Zwanzigers Abschied Eitel bis wolkig
Auf eines freut sich Theo Zwanziger jetzt schon: "Wenn ich nicht mehr offiziell im Amt bin, kann ich mich endlich offen dazu bekennen, dass ich Fan dieses wunderbaren Vereins Borussia Mönchengladbach bin." Aus seiner Vorliebe für die Gladbacher hat Zwanziger aber auch schon in seiner Zeit als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) keinen großen Hehl gemacht. Öffentliche Zurückhaltung war nie das Ding des Theo Zwanziger, der am Freitag nach siebeneinhalb Jahren als DFB-Boss abtritt. Es ist diese Schwäche, die am Ende vieles an Verdiensten des 66-Jährigen überdeckt.
Die Amtszeit Zwanzigers zerfällt in zwei Teile. In den ersten Jahren gab es den Reformer, der es geschafft hat, dem Fußball Themen zuzuführen, die zuvor ein Schattendasein im DFB führten: Der Umgang mit Rassismus, mit Fremdenfeindlichkeit und Homophobie gehört dazu. Zwanziger hat den DFB stets als eine Organisation mit einem gesellschaftlichen Auftrag gesehen. Er hat öffentlich für Toleranz geworben und den Fußball für das Ziel der Integration sensibilisiert. Zwanziger hat den DFB geöffnet, den Blick der Fußball-Funktionäre geweitet.
Zwanziger hat den DFB verändert, genauso hat das Amt aber auch ihn selbst verändert. Irgendwann begann der Präsident, sich in seiner Rolle zu sehr zu gefallen. Nach seiner bewegenden Trauerrede für den toten Nationaltorwart Robert Enke hat er viel Applaus bekommen - vielleicht zu viel. Zwanziger drängte danach mehr und mehr vor die Fernsehkameras. Persönliche Eitelkeit fing an, das Reden und Handeln des Präsidenten zu bestimmen.
In den vergangenen Jahren häuften sich Zwanzigers Fehler
In der Folge machte Zwanziger mehrere vermeidbare Fehler. Die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw scheiterte im Februar 2010 auch deswegen, weil Zwanziger die Angelegenheit extrem ungeschickt behandelt hatte. Ohnehin fand er zur Nationalmannschaft und ihren von Löw und Oliver Bierhoff geschaffenen modernen Management-Strukturen keinen rechten Zugang. Es lag auch an Zwanziger, dass die Nationalelf im DFB mehr und mehr ein Eigenleben entwickelte.
DFB-Präsident Zwanziger: Manchmal Top, häufig Flop
Während der Präsident mit seinem Engagement für die Frauen-Nationalelf kokettierte, hatten sich Löw, Nationalmannschafts-Manager Bierhoff und Co. längst vom Verband abgekoppelt. Zwanziger wurde zwar in dieser Woche von der Nationalmannschaft mit einer großen Torte verabschiedet. Und Löws Assistent Hans-Dieter Flick sprach vor der Presse von der "großen Familie DFB". Aber hinter den Kulissen sah es anders aus. Viel war in der Frankfurter DFB-Zentrale von Zwanzigers ruppigem Ton die Rede. Widerspruch wurde auch intern wenig geduldet, am Ende auch nur noch selten geübt.
Zwanziger hat die Schiedsrichter-Affäre massiv unterschätzt
In der unappetitlichen Schiedsrichteraffäre um den früheren DFB-Funktionär Manfred Amerell und dessen Schützling Michael Kempter im Frühjahr 2010 erweckte Zwanziger den Anschein, von Anfang an parteiisch zu sein, indem er sich ohne Eile sofort auf Kempters Seite stellte. Zwanziger hatte die Sprengkraft der Affäre komplett unterschätzt - und er tat alles dafür, dass alle Beteiligten am Ende als beschädigt dastanden.
Gegenüber dem von Korruptionsvorwürfen geschüttelten Weltverband Fifa bemühte er zwar eine kraftmeierische Rhetorik und wollte sich als Reformer in Stellung bringen. Als es um die Wiederwahl von Fifa-Boss Joseph Blatter aber zum Schwur kam, war von Zwanziger nichts zu sehen.
Unsouverän wirkte auch sein Umgang mit den Wettbetrugsvorwürfen im deutschen Fußball. Die Vorgänge spielte er an einem Tag herunter, bauschte sie am nächsten Tag auf. Ähnliches galt für die Steueraffäre um die DFB-Schiedsrichter, die im vergangenen Herbst den Verband erschütterte. Auch hier ließ der Präsident eine klare Linie vermissen. Zuletzt gab er beim Suizidversuch von Schiedsrichter Babak Rafatik kein gutes Bild ab.
Bei allem, was Zwanziger tat: Er war nie ein guter Krisenmanager. Das dürfte ihn von seinem Nachfolger Wolfgang Niersbach unterscheiden.
Zwanziger, der Verwaltungsjurist aus Altendiez, war an der Spitze des weltgrößten Sportverbandes in gewissem Sinne ein Anachronismus. Einer, der das Ehrenamt im Zweifel dem Elitegedanken vorzog, der die Durchkommerzialisierung des Fußballs stets mit einem gewissen Bedauern begleitete, der die Bierwerbung in der Bundesliga verbieten wollte, weil Alkohol nichts im Sport verloren habe.
Mit Theo Zwanziger geht der letzte Funktionär alter Schule an der Spitze des DFB. Jetzt übernehmen die Manager das Kommando.