte Argentinien und Portugal und verlor gegen Italien erst nach Verlängerung. Und das alles mit einer Mannschaft, deren Leistungsträger fast unverschämt jung waren. Podolski, Schweinsteiger, Mertesacker, Lahm, alle Anfang zwanzig. Dazu Ballack oder Klose - anerkannte Spieler von Format.
Die eigentliche Bedeutung des Sommermärchens reicht aber weit über das Jahr 2006 hinaus. Denn nicht zufällig bilden die Stammspieler von damals auch heute noch den Kern der Nationalmannschaft, die das EM-Finale 2008 erreichte und sich ohne eine Niederlage für die WM 2010 qualifizierte. Das Sommermärchen brachte zudem die letzten Zweifler zum Schweigen, ob sie beim DFB saßen oder in der Presse. Die Botschaft war: Der Weg ist der richtige.
Dieser Weg: Das Spiel der deutschen Mannschaft soll schnell, leichtfüßig und vor allem "vertikal" sein und nicht mehr auf dem alten Prinzip basieren, dass die anderen fürs Schönspielen zuständig sind. Kandidaten für die DFB-Elf müssen seither einem Anforderungskatalog gerecht werden, der selbst für Torhüter und Abwehrspieler eine überdurchschnittliche Technik verlangt, um eine fehlerfreie Spieleröffnung zu gewährleisten. Bayerns vielseitiges Verteidigertalent Holger Badstuber darf sich nun trotz erst 15 Bundesliga-Spielen berechtigte Hoffnungen auf eine WM-Nominierung machen.
Wo Systeme fallen gibt es Bewahrer
Bis in die jüngsten U-Mannschaften des DFB gelten diese Kriterien, auch bei der U17, U19 oder U21 haben sich zählbare Erfolge schon eingestellt. Das deutsche Spielsystem soll wie ein Anzug sein, der immer passt, egal wer ihn trägt. Das war der Plan, und er scheint schon wenige Jahre nach seinem Entwurf aufzugehen. Dabei wäre er beinahe gescheitert.
Selten in der Geschichte des deutschen Fußballs war ein Wandel radikaler - und damit auch fragiler. Denn es wurde nicht nur die Mannschaft verändert, sondern ein ganzes System. Als Klinsmann, Oliver Bierhoff und Joachim Löw 2004 antraten, hatte man den Eindruck, als wollten sie die DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise erst mit dem Schaufelbagger einreißen und dann wieder aufbauen. Aber wo Systeme fallen gibt es Bewahrer, ob beim DFB oder bei der "Bild". Die Kosten für die WM-Vorbereitung wurden ebenso bemäkelt wie der opulente Betreuerstab aus den USA. Kritik gab es an Klinsmanns Wohnsitz und auch immer wieder Zweifel an seinen Trainerqualitäten. Zum Tiefpunkt wurde das 1:4 in Italien im WM-Jahr.
Anti-Klinsmann-Plakate in Dortmund oder Schlagzeilen wie "Grinsi-Klinsi" ("Bild") - die Häme und der Hass von damals wirkten schon im Juli 2006 irgendwie unwirklich und heute erst Recht. Heute kann es der DFB nicht erwarten, die Verträge mit Bundestrainer Löw oder Teammanager Bierhoff zu verlängern. Heute kommen 45.000 Menschen nach Düsseldorf zu einem Freundschaftskick gegen Norwegen und zehn Millionen schauen am Fernseher zu. Heute erklärt Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi, dass Deutschland im nächsten Jahr Weltmeister werden kann.
Und keiner zweifelt mehr daran.