Baseball World Series: So sehen Verlierer aus - DER SPIEGEL
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Chicago Cubs: 108 Jahre Warten auf den Titel

Foto: Jonathan Daniel / AFP

World Series im Baseball So sehen Verlierer aus

Die Chicago Cubs warten seit 108 Jahren auf den Baseball-Titel. Im Finale spielen sie jetzt gegen die Cleveland Indians. Die waren zuletzt vor 68 Jahren Meister. Welches Loser-Team gewinnt?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es klingt nach Hollywood - eigentlich schon zu sehr nach Hollywood. Cleveland Indians gegen Chicago Cubs - das hätte wohl viel zu verrückt geklungen, um einen solchen Streifen in die Kinos zu bringen.

Doch Indians gegen Cubs, dieses Duell gibt es nun tatsächlich. Und man muss nicht einmal Fan der Teams sein, um daran Gefallen zu finden. Die Mannschaften mit der längsten Titeltristesse spielen in der World Series um die Meisterschaft. Beide stehen für Tradition, Fast-Triumphe und Tränen.

Indians und Cubs verbinden Jahrzehnte voller Leiden, Enttäuschungen, Hoffen. Zusammengerechnet warten sie seit 176 Jahren auf den Gewinn einer Championship. Bei den Indians gibt es noch einige Zeitzeugen des letzten Meisterschaftsgewinns 1948. Auf Seiten der Cubs hingegen lebt niemand mehr, der 1908 dabei war, als Chicago die Detroit Tigers in fünf Spielen besiegte.

Der Fluch der Ziege von Billy Sianis

1945 standen sich beide erneut in der World Series gegenüber - diesmal setzte sich Detroit 4:3 durch. Doch dieses Ergebnis ist weniger in Erinnerung geblieben, als der Auftritt eines gewissen Billy Sianis - und der angeblich daraus resultierende Fluch seiner Ziege. Seit jenen Oktobertagen vor 71 Jahren haben die Cubs die Endspielserie nicht mehr erreicht. Damals waren Alaska und Hawaii noch keine US-Bundesstaaten, Afro-Amerikaner gab es in der MLB nicht, und Bill Murray war auch noch nicht geboren. Der Schauspieler kam erst 1950 zur Welt und ist heute einer von vielen prominenten Cubs-Fans.

In der Playoff-Serie gegen die San Francisco Giants trug Murray ein blaues T-Shirt mit der Aufschrift: "I ain't afraid of no goats". Es war eine Anspielung auf den Titelsong des Achtziger-Hollywood-Klassikers "Ghostbusters", in dem ihm eine der Hauptrollen als Geisterjäger zukam. So wenig, wie Murray im damaligen Kinostreifen Gespenster fürchtete, hat er nun Angst vor dem vermeintlichen Fluch der Ziege.

Jon Lester geht es ähnlich. Wenn jemandem im Spiel ein Fehler unterlaufe, betont der linkshändige Pitcher, dann führe man das nicht auf einen Fluch, eine Ziege oder sonst was zurück, sondern nur auf sich selbst. "Wir sind dafür verantwortlich und versuchen, diesen Fauxpas mit der nächsten Aktion wieder wettzumachen", so Lester. Die Cubs des Jahres 2016 glauben an sich und ihre Fähigkeiten. Das wurde im vierten Spiel der Divisions-Serie in San Francisco deutlich. Chicago lag im neunten Inning 2:5 hinten. Alles deutete auf eine entscheidende fünfte Partie hin. Doch dann gelangen den Cubs vier Runs zum 6:5-Sieg - ein historisches Comeback.

Mastermind Theo Epstein

Man habe alle Zutaten, um Meister zu werden, sagt Theo Epstein. Er gilt als Mann hinter dem Cubs-Coup. Ende 2011 unterschrieb er als "President of Baseball Operations" einen Fünf-Jahres-Vertrag. Er sollte in Chicago das aufbauen, was ihm zuvor als Manager bei den Boston Red Sox gelungen war: ein umfangreiches Scouting-System sowie in den Farmteams einen Talentepool, aus dem möglichst viele Eigengewächse den Weg in die MLB schaffen.

Mit Boston gewann Epstein 2004 die World Series - es war der erste Titel nach 86 Jahren. 2007 folgte eine weitere Meisterschaft. Sein Trainer bei beiden Triumphen - Terry Francona, der heutige Coach der Indians.

Francona war 2003 der erste Trainer, den Epstein bei den Red Sox verpflichtete. Unter den Bewerbern befand sich damals auch Joe Maddon. Ihm sagte Epstein ab, holte ihn dann aber Ende 2014 zu den Cubs. Die Zeit mit Francona in Boston sei "wie eine Ehe" gewesen, sagt Epstein. Acht Jahre, fünfmal Playoffs, zwei Meisterschaften, jedes Spiel ausverkauft.

"Ich hoffe, wir sehen uns"

Als Cleveland die World Series erreichte, schickte Epstein seinem einstigen Weggefährten eine Glückwunsch-SMS. "Ich hoffe, wir sehen uns", antwortete Francona. Er hat in den Playoffs bewiesen, dass er immer noch ein Genie im Dugout ist. Durch die Verletzungen von Carlos Carrasco, Danny Salazar und Trevor Bauer stand ihm mit Corey Kluber nur ein Starting Pitcher zur Verfügung.

Doch Francona machte diesen Nachteil gegen Boston und die Toronto Blue Jays mit exzellentem Management wett, setzte seinen Bullpen geschickt ein. Vor allem Andrew Miller und Cody Allen ließen die Gegner verzweifeln und zusammen in 19,3 Innings keinen Run zu. Zudem verfügen die Indians, die in Deutschland durch den Film "Die Indianer von Cleveland" bekannt wurden, über eine starke Offensive, die reichlich Runs produzieren kann.

Auch bei den Cubs mussten sie in dieser Saison Rückschläge wegstecken. Bereits im zweiten Saisonspiel riss sich Kyle Schwarber das Kreuzband. Er ist einer von Epsteins Eigengewächsen und hatte im Vorjahr als Liga-Neuling mit fünf Homeruns in den Playoffs gleich einen Klubrekord aufgestellt.

Im Sommer stand Schwarber auf der Wunschliste der New York Yankees. Die wollten im Gegenzug Closer Aroldis Chapman abgeben. Epstein war interessiert, schickte anstelle des schlagstarken Schwarber jedoch einige Nachwuchsspieler zu den Yankees. Mit Erfolg. Schwarber ist wieder fit, könnte in der World Series zum Einsatz kommen. Chapman sorgte im entscheidenden Spiel gegen die Los Angeles Dodgers für die letzten beiden Outs - und komplettierte somit den erstmaligen Endspieleinzug seit 1945. In Hollywood hätten sie kein besseres Skript schreiben können.

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