SKISPRINGEN »Permanenter Terror«
Löffler, 23, Deutscher Meister 2002 und Juniorenweltmeister mit der Mannschaft 1998, gehörte fast vier Jahre lang zum A-Kader der deutschen Skispringer. Der Abiturient aus Oberstdorf ist Mitglied der Bundeswehr-Sportfördergruppe Neubiberg. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Löffler, für einen Skispringer sind Sie mit 1,87 Meter ungewöhnlich groß. Wie schwer sind Sie?
Löffler: Ich wiege 73 Kilogramm.
SPIEGEL: Der Deutsche Skiverband (DSV) hat Sie aus der Skisprung-Nationalmannschaft verbannt, weil Ihr Gewicht nicht den Vorgaben der Bundestrainer entspreche.
Löffler: Im Juli, bei einem Lehrgang in Hinterzarten, musste die ganze Mannschaft auf die Waage. Daraufhin sollte ich von damals 72 Kilogramm auf mindestens 68 Kilogramm runterhungern. Man stellte mir ein Ultimatum. Aber diese Vorgabe konnte ich unmöglich erfüllen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Löffler: Ich hatte nur noch ein Minimum an Fettreserven. Das bedeutet, ich hätte Muskulatur an den Oberschenkeln abbauen müssen. Aber das kann ich nicht. Ich bin letztes Jahr im November an der Patellarsehne operiert worden. Der Arzt hat mir gesagt, dass ich irreparable Schäden riskiere, wenn ich meine Beinmuskeln nicht kräftige.
SPIEGEL: Warum zwingt Sie der DSV trotzdem zum Abnehmen?
Löffler: Im modernen Skisprung gibt es den Glaubenssatz: Leicht fliegt besser. Ein kräftiger Absprung zählt nichts. Bei uns im Verband wird diese Devise inzwischen auf die Spitze getrieben. Was hier abgeht, ist kein Skispringen mehr, das ist Kampfwiegen.
SPIEGEL: Wie konnte es dazu kommen?
Löffler: Es fing mit Jens Weißflog an. Er hat das Skispringen dominiert - und war klein und sehr dünn. Er wurde zum Modell für alle künftigen Springer erhoben, dabei hat man sein Prinzip missverstanden. Weißflog war nämlich ein athletischer Typ und hat ganz normal gegessen.
SPIEGEL: Die Ernährung von Skispringern ist ein heikles Thema. Es gab schon Fälle von Magersucht. Haben die Trainer ihre Lektion nicht gelernt?
Löffler: Ich würde nie behaupten, dass ein Kollege von mir in die Magersucht getrieben wurde. Wir sind Einzelsportler. Jeder muss seinen eigenen Weg zum Erfolg finden. Fest steht aber auch: Unser Sport befindet sich in einem kritischen Bereich.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Löffler: Wenn ich zum Frühstück ein paar Löffel Cornflakes mit Magermilch und Wasser aufquellen lasse - ist das normal? Wenn ich mittags einen Teller mit Fisch und Reis vor mir habe, und ich lasse den Fisch liegen und esse nur die Hälfte vom Reis - ist das normal? Wenn ich abends ein Knäckebrot mit einem Schuss Honig und ein Glas Tee zu mir nehme - ist das normal?
SPIEGEL: Eigentlich nicht.
Löffler: Sehen Sie. Und dennoch unterwirft sich jeder diesem absurden Hungerdiktat. Das ist permanenter Terror.
SPIEGEL: Wie weit sind Sie gegangen?
Löffler: Vor zwei Jahren war ich bis auf 64 Kilogramm runter. Ich war nur noch ein Gerippe. Aber ich wollte einmal an meine Grenzen gehen, einmal ausprobieren, ob mir Abhungern etwas bringt.
SPIEGEL: Welchen Erfolg hatte die Aktion?
Löffler: Weiter gesprungen bin ich nicht. Stattdessen war ich kein normaler Mensch mehr.
SPIEGEL: Wie sollen wir das verstehen?
Löffler: Wenn man ständig kurz vor der Unterernährung steht, führt man kein eigenes Leben mehr. Man ist nur noch eine Hülle. Ich war permanent schlecht gelaunt, labil und reizbar. Meine Gedanken kreisten nur um ein Thema: essen. Nachts habe ich von Pizza geträumt. Ich konnte es nicht ertragen, meinen Eltern beim Mittagessen zuzusehen, während ich ein paar Blättchen Salat gegessen habe. Ich bin vom Tisch aufgestanden und frustriert weggerannt.
SPIEGEL: Waren Sie magersüchtig?
Löffler: Zumindest nicht weit davon entfernt. Manchmal, wenn ich dem Drang, mal wieder richtig zu essen, nicht widerstehen konnte, habe ich mir hinterher den Finger in den Hals gesteckt.
SPIEGEL: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich auf einem Irrweg befinden?
Löffler: Als ich Probleme mit meiner Freundin bekam. Es ist bitter, darüber zu reden, aber es war nun einmal so: Die Mangelernährung wirkte sich auf meine Libido aus, ich hatte im Bett keine Lust mehr. Sex fand so gut wie nicht mehr statt.
SPIEGEL: Hat Ihnen nie jemand geraten, mit dem Hungern aufzuhören?
Löffler: Warum? Die Trainer haben sich gefreut und gesagt: »Jetzt ist er dünner, da fliegt er besser, ist doch wunderbar.« Damit ich nicht krank werde, habe ich Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminspritzen bekommen. Das war's.
SPIEGEL: Haben Sie sich damals nie die Sinnfrage gestellt?
Löffler: Das ist schwierig. Ich liebe diesen Sport. Ich wollte Erfolg haben. Außerdem ist man sich als Leistungssportler immer bewusst, dass man auf gewisse Dinge verzichten muss. Bei uns Skispringern ist es eben das Essen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass unser System krank ist. Früher haben die Springer noch gelacht und zusammen Späße getrieben, heute laufen alle nur noch rum wie Geister. Ich warte nur darauf, dass der Erste an der Schanze umkippt.
SPIEGEL: Vor vier Jahren sorgte ein Strandfoto für Aufregung, das einen extrem dünnen Sven Hannawald in Badehose zeigte. Heute wird Ihr Kollege von einer boomenden Branche wie ein Popstar gefeiert. Hat man nichts gelernt?
Löffler: Jeder war damals von diesen Bildern geschockt. Doch die einzige Konsequenz, die gezogen wurde, ist die, dass heute kein Springer mehr ins Schwimmbad geht, weil er dort seinen Oberkörper entblößen müsste.
SPIEGEL: Wie schätzen Sie Hannawalds heutigen Zustand ein?
Löffler: Hannawald ist ein Ausnahmespringer. Ich bewundere ihn. Aber ich erinnere mich noch gut daran, wie geschockt ich war, als ich das erste Mal zur Nationalmannschaft kam und sah, wie wenig er isst. Manchmal war er so schwach, dass er im Kraftraum die Gewichte nicht mehr stemmen konnte. Ich verstehe das nicht. Hannawald hat so ein großes Talent, er würde auch mit fünf Kilogramm mehr auf den Rippen genauso weit springen wie jetzt. Aber dieser Drang nach immer weniger Gewicht wird bei manchen zur schieren Sucht.
SPIEGEL: Wird im Athletenkreis über das Thema Magersucht diskutiert?
Löffler: Ganz sicher nicht, das ist ein absolutes Tabu. Und genau das kotzt mich an. Keiner denkt an seine Vorbildfunktion. Es kann doch nicht sein, dass inzwischen schon zehnjährige Nachwuchsspringer komplett auf Süßigkeiten verzichten - damit sie irgendwann die Figur eines deutschen Siegspringers haben. Wenn die Kleinen wüssten, dass es Abführmittel gibt, nähmen sie die auch noch. Das ist pervers.
SPIEGEL: Der Verband hat später eine neue Begründung für Ihre Suspendierung nachgereicht. Demnach sollen Sie gegen Ausgehzeiten verstoßen haben.
Löffler: Ich habe ein Schreiben, in dem mir der DSV bestätigt, dass ich wegen meines zu hohen Gewichts suspendiert wurde. Unterschrieben ist es von unserem Technischen Leiter Rudi Tusch. Nur Cheftrainer Wolfgang Steiert hat es nicht signiert. Wohl deshalb, weil ihm der Vorgang unangenehm ist. Die später präsentierte Begründung ist ein Ablenkungsmanöver.
SPIEGEL: Zeitungen berichteten immerhin, Sie hätten sich nach einem Wettkampf nachts in weiblicher Begleitung im Whirlpool vergnügt.
Löffler: Keine Frage: Ich bin ein Typ, der bei Frauen gut ankommt und auch mal aufs Gas drückt, wenn die Möglichkeit dazu besteht - so wie jeder andere normale Sportler auch. Aber eine Poolorgie hat es mit mir nie gegeben. Was da alles in die Welt gesetzt wird, ist Teil einer Mobbing-Kampagne gegen mich.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das Verhalten des Verbandes?
Löffler: Die Show muss weitergehen. Das glänzende Produkt Skisprung soll keinen Schaden nehmen. Deshalb wird versucht, mich mundtot zu machen. Aber das werde ich mir nicht gefallen lassen. Es kann nicht sein, dass ich ausgeschlossen werde, nur weil ich mich weigere, aus mir einen Hungerhaken zu machen. Und im Nachhinein wirft man mir falschen Lebenswandel vor.
SPIEGEL: Haben Sie nie den Dialog mit dem DSV gesucht?
Löffler: Mehrfach, aber man ließ mich immer abblitzen. Der Trainer Wolfgang Steiert erklärte mir nur kühl, er unterhalte sich nicht mit mir, ich sei bei ihm eh nur die Nummer 14 oder 15 auf der Liste gewesen.
SPIEGEL: Sehen Sie für sich noch eine sportliche Zukunft?
Löffler: Ich trainiere zurzeit an einer privaten Sportschule in Fürstenfeldbruck. Ich habe zwei Ziele: die Weltmeisterschaft 2005 und die Olympischen Spiele 2006. Und ich möchte nie wieder, dass mir so etwas passiert wie bei der WM 2001 in Lahti. Da bin ich topfit angereist, wurde aus dem Team genommen und musste zusehen, wie die anderen Mannschafts-Gold gewannen.
SPIEGEL: Glauben Sie an eine Rückkehr in das deutsche Team?
Löffler: Ich bin nicht mehr sonderlich daran interessiert, mit Wolfgang Steiert zusammenzuarbeiten. Ich habe Angst, dass ich unter diesem Bundestrainer leiden muss, wenn ich wieder in den Nationalkader komme. Ich denke eher darüber nach, aus dem DSV auszutreten und künftig für ein anderes Land zu starten.
INTERVIEW: MAIK GROßEKATHÖFER,
GERHARD PFEIL