FUSSBALL »So eine Unruhe«
Neulich erst, während der Vorbereitung auf die Bundesligapartie vorletzten Samstag beim VfB Stuttgart, stöberte Bayern Münchens Manager im Hoheitsgebiet des Cheftrainers. Vier Spieler des Deutschen Meisters hatte Uli Hoeneß um sich versammelt, um das Ansehen des verblassenden Stars Stefan Effenberg auszuforschen.
Das Ergebnis fand Hoeneß »interessant«. Bei den Kameraden, ermittelte er, genoss der alternde Anführer weiterhin höchste Wertschätzung - sie stützten ihn offenkundig aus Trotz: Die heftige Medienkritik an Effenberg verleitete die verhörten Bayern-Profis laut Hoeneß zu dem Beschluss, sich keinen Kollegen »aus der Mannschaft schreiben« zu lassen.
Dies hätte der Manager, in der Beurteilung des hofierten Teamkapitäns »etwas schwankend« geworden, wohl auch von Ottmar Hitzfeld erfahren können. Es war indessen nicht das erste Mal, dass in dieser Saison andere als der Chefcoach beim FC Bayern Traineraufgaben übernahmen.
Einmal befahl der Stürmer Giovane Elber ("Wir brauchen eine eingespielte Mannschaft") keck das Ende des von Hitzfeld eingeführten Rotationsprinzips bei der Aufstellung. Bei anderer Gelegenheit forderte Club-Präsident Franz Beckenbauer, aus dem Tagesgeschäft aussteigender Aufsichtsratschef der Bayern AG, den Einsatz des Angriffstalents Roque Santa Cruz: »Auf der Bank hat sich noch keiner verbessert.«
So gibt es mehr Indizien für eine Abkühlung des Bayern-Binnenklimas, als es die Spielergebnisse vermuten lassen. Vor allem die Summe der Einflüsterungen sorgte neben üblichen Münchner Gereiztheiten für Spekulationen über einen Autoritätsverlust des Erfolgstrainers, der die Münchner zum Sieg in der Champions League lotste und jetzt, zum Abschluss seines vierten Bayern-Dienstjahres, zum vierten nationalen Meistertitel führen will.
Als sein Protegé Effenberg neulich »Kerle« neben sich kicken sehen wollte und namentlich die Aufstellung des Hünen Carsten Jancker in Auftrag gab, nominierte der Coach den Stürmer wie auf Bestellung - und aus Wien lästerte sein abgewanderter Ex-Schüler Lothar Matthäus: Hitzfeld habe erstmals »Schwäche gezeigt«.
Auch die Zwischenrufe des früheren Club-Impresarios Robert Schwan lösten unter Hitzfelds Parteigängern Unbehagen aus. Der 80-Jährige grantelte in der »Abendzeitung«, der Trainer versage »in seinem ureigentlichen Job«. Womöglich, deutelten Mahner, murre Schwan in seiner Eigenschaft als Beckenbauers Manager ja auf Kommando.
Unheilspropheten sahen sich dann vom Hergang einer Affäre bestätigt, in deren Verlauf Hitzfeld öffentlich geschurigelt wurde wie selten ein Bayern-Trainer zuvor. Als der Coach einen Vertrag mit der Münchner HypoVereinsbank unterschrieben hatte, die ihn als Repräsentanten einer speziellen Finanzberatung für Berufskicker engagierte, tadelte AG-Vorstand Hoeneß, darüber werde noch »kontrovers« zu reden sein. Beckenbauer raunzte schulmeisternd aus dem TV-Studio von Premiere: Hoffentlich habe Hitzfeld den Nebenjob »mit unserem Vorstand abgesprochen«.
Das hatte er nicht. Der Manager des solcherart zerrupften Trainers, Peter Olsson, ließ den Kontrakt annullieren und dementiert den Hoeneß-Vorwurf, er habe als Vermarkter »durch die Hintertür ein Bein bei Bayern reinstellen« wollen. »Mit dem Hitzfeld-Deal auf der Referenzliste«, glaubt Hoeneß, habe Agent Olsson geplant, sich näher an Bayern-Spieler heranzupirschen. Wenn er sich »nicht an die Maßregeln« halte, droht Hoeneß jetzt dem Schweden scharf, »dann wird er gekillt«.
Olsson will »keinen Stress«. Ein Hitzfeld-Vertrauter ortet im Streit um den geplatzten Millionen-Deal jedoch Signale für einen Gesinnungswechsel: »Die Bayern lassen den Ottmar fallen. Dabei ist er doch kein Mario Basler.« Den hatten sie wegen einer Wirtshausrangelei suspendiert.
Zu einem Rauswurf wird der Zank um den Werbevertrag nicht führen, doch die Verbitterung hält an. Hoeneß, der den Coach im Geiste schon »als Klinkenputzer« für die Bank im Einsatz sah, trieb die Sorge um »unser Image« sowie um die Gewogenheit konkurrierender Geldinstitute. Der Club sucht noch Partner für die Finanzierung des Stadionneubaus.
Bei unangemeldeter Werbung, teilte der Bayern-Manager nun den Beratern einiger Spieler mit, werde man künftig »härter durchgreifen«. Schuld ist nur scheinbar Hitzfeld. Hintergrund für den Sinneswandel ist in Wahrheit Hoeneß'' Verärgerung über angebliche Einmischungsversuche seines Vorgängers Schwan. Der mühte sich vergeblich, dem FC Bayern die Deutsche Post, schon Beckenbauers Werbepartner, als neuen Hauptsponsor zuzutreiben.
Die Momentaufnahmen fügen sich nach Beobachtungen der »Süddeutschen Zeitung« zu einem »disharmonischen Bild der Bayern anno 2002«. Dass der einstmals unantastbare Fußballlehrer Hitzfeld dabei intern Kredit verlor, ist kaum zu übersehen.
Auf die Gloriole der Unfehlbarkeit fiel der erste Schatten an jenem November-Tag im vergangenen Jahr, da der gottesfürchtige Asket aus Südbaden mit seinem Team in Tokio den Weltpokal gewann. Morgens wurde erstmals über Hitzfelds drei Jahre währende Affäre mit dem brasilianischen Model Rosi Salioni berichtet. Ein Fehltritt des als Ausbund an Selbstdisziplin bekannten Pädagogen - das erschien der Öffentlichkeit so unglaublich, als hätte man das Pfälzer Fußballidol Fritz Walter beim Ladendiebstahl erwischt.
Entgeistert registrierten die Vorgesetzten um Beckenbauer, der stets die Lauterkeit des Trainers gepriesen hatte ("Ottmar lebt Moral vor"), Reputationseinbußen mit jeder neuen Veröffentlichung. Der immer als mönchisch eingestufte Hitzfeld, für den »der Sinn des Lebens der Alltag« war, sah sich in Jahresrückblicken in einen Zusammenhang mit Klatschstorys um Dieter Bohlen und Roberto Blanco gestellt. Die einstige Gespielin ließ die unerlässlichen Nacktfotos drucken, frühere Inspekteure wie der Ex-Profi Wolfram Wuttke lieferten auf Anfrage Erfahrungsberichte über »ein paar Schäferstündchen« mit Rosi.
Auch Hoeneß fand es »unmenschlich, was da kam« - und beobachtete beim derart vorgeführten Trainer »so eine Unruhe«. Die lange als makellos geschätzte Respektsperson war Tuschel-Thema.
Dass sich Spieler belustigt hätten, streitet Hitzfeld ab. Es sei ein Zufall, dass der Klatsch in »eine Phase« platzte, in der »alle Spieler müde waren«. So folgte auf die Krise des Leumunds das sportliche Tief. Einmal um den Ruf der Unangreifbarkeit gebracht, musste sich Hitzfeld Fehler im Beruf vorhalten lassen.
Die Aufstellung des uninspirierten Schweizers Ciriaco Sforza beim verlorenen Auswärtsspiel gegen den FC St. Pauli etwa rief beredtes Kopfschütteln auch im Mannschaftskreis hervor. Unvermittelt wird Hitzfelds Faible für den vergangenen Mittwoch beim Pokal-Aus gegen Schalke 04 vom Platz gestellten Verteidiger Samuel Kuffour als lästig empfunden. Und plötzlich wirken Freundschaftsgesten wie in Freiburg, wo ihn ausgerechnet sein Kritiker Elber umarmte, unpassend gönnerhaft.
Bei Torerfolgen reicht ihm Hoeneß, der dem erst im Jubel entkrampften Coach früher gelegentlich um den Hals fiel, neuerdings schlicht die Hand. Den »Abnützungskampf«, von dem Hitzfeld nach Spielschluss so oft spricht, erlebt der Trainer nun in Permanenz. Häufig schmerzt in diesem Jahr der Rücken - für ihn »ein Signal, wenn der Druck zu groß wird«.
Allein durch sportlichen Erfolg lässt sich verlorenes Renommee schnell zurückgewinnen. Nach der Niederlage im DFB-
Pokal bleiben bis Mai noch zwei Titelchancen. Doch selbst bei den Zielvorgaben ist kein Gleichtakt wahrzunehmen.
Als der Manager Samstag vor einer Woche das Publikum wortreich über Bayerns Wiedereintritt in den Meisterschaftskampf unterrichtete, wollte der Trainer bloß »unseren Platz unter den ersten drei stabilisieren«. Hoeneß sah sich zu der Klarstellung veranlasst, dass »nicht jeder das Gleiche sagen muss«.
Ottmar Hitzfeld, der vor fünf Jahren bei Borussia Dortmund erlebte, wie die Loyalität der Vereinsspitze bröckeln kann, wusste um die Schwierigkeiten: Er muss den FC Bayern durch ein Jahr des Umbruchs manövrieren. Vor allem die Rückkehr des lange verletzten Mannschafts-Leaders Effenberg stellte höchste Anforderungen an die Führungskraft.
Doch wie sollte Hitzfeld im Team für die Akzeptanz des ohnehin scheidenden, weil nicht mehr gebrauchten Sonderlings werben, wenn ihm die Club-Spitze dauernd in den Rücken fiel? Chef Beckenbauer stellte süßsauer in Frage, ob Effenberg wohl seine »Defizite irgendwann noch ausgleichen kann«. Manager Hoeneß maulte, Effenberg müsse »sich im Klaren sein, dass jetzt die Leistung kommen muss«. Der neue Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge war von Hitzfelds Standhaftigkeit in dieser Frage »irritiert«.
Der Trainer, bis 2004 unter Vertrag, zieht den Kopf ein und arbeitet gewissenhaft weiter - unter Ausnutzung bewährter Hilfsmittel wie Atemübungen und tägliches Gebet. Dass er »einiges einstecken« könne, habe er einst beim Schweizer Club SC Zug bewiesen. Da habe ihn der Präsident gewürgt.
Notfalls müsse man sich aber »wehren können«; das lernte er als jüngstes von fünf Kindern. Als ihn die Geschwister einmal nicht zu Wort kommen ließen, sprach er wochenlang gar nicht mehr mit ihnen.
Eine vergleichbare Dickköpfigkeit trauen Hitzfeld-Getreue dem Fußballlehrer auch am Saisonende zu. Der Schweizer Pfarrer Josef Hochstrasser, der eine Biografie über den Freund von der Trainerbank verfasst, mutmaßte schon: Gewinne Hitzfeld im Mai erneut den Meistertitel, steige er vielleicht »erstmals in seiner Karriere aus einem laufenden Vertrag aus«. Beim FC Bayern, unkt ein Weggenosse, habe er jetzt »gemerkt, wie sie mit ihm umgehen«. Hitzfeld selbst spekulierte über »eine Auszeit«.
Die Gefahr eines unplanmäßigen Trainerausstiegs sieht Uli Hoeneß nicht: So sei Hitzfeld »nicht erzogen worden«. Eher wechsele er nach Vertragsende 2004 ins Bundestraineramt zum Deutschen Fußball-Bund - sogar mit »ziemlich großer Wahrscheinlichkeit«.
Die Einschätzung ist pikant. Schließlich übertrug der DFB die Betreuung der Nationalmannschaft bis 2006 dem Teamchef Rudi Völler. JÖRG KRAMER
* Im Zweikampf mit Marc Wilmots beim 0:2 imDFB-Pokal-Halbfinalspiel bei Schalke 04 am vergangenen Mittwoch inGelsenkirchen.