Achilles' Verse Irre in den Ironman
Lesen Sie in Teil 1 der Trainingslager-Trilogie, was ungekühlter Hackepeter in der Nasszelle zu suchen hat, und in Teil 2, warum Achim Achilles hinter dem Kaffee einen Diuretikum-Anschlag vermutet.
Tag vier des Trainingslagers. Wo einst Heiterkeit über die Flure wallte, herrscht nun Stille. Der Mann aus der Mitte Deutschlands, mit dem ich mich zur Frühstücksfolter am Treppengeländer hinabhangele, gesteht mir, dass er heute morgen nicht nur ein bisschen Blut im Urin gesehen habe, wie die anderen Tage, sondern praktisch gar nichts Gelbes mehr. Ein Mann sah rot. Und muss zur Strafe nun auch noch zum Brandenburger Dorf-Internisten. Wahrscheinlich ein Veterinär aus dem ländlichen Georgien. Es war schön mit dir, mein Laufkamerad. Warum nur muss es so enden?
Ich pinkle alle Farben außer Rot. Das muss an den christopherstreetday-farbenen Getränken liegen, mit der wir in der Kantine die Dehydrierung bekämpfen. Vielleicht trainiere ich nicht hart genug. Beim Treppensteigen aber merke ich: Nur noch einmal 500 Meter Tempo, und ich bin tot.
Die Theorie des Trainingslagers besagt: Raus aus dem Wohlfühl-Trimmtrab von zuhause, den Körper zu mehr Tempo und längeren Strecken zwingen, ohne jede Ablenkung durch Job, Partner oder Hirn. Der letzte Teil immerhin funktioniert, schließlich sind wird in Brandenburg, ein Land, das aus sandigen Waldwegen, Nieselregen und Wegweisern besteht, die allenfalls Grundlagenphysiker verstehen. Mit 350 Kilometern gespurten Wegen wirbt der Laufpark Stechlin im Ruppiner Land. Alles geht den Bach runter, nur die Laufwege gehen immer bergauf. Fontane ist hier wahnsinnig geworden. Und jetzt ich.
Erschöpfungskoma mit Gesprächen über Fußball und Fimose herausgezögert
Zuhause werde ich von piependen GPS-Uhren träumen. Keiner kann zwar die Uhrzeit ablesen, dafür gibt es ein Dutzend verschiedener Angaben über die Streckenlänge. Das Schild sagt 18, die Geräte 15,4 bis 23,2 Kilometer. Na gut, einigen wir uns auf knapp 30.
Gestern der Höhepunkt: Ein langer Lauf , gefühlte 800 Kilometer. Ein Herr an meiner Seite prüfte meine mentale Härte. Er wetzte immer 200 Meter voraus, blieb stehen, bis ich aufgeschlossen hatte, rannte wieder weg, blieb wieder stehen. Interessante Technik. Oder Lauf-Autismus. Jedenfalls nicht schneller. Am Tag vorher ein weiterer langer Lauf mit zwei empathiebegabten Leidensgenossen. Das Erschöpfungskoma mit hochwertigen Männergesprächen über Fußball, Firma und Fimose herausgezögert.
Die sächsischen Schwimmtrainerinnen sind abgereist. Dafür posttraumatischer Belastungshunger während der Nachbrenneffekt weitere Löcher in die Beine frisst. Das mittrainierende Ehepaar hat sich immer noch nicht gestritten, jedenfalls nicht öffentlich. Das kann keine Liebe sein. Dankesgebete für das barrierefreie Bad und die Notrufknöpfe überall. Mona ist zwölfmal auf der Mailbox mit Aufträgen fürs Wochenende: Kinder, Einkaufen, Garten, Keller, diverse Durchbrüche. Ich hätte ja Urlaub gehabt. Dabei weiß ich nicht mal, wie ich morgen in den zweiten Stock kommen soll. Der Kollege ist vom Internisten zurück. Nichts Ernstes: Die Organe rieben ständig aneinander, was Blut in die Blase befördere. Er solle halt nicht soviel laufen.
Beim morgendlichen Sprintspaß berichtet Lukas - Anfang 30, unverheiratet, keine Kinder, 62 Designer-Kilogramm, dass er seine Zeiten praktisch wöchentlich verbessere. Ich würde ihm gern mal Mona und die Bengel für vier Wochen ausleihen. Ich denke an Zwiebelmett während meine Knie wegknicken.
Die Laufklamotten tragen einen bläulichen Pelz. Vielleicht sollte ich zur Physio-Therapeutin der Sportschule, mir die Krämpfe aus den Beinen kneten lassen. Aber ich habe Angst vor starken Frauen, die früher mal Igor hießen und in der Inkasso-Branche arbeiteten. War das ein Skelett, was ich beim Abschluß-Läufchen hinter einem Baum liegen gesehen habe? Zu Mittag gibt es "Kassler Hawaii". Nach fünf Tagen in der Sportschule Lindow habe ich ein fiependes Iliotibitalband - und vor dem Ironman keine Angst mehr.