Anti-Doping-Gipfel: Beste Ausrede gesucht - DER SPIEGEL
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Anti-Doping-Gipfel Beste Ausrede gesucht

Bei der Konferenz der Welt-Anti-Doping-Agentur in Madrid wird heftig um den Nachfolger des scheidenden Präsidenten gerangelt. Ein neuer Kandidat will antreten. Der Code zum Kampf gegen Doping wird kritisiert - und könnte einen speziellen Wettbewerb provozieren.
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"Ama, ti amo!" So euphorisch beendete ein spanischer Radfunktionär seine Rede auf der dritten Welt-Antidoping-Konferenz in Madrid. Ama, das ist das französische Kürzel für die Welt-Antidoping-Agentur (Wada), die in das Konferenzzentrum der spanischen Hauptstadt geladen hat, um einen neuen Code in der Antidoping-Bekämpfung zu beschließen und einen neuen Präsidenten zu wählen. Ama - so kann man auf spanisch aber auch die Liebe benennen.

Doch die Debatten zu den wichtigsten beiden Tagesordnungspunkten sind keinesfalls so weit fortgeschritten, dass man deswegen in begeisterte Liebeserklärungen ausbrechen muss. Denn ob der Wada-Stiftungsrat wie geplant am Samstag einen Nachfolger für den streitbaren Kanadier Dick Pound bestimmen wird, ist ungewisser denn je.

Nach dem überraschenden Rückzug des früheren Fechtolympiasiegers und französischen Sportministers Jean-Francois Lamour steht bislang als einziger Kandidat der frühere australische Finanzminister John Fahey zur Verfügung. Laut Wada-Statut sollen sich turnusmäßig ein Kandidat der Sportfunktionäre und einer aus der Politik abwechseln.

Nach Pound, der vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zur Wada wechselte, wäre nun der Weg frei für einen Vertreter der Politik. "Die 18 Vertreter des Sports im Wada-Stiftungsrat werden den Kandidaten der Politik akzeptieren, wer immer das auch sein mag", erläutert Wada-Generalsekretär David Howman das Procedere. Die einfache Mehrheit reicht hier aus. Aber die Politiker sind sich uneinig, ob sie am Samstag Fahey vorschlagen sollen. Vor allem die europäischen Sportpolitiker trauen dem australischen Kandidaten nicht zu, Pounds harten Kurs fortzusetzen.

Lamour, der als Wunschpräsident der Europäer galt, hatte aber nach Ablauf der Frist zurückgezogen, innerhalb derer die Benennung eines neuen Kandidaten möglich gewesen wäre. Falls Fahey am Samstag nicht gewählt wird, sieht das Wada-Statut nach Aussage von Pressesprecher Frederick Donze vor, dass der alte Präsident bis zum nächsten Treffen des Stiftungsrates, voraussichtlich im Frühjahr 2008, amtiert. Der Weg wäre dann frei für einen neuen, von den Europäern gewollten Vertreter.

Überraschungskandidat Drut

Heute hat sich der ehemalige französische Hürdensprinter Guy Drut plötzlich zur Kandidatur um die Pound-Nachfolge bereiterklärt. "Ich wäre bereit, wenn es hilft, die Situation zu klären. Ich würde es als Übergangslösung so lange machen, bis ein neuer Kandidat gefunden ist", sagte Drut. Doch der 56-Jährige, der vor einem Jahr als IOC-Mitglied verwarnt und wegen Korruptionsverdacht auf fünf Jahre von Führungspositionen ausgeschlossen worden war, hat nur geringe Chancen von den europäischen Delegierten nominiert zu werden. "Es existiert kein europäischer Kandidat Guy Drut", sagte IOC-Vizepräsident Thomas Bach. Die Statuten lassen ohnehin nicht zu, dass er morgen antritt - es sei denn, die Wada beschließt, sich nicht mehr um die eigenen Regeln zu scheren.

Angesichts dieser Möglichkeiten sind in Madrid heftige Debatten entbrannt - auch innerhalb des deutschen Lagers. Während Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und einer der fünf europäischen Wahlmänner, sich klar gegen Fahey positioniert hat, sprach sich Bach heute gegen eine Vertagung der Wahl aus: "Dies würde die Wada mehrere Monate lang führungslos lassen und wäre für den Kampf gegen Doping alles andere als hilfreich." Eine Blockade der Europäer sei ein untaugliches Mittel, so Bach: "Wir haben Doping zu bekämpfen, nicht uns gegenseitig."

Mehr Indizien gegen Doping

Während in den Hinterzimmern nun Koalitionen geschmiedet und wieder aufgelöst werden, werden im großen Auditorium des Konferenzzentrums die vorgeschlagenen Änderungen am Wada-Code von 2003 diskutiert. Die vor allem von deutscher Seite kritisierte Ein-Stunden-Regelung – ein Athlet muss demnach nur eine Stunde am Tag für Dopingkontrollen erreichbar sein – ist nach Aussage von Pound vom Tisch. Die Debatte über das System der Aufenthaltsnachweise wird allerdings bis ins Frühjahr 2008 andauern, ebenso jene über den Datenschutz und medizinischen Ausnahmegenehmigungen.

Dennoch wird wohl ein Programm verabschiedet, dass es zumindest erleichtern soll, Doping nachzuweisen. Auffälligkeiten bei der Überwachung, ungewöhnliche Werte, Zeugenaussagen oder Ermittlungsergebnisse von staatlichen Behörden werden nun schneller als bisher als Indizien bewertet, die zur Einleitung eines Dopingverfahrens führen können.

Zudem ist eine Flexibilisierung des Strafmaßes vorgesehen. Sportler, die in ein Dopingsystem eingebunden sind, müssen mit einer Sperre von bis zu vier Jahren rechnen. Kronzeugen hingegen können auf eine Minderung des ihnen drohenden Strafmaßes um bis zu drei Viertel hoffen, wenn sie "substantiell aufklären". Christoph Niessen, Geschäftsführer der deutschen Nationalen Antidoping-Agentur, bemängelt allerdings, dass die "substantielle Aufklärung" nicht präziser bestimmt wird.

Neues Betätigungsfeld für Anwälte

Eine Lockerung des Strafsystems bedeutet auch die Erweiterung der Kategorie der "spezifischen Substanzen". Als solche gelten alle verbotenen Substanzen, mit Ausnahme von Steroiden und Hormonen. Wenn Sportler nachweisen können, dass eine solche Substanz ohne eigenes Verschulden oder wegen "geringer Fahrlässigkeit" - etwa als nicht deklarierter Bestandteil eines Medikaments - in ihren Körper gelangt ist, können sie im glücklichsten Fall mit einer Verwarnung davonkommen.

Dieser Passus dürfte zwangsläufig zu einem Wettbewerb um die schillerndste Ausrede führen. Kreativen Anwälten winkt hier ein lukratives Betätigungsfeld.

Unklar ist bislang, ab wann die neuen Regeln in Kraft treten. Als offizielles Datum für die Umsetzung ist der 1. Januar 2009 geplant. Nada-Justiziarin Anja Berninger rechnet damit, dass 2008 nach gängiger Rechtssprechung die für den Angeklagten jeweils günstigere Variante der Antidopingcodes von 2003 und der morgen zu verabschiedenden Version 2007 zur Anwendung kommen wird.

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