Achilles' Verse Laufkurs-Leiter ohne Lust
Läufergruppe: "Ich wollte, dass sie mich hassten"
Foto: dapdLesen Sie in Teil eins, wie Achim Achilles zum Trainer wider Willen wurde.
Ich hatte zehn Tage herrlich meditative Übungsläufchen absolviert, nicht zu schnell, nicht zu lang, ganz allein, fernab von garstigen Trainern oder überambitionierten Nervensägen. Einfach trotten, auf einem Ruhebänkchen die Morgensonne genießen, versuchen, was sonst nur Politiker und Gameshow-Moderatoren fertigbringen: Leere im Hirn zulassen, Nichts im Blick, Einssein mit dem Vakuum namens Universum.
Da ich gelegentlich in Laufschuhen durch unsere kleine Urlaubsherberge in den Alpen schlich und per T-Shirt ein klares Statement gegen die Stock-Epidemie abgab, galt ich beim Management völlig zu Unrecht als kundiger Athlet. Als auch noch der Fitness-Coach virus-bedingt ausfiel, war es soweit: Meine Gattin diente mich der Rezeption schwuppdiwupp als Aushilfs-Trainer an, als Euro-Rettungspaket für laufwillige Hotelgäste: "17 Uhr, professionelles Lauftraining - Spaß am Tempo", so stand es plötzlich auf der Tafel mit Kreide. Hoffentlich kam keiner.
Leider gab es in unserem Hotel jede Menge Läufer, wie sich ab 16.45 Uhr herausstellte. Da stretchte sich bereits der stabile Mettmanner durchs Foyer, der drei Farben Kompressionsstrümpfe dabei hatte, wie er ungefragt verriet. Eine magere Holländerin, die nur aus Beinen bestand, schwieg ebenso konzentriert wie der schmalhüftige Steuervermeider aus der Schweiz, der seit einer Woche ein Alinghi-Polo mit hochgeklapptem Kragen trug und wenige merkwürdige Laute von sich gab. Seine massiv gedrungene Lebensgefährtin dagegen hatte sich in ihren gewagten Laufslip offenbar hineinoperieren lassen.
Behaarter Österreicher nur mit Pulsmessgurt bekleidet
Zum Finale - edles Wild tritt spät auf die Lichtung - schritt ein übermuskelter Österreicher heran, der seinen recht behaarten Oberkörper nur mit einem Pulsmessgurt bekleidet hatte und sündteuere Trail-Schuhe in sehr fiesem Türkis trug. Wollte ich mit diesen Leuten um die Wette laufen, gar bergauf? Mich über Trends bei Stirnbandmustern oder Amino-Aromen austauschen? Die Kaufkraft des Franken bestaunen?
Nein, ich wollte, dass sie mich hassten. Alle, und am besten sofort. War ja auch nicht mein Hotel. Zum Glück hatte ich mich bei meiner ostzonalen Fachkraft Klemmbrett-Karraß mit bösartigen Trainingsmethoden eingedeckt. "Bereit für 30 Minuten Belastung", fragte ich scheinheilig. Sie nickten. Arnold griente sogar höhnisch. Fehler, Freundchen. Gleich würgst du an deinem Germknödel von heute Mittag.
Wir trabten auf die nächste Wiese. Ich dozierte kurz über "selbstverantwortliches Training", machte ein paar alberne Aufwärmübungen vor, dann kam die Aufgabe: einfach zwei Minuten geradeaus wetzen, im selbst gewählten Tempo, den erreichten Punkt markieren mit Jacke oder Flasche oder Kompressionsstrumpf. 60 Sekunden Pause. Dann wieder zurück, exakt zum Startpunkt, wieder Pause, wieder hin zum markierten Stopp, wieder zurück zum Start, insgesamt 15 Mal.
Die Klugen kapierten die Tücke, die Idioten rannten los wie Usain Bolt. So wie Arnold. Und alle anderen. Nach der dritten Runde merkten sie, dass der allererste Sprint vielleicht doch etwas zu ambitioniert gewesen war und 120 Sekunden verdammt lang werden können. Ich hätte natürlich gern mitgemacht, aber einer musste ja die Aufsicht führen. Nur die Holländerin schaffte tatsächlich alle Strecken. Arnold nahm sich bald eine Zerrung, der Mettmanner legte sich pumpend ins Gras, der Schweizer schlug sich tapfer, trotz aufsteigender Käsigkeit. Am Ende pumpten alle grimmig und verfluchten mich. Mission erfüllt.
Beim Abendessen wurde Mona mehrfach von Gattinnen angesprochen, ob ihr Mann ein Fremdenlegionärs-Ausbilder sei. Ich guckte geheimnisvoll und trank Rotwein. Ab morgen trainiere ich wieder allein, liebes Europa.
"Sehnen lügen nicht" - die neue Läufershow von Achim Achilles. Ab Herbst in deiner Stadt.