Basketball-EM Dirk und die Schattenspieler
Der Mann des Spiels machte nicht viele Worte. "Gegen die Türkei geht's voll drauf", versprach Dirk Nowitzki, bevor er ohne Verabschiedung Richtung Teambus trabte. Mit 35 Punkten hatte der Star des NBA-Clubs Dallas Mavericks das deutsche Team bei der EM quasi im Alleingang vor einer Auftaktblamage bewahrt. Die DBB-Auswahl musste gegen Außenseiter Tschechien in die Verlängerung, um mit 83:78 als Sieger vom Platz gehen zu können.Zeit zum Durchatmen hat der EM-Zweite von 2005 freilich nicht: Schon heute Abend (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) steht die nächste Bewährungsprobe an. Oder die nächste Zitterpartie? Brisant ist das Duell auf jeden Fall. Denn die Türkei steht noch stärker unter Druck als die Deutschen. Während Titelverteidiger Griechenland mit einem 76:66-Sieg gegen Israel ins Turnier startete, patzten die Türken 69:86 gegen Litauen, den Europameister von 2003 und am Mittwoch (18 Uhr) letzten Vorrundengegner der Deutschen.
Nicht nur wegen der beiden NBA-Profis Mehmet Okur (Utah Jazz) und Hidayet Türkoglu (Orlando Magic) ist die Türkei, 2001 Vize-Europameister im eigenen Land, deutlich stärker als Tschechien. "Man hat uns den Druck angemerkt", gestand Bundestrainer Dirk Bauermann nach dem hart erkämpften Erfolg gegen die Tschechen, "die Hauptsache war mit Blick auf die Zwischenrunde, dass wir gewonnen haben." Eine Niederlage hätte in der Tat fast schon das Aus bei der EM und das Ende der Hoffnung auf die Olympia-Teilnahme 2008 bedeutet.
Gegen die Türkei dürfte es allerdings nicht reichen, sich alleine auf die Taktik "Ball zu Nowitzki, er wird es schon richten" zu verlassen. Oder wie es im offiziellen EM-Programmheft heißt: "Dirk or die". Beim Erfolg über Tschechien versteckten sich Nowitzkis Teamkollegen, kamen so selbst nie ins Spiel und damit auch nicht zu dem von Bauermann erhofften Selbstvertrauen. Immerhin konnte neben dem stets doppelt, zuweilen sogar dreifach gedeckten Nowitzki ein Spieler überzeugen, dem viele eine so gute Leistung nicht zugetraut hatten: Mithat Demirel.
Der 29-Jährige, vergangene Saison aufgrund von Verletzungen nur sporadisch für Galatasaray Istanbul in der türkischen Liga tätig und momentan ohne Verein, sei doch eher ein atmosphärischer, denn ein spielerischer Gewinn, war zu hören. Doch die Leistung des 1,80 Meter großen Point Guards, hinter Steffen Hamann und Pascal Roller eigentlich die Nummer drei auf der Spielmacherposition, ließ all diejenigen verstummen, die sich vor dem Turnier für eine Verjüngung des mit Abstand ältesten EM-Teams (28,8 Jahre im Schnitt) starkgemacht hatten.
Demirel hatte in der zweiten Halbzeit aufgedreht und vor lediglich 4000 Zuschauern in der Palma Arena auf Mallorca das Spiel an sich gerissen. Als "kreativ, frech, einfach sensationell" pries Bauermann seinen Joker, der gestochen hatte. Teamkollege Demond Greene erkannte "viel Spielwitz". Demirel hatte das Spiel der Deutschen verändert, die zur Halbzeit 25:31 und maximal mit acht Punkten (32:40) zurückgelegen hatten. Turbo statt Trübsal. Am Ende hatte Demirel trotz einer ungewohnten Schwäche an der Freiwurflinie 18 Punkte erzielt.
"Deshalb haben wir ihn ja auch dabei und nicht weil Mithat immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat", freute sich Bauermann, der bei dieser Aussage kurz lächelte. Ansonsten schwankt der Gesichtsausdruck des DBB-Coaches zwischen stoisch grimmig und stoisch ernst.
Topscorer Nowitzki, der zwölf seiner 25 Würfe aus dem Feld verwandelt hatte, mochte sich den Hymnen auf Demirel nicht anschließen. "Irgendeiner musste ja reinkommen und ein paar Dinger machen", sagte der 29-Jährige. Und das klang dann fast schon wie eine Ermahnung an seine Kollegen, sich engagierter zu präsentieren. Am besten schon heute Abend.