Dopingfreie Tour Das soll ein Neuanfang sein?
Es sollte wieder einmal ein Neuanfang für die Tour werden, aber es droht auch diesmal die alte Leier. Der Spanier Manuel Beltrán vom Liquigas-Team wurde, wie am Freitag offiziell bestätigt, positiv auf den Blutbeschleuniger Epo getestet. Und wieder einmal wird deutlich, dass alle laut propagierten, hochgepriesenen Anti-Doping-Projekte von Leuten aus dem System demselbigen keine Änderung bringen können.
Tour-Fahrerfeld: Wieder einmal Doping mit im Spiel
Foto: AFPDarüber hinaus gibt es 20 Fahrer, die mit extremen Werten bei der offiziellen Eingangskontrolle auffällig waren. Da die Fahrer teamintern schon vor dieser Kontrolle getestet werden, ist davon auszugehen, dass die Rennställe schon im Vorhinein von den extremen Werten der Fahrer gewusst und sie gedeckt und vielleicht sogar manipuliert haben. Man sieht: Die alten Strukturen sind bislang nicht aufzubrechen, wie ich das auch Anfang der Woche beschrieben habe. Außerdem sind die bisherigen Protagonisten der Tour 2008 zu verdächtig.
Alejandro Valverde und Stefan Schumacher hießen zwei der ersten Fahrer in Gelb. Beide wurden in der Vergangenheit mit Doping in Verbindung gebracht: Der für Caisse d'Epargne fahrende Spanier Valverde im Fuentes-Skandal, Gerolsteiner-Fahrer Schumacher 2007 durch seine auffälligen Werte bei der WM und seiner Alkoholfahrt im November; dabei wurden in Schumachers Blut auch Spuren des Aufputschmittels Amphetamin entdeckt. Auch und gerade wegen dieser Vorgeschichten wurden die Erfolge von Valverde und Schumacher in Frankreich sehr kritisch gesehen.
In dieser Sache ist interessant zu beobachten, wie Schumachers Rennstall sich verhält. Unmittelbar nach den Vorfällen war Teamchef Hans-Michael Holczer erbost: "Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen." Sogar von einer Trennung war die Rede, wenngleich dies von Schumachers Manager bestritten wurde: "Das stand nie zur Debatte."
Und jetzt, ein halbes Jahr später, steht Holczer in der ersten Reihe und applaudiert seinem Spitzenfahrer, der dem angeschlagenen Team neue Sponsoren bringen soll. Das ist schon sehr bigott. Zumal Holczer auch noch über das Liquigas-Team wettert: "Wer Basso sät, muss Beltran ernten." Der italienische Rennstall hatte ja den derzeit gesperrten Dopingsünder Ivan Basso verpflichtet.
Immerhin redet Schumacher im Gegensatz zu Valverde über die Dopingproblematik. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es ein unangenehmes Gefühl ist, mit Journalisten über dieses Thema zu sprechen. Man weiß nicht, welche persönliche Einstellung die Medienleute haben: Glauben sie mir oder glauben sie mir nicht? Bestimmte Leitmedien können ja auch ein Bild kreieren, das man sicher so nicht sehen will.
Bei Teamchefs ist das anders. Die Manager hören sich selbst gerne reden. Sie loben ihr Anti-Doping-Engagement, klopfen sich auf die eigene Schulter und schieben den schwarzen Peter auf die bösen Fahrer. Die Verantwortung wird hier einfach nach weiter unten im System abgegeben.
Und nun sagt Holczer, er will nicht mehr so viel über Doping reden, weil die anderen Teamleiter damit auch besser gefahren seien, anstatt offensiv und öffentlich zu seinen zuvor proklamierten Anti-Doping-Werten zu stehen. Das ist doch entlarvend. Ich habe es immer als Teil des Business gesehen, dass ich auf Dopingfragen antworten musste. Aber natürlich gibt es eine Angst unter Fahrern, die sich lieber einen Maulkorb verpassen, um sich ja nicht mit einem Versprecher zu offenbaren.
Auch Jens Voigt hat sich in letzter Zeit immer weniger zum Thema Doping geäußert, was jetzt nicht als Dopingunterstellung gemeint sein soll. Doch Voigt könnte als Athletensprecher viel Klarheit in die ganze Sache bringen, was er durch seine schwammigen Beiträge aber nicht schafft.
Er forderte erst einen harten Umgang mit Dopern: "Zieht sie raus und werft sie auf den Scheiterhaufen." Jetzt sagt er: "Ich bin sehr guter Dinge, dass wir das Licht am Ende des Tunnels erreicht haben." Ich weiß nicht, woher er seinen Glauben hat. Ich finde aber, dass er seine Rolle des Athletensprechers auf eigentümliche Weise interpretiert. Er ist der Sprecher eines Athleten - von sich selbst.
Er ist in eigener Mission unterwegs. Und die lautet, sich gut zu verkaufen. Als ein Profi, der zwölf Jahre in einem dopingverseuchten Sport extrem erfolgreich mitgeradelt ist, aber mit illegalen Praktiken nie etwas zu tun hatte. Voigt versucht nicht, den Fahrern ein besseres Image zu verschaffen. So verstanden, ist die Aufgabe des Athletensprechers meiner Ansicht nach Humbug.
Ich fände es besser, wenn man einen Athleten-Anwalt hätte. Von mir aus auch für jedes Land einen, mit vielen multinationalen Treffen. Das wäre der richtige Weg. Denn derzeit fehlt eine ordentliche Struktur. Man muss doch wissen, was andere Athleten wollen, was ihre Forderungen sind. Dazu bedarf es eines Kontakts. Wie normalerweise in einer Gewerkschaft.