Lieber Ballack als Botero - DER SPIEGEL
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RADRENNEN Lieber Ballack als Botero

Zehn Millionen Euro gibt die Telekom dieses Jahr für ihren Radrennstall aus. Doch seit dem Fortgang von Jan Ullrich mangelt es dem Team an bekannten Gesichtern - die Popularität schwindet. In der Konzernspitze wird bereits der Fußball als Marketingbühne favorisiert.
• aus DER SPIEGEL 23/2003
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Sportlich betrachtet ist Paolo Savoldelli, 30, einer der weltbesten Radprofis. Vor einem Jahr erst hat er in seinem Heimatland den Giro d''Italia gewonnen - in dem Städtchen Grafenau, einem Etappenort der Bayern-Rundfahrt, schert sich trotzdem niemand um ihn.

Dicht gedrängt stehen die Autogrammjäger am vorvergangenen Freitag um den Campingbus herum, in dem sich die Fahrer vom Team Telekom nach der Zieldurchfahrt erholen. Als Savoldelli aussteigt, schlüpft er unbehelligt durch die Menge. Ein paar Jungs blicken ihm nach, wie er zum Hotel losradelt. »Salmonelli«, feixt einer. Seine Freunde prusten vor Vergnügen.

Einen fremdländischen Rennfahrer anzuhimmeln, nur weil er im magentafarbenen Trikot der deutschen Equipe steckt, damit tut sich das Publikum offenkundig schwer. Seit 1991, als noch der Bundespost-Muff auf dem Image lag, bildete das Team verlässlich so etwas wie die Nationalmannschaft auf Speichenrädern. »Wir hatten das Sympathie-Monopol«, sagt ein wenig wehmütig der Sprintspezialist Erik Zabel. Der Fernmeldekonzern beherrschte die hiesige Radszene wie das Festnetz für Ortsgespräche: Laut einer Studie eines Kölner Marktforschungsinstituts verbanden im Vorjahr zwei Drittel der Deutschen den Radsport mit der Telekom.

Doch die Popularität schwindet. Als der ehemalige Tour-de-France-Sieger Jan Ullrich nach seinen Eskapaden im vorigen Herbst dem Team den Rücken kehrte, zog er auch die Aufmerksamkeit mit sich. Sein Comeback nach Knieverletzung und Rennsperre, das Chaos um ausbleibende Gehaltszahlungen und den Lizenzentzug bei seinem neuen Rennstall Coast überschatteten in den vergangenen Wochen sogar Weltcuperfolge der Telekom-Fahrer.

Besonders schmerzlich wurde das den Verantwortlichen in der Bonner Firmenzentrale Ende April bewusst. Beim Amstel Gold Race am Ostersonntag eilte der Kasache Alexander Winokurow der Weltelite davon - der mediale Nachhall blieb mäßig. Als tags darauf Jan Ullrich beim zweitklassig besetzten Rennen »Rund um Köln« zum Sieg fuhr, wurde dieser Erfolg hingegen so hochgejazzt, als hätte der sommersprossige Held in Rekordzeit Alpe d''Huez gestürmt. »Ihm wollen die Leute stundenlang ins Gesicht schauen«, sagt Hagen Boßdorf, Sportkoordinator und Radsport-Experte bei der ARD. »Ullrich zieht das Publikum vor die Fernseher.«

Boßdorf könnte auch was Nettes über Team Telekom sagen, schließlich wirbt die ARD auf den Trikots der Mannschaft, und die Telekom schaltet TV-Spots bei den Rennübertragungen der Öffentlich-Rechtlichen. Doch der Fernsehmann weiß, dass Deutschland nicht von einem Radsport-Boom erfasst ist, sondern von einem Jan-Ullrich-Hype.

Im Prinzip ist das Phänomen auch dem Telekom-Management bekannt. An Avancen Richtung Ullrich hat es bis zuletzt nicht gemangelt - spätestens seit der gebürtige Rostocker im Frühjahr nach Ablauf der Dopingsperre mit ersten Erfolgen angedeutet hat, dass er es ernst meint mit dem Wandel zu einer skandalfreien und professionellen Lebensführung. Ebenso oft, wie die unterfinanzierte Coast-Mannschaft auseinander zu brechen drohte, tat Telekom-Teamchef Walter Godefroot kund, dass »für Jan bei uns immer Platz wäre«.

Mit der Übernahme der Coast-Equipe durch den italienischen Rennradfabrikanten Bianchi ist diese Option jedoch perdu. Jetzt bleibt dem Team Telekom, etwa im Juli bei der Tour de France, nichts anderes übrig, als auf die neu verpflichteten Ausländer zu setzen: außer Savoldelli auf den kolumbianischen Zeitfahrweltmeister Santiago Botero, 30, und auf Cadel Evans, 26, ein hoch eingeschätztes Talent aus Australien - aus der deutsch dominierten Mannschaft ist eine Interkontinentalauswahl geworden.

In der Bonner Geschäftsführung wird deshalb bereits überlegt, die Sportgruppe im kommenden Jahr in »Team T-Mobile« umzubenennen. Die Mobilfunk-Sparte macht rund 60 Prozent ihres Umsatzes von knapp 20 Milliarden Euro im Ausland, etwa in den USA und Großbritannien.

Weil die Team-Neulinge bislang nur Radsportfreaks ein fester Begriff sind, sollen sie jetzt einem breiten Publikum ins Blickfeld radeln. In Bayern stiegen vorletzte Woche Savoldelli und Evans in den Sattel, diese Woche soll auch Botero bei der Deutschland-Tour starten. Zumal die drei bislang kaum im Magenta-Dress zu sehen waren: Botero bereitete sich bis Mitte Mai zu Hause in Medellín vor, Evans brach sich bei einem Sturz ein Schlüsselbein. Und Savoldelli stieß im Februar beim Training frontal mit einem Motorradfahrer zusammen - Nasenbein kaputt, an zwei Halswirbeln Knochenteile abgesplittert.

Umso mehr drängt nun die Zeit. Sie müssten lernen, sagt Erik Zabel über die Pflichteinsätze auf den Bundesstraßen, »mit dem Druck umzugehen, für eine deutsche Mannschaft in Deutschland zu fahren«.

Zabel sitzt in der Gaststube der »Einkehr zur Kleblmühle«, einer abgelegenen Pension im Bayerischen Wald. Über dem Eingang hängt ein mit Tannenzweigen bekränztes Holzschild, auf dem ein Willkommensgruß für das Team prangt.

Drinnen läuft zufällig ein Fernseher, ausgerechnet der Bericht über die heutige Etappe der Bayern-Rundfahrt. Zabel schaut sich selbst dabei zu, wie er allen Gegnern mit stampfendem Tritt davonspurtet. Die Gäste an den Nachbartischen klatschen, Zabel dankt lächelnd. »War schon ein bisschen heftig, die Steigung«, kommentiert er seinen Sprint - für einen Augenblick gerät die Wirtsstube in der Einöde zum »Aktuellen Sportstudio«.

Seit Ullrichs Weggang ist Zabel, sechsmaliger Sprinterkönig der Tour de France, Weltcupsieger und Weltranglistenerster, der unumschränkte Teamkapitän. Als erster Profi hat er vergangene Woche einen Vertrag bis 2005 unterzeichnet. Ihn wollte die Telekom nicht auch noch verlieren. Zabel soll in der Phase des Umbruchs die Konstante sein.

Doch mit 32 Jahren fällt es ihm merklich schwerer, bei der Stampede auf der Zielgeraden die Rivalen abzuhängen. »Man hat''s bei der vorigen Tour de France gesehen: Auf der Etappe, die ich gewonnen habe, hat alles perfekt gepasst.« Das Feld war am Schluss dicht zusammengeblieben, ein Mannschaftskollege zog das Tempo mit Zabel am Hinterrad im richtigen Moment an und machte den Weg frei, als kein Konkurrent mehr kontern konnte.

Dass alles so perfekt passt, wird von Jahr zu Jahr unwahrscheinlicher. Und für einen erfolgreichen Umbruch bräuchte es ein paar hoffnungsvolle hiesige Talente am Horizont. Doch ein Nachfolger für Zabel ist nicht in Sicht.

»Die deutschen Weltklassefahrer der letzten 20 Jahre kann man an einer Hand abzählen«, sagt Stephan Althoff skeptisch. Der Sponsoringchef der Telekom AG scheint vom Nutzen des rund zehn Millionen Euro teuren Radrennstalls nicht mehr so recht überzeugt. Wer sein schmucklos eingerichtetes Bonner Büro betritt, sieht sofort, worauf das Unternehmen neuerdings vorrangig setzt: Fußball.

An der Stirnwand klebt wie eine Tapete ein riesiges Foto aus dem Münchner Olympiastadion, davor hängt ein Trikot des FC Bayern mit dem T-Mobile-Schriftzug auf der Brust. Fast die gesamte Mannschaft inklusive Management hat ihre Autogramme auf das Plakat gekritzelt. »Hing mal auf ''ner Messe«, sagt Althoff.

Es sieht aus wie ein Statement.

Bis Mitte 2008 zahlt die Telekom jährlich 20 Millionen Euro an den Rekordmeister. Fußball, sagt Althoff lapidar, »das ist eine andere Liga«. Es sei illusorisch zu glauben, dass ein Radteam einen ähnlichen Status erreicht wie ein europäischer Spitzenclub.

»Wenn wir mit Santiago Botero eine Werbekampagne machen«, sagt Althoff, »müssen wir erst mal erklären: Das ist Botero, einer der erfolgreichsten Radrennfahrer der Welt.« Das Kunststück, das Mercedes mit dem Formel-1-Weltmeister Mika Häkkinen gelang - einen drögen Finnen zum sympathischen Propagandisten einer deutschen Marke zu machen -, traut der Telekom-Mann keinem Radprofi zu: »Selbst ein Lance Armstrong wäre von der Reichweite nicht gut genug.«

Im Übrigen geht es dem Kommunikationsmulti längst nicht mehr vorrangig um Imagewerte und Bekanntheit. Das Sportengagement soll konkret die Geschäfte im Bereich Mobilfunk- und Internet-Dienste ankurbeln - und da wird der FC Bayern mit Stars wie Michael Ballack oder Giovane Elber als Plattform hoch geschätzt.

Über die Website »FCBayern.T-Online.de« lassen sich Eintrittskarten ordern. Dieses so genannte e-ticketing dient als Testlauf für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Dort wird die Telekom als einer der Großsponsoren auftreten - der Preis: 40 Millionen Dollar.

So viel ist sicher: In den nächsten Jahren wird sehr viel Geld für den Fußball benötigt. Ob für das Radteam genügend übrig bleibt, muss sich erst herausstellen. Einstweilen sieht es Althoff als »Anreiz, ein anders zusammengestelltes Team mindestens auf dem gleichen Niveau zu halten. Zu zeigen, dass uns nicht nur das Glück half, Ullrich und Zabel gehabt zu haben«.

Rennstallchef Walter Godefroot hat zum Saisonstart klare Vorgaben aus Bonn erhalten. Statt sich auf das Highlight Tour de France zu konzentrieren, soll das Team sich das ganze Jahr über »aggressiv präsentieren« und eine »offensivere Fahrweise« pflegen.

Bis Ende 2005 läuft noch der Sponsoringvertrag der Telekom mit ihrem Radsport-Ableger. Ein halbes Jahr später beginnt die Fußball-WM. DETLEF HACKE

* Oben: nach dem letzten Saison-Heimspiel des FC Bayern am 17.Mai im Münchner Olympiastadion; unten: am 19. Juli beim Anstiegnach Alpe d''Huez.

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