Flush Hour Die Rückkehr des Königs
Hausschwein: Mit dem Namen kam das Glück
Foto: ddpWer es noch nicht wusste: Es gibt Vornamenbücher für Kinder. Es gibt sogar eine regelrechte Vornamenbücher-Industrie. Der Bedarf ist zweifellos da, immerhin gilt heute gemeinhin als bildungsfern, wer seinen Racker Kevin oder Dustin nennt oder die kleine Prinzessin Chantalle. Ein Vornamenbuch sorgt da für schnelle Abhilfe, gesellschaftsübergreifend. Einfach Seite 24 aufschlagen, Nayla finden, fertig. Nayla passt zu allem, ob Nayla Schulze oder Nayla von und zu Hohenstein-Ernsttal. Dass nicht ganz geklärt ist, woher der Name nun kommt (indianisch, arabisch, hawaiianisch) macht das Ganze nur interessanter. Wenn später mal jemand fragen sollte.
Ich habe auch nach einem Namen gesucht, aber ich konnte nicht in einem Vornamenbuch schauen. Es gibt keine Vornamensbücher für Glücksschweine.
Also ließ ich suchen.
Per Mail kamen Vorschläge, bei Facebook, insgesamt mehr als fünfzig. Es waren lustige dabei und sehr lustige. Ich musste den Vorschlagsprozess irgendwann unterbinden. Der Sieger stand ohnehin schon lange fest: Pig König.
Großes Haus, kleiner Mann
Michael A. hatte diese geniale Idee, er begründete den Vorschlag auch einleuchtend: "Kombiniert meiner Meinung nach das Wortspiel zwischen 'Pig' und 'Pik' prima mit einer gewissen Verbrüderung durch den gemeinsamen Nachnamen." Michael A. bekommt als Preis für diesen großartigen Einfall den SPIEGEL-ONLINE-Bestseller "Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt" . Der Bezug zum Poker fällt mir noch ein, vor allem aber bin ich gerade wieder knapp bei Kasse.
Vor einer Woche war das noch anders. Pig König sollte, jetzt, da es einen Namen hatte, seine Tauglichkeit als Glücksschwein erneut unter Beweis stellen. Der erste Versuch war wie berichtet suboptimal verlaufen; aber ich war guter Hoffnung, dass das vor allem eine Trotzreaktion auf den fehlenden Namen war. Schweine sollen ja laut einer Studie möglicherweise ein Selbstbewusstsein haben.
Ich war in einer besseren Gegend Hamburgs zu einer Runde Cash Game eingeladen. Der Gastgeber wohnte in einem großen Haus mit großem Garten, großem Carport und übergroßen Pokertisch im Keller. Er selbst war eher klein. Die anderen Spieler waren bereits da, als Pig König und ich in der palazzoähnlichen Villa ankamen. Ich fühlte mich zwischen all den Wollpullovern und teuren Uhren wie der verarmte Besuch aus der Mongolei. Das einzige, was ich dabei hatte, war ein Knetschwein mit drei Beinen.
Robin Hood und Little John
Aber ich wollte es ja genau so. Nach all den Rückschlägen der vergangenen Monate habe ich eine gewisse Robin-Hood-Mentalität entwickelt. Ich nehme jetzt von den Reichen und gebe den Armen (wenn es denn sein muss). Und Pig König soll mein Little John sein.
Die einzige Bedingung für mein Erscheinen in der Residenz der Reichen war: Wir spielen Pot Limit Omaha. Es war, als würde ich freiwillig den Sheriff von Nottingham besuchen - aber wenigstens die Waffe des Duells bestimmen. Der Hamburger Nachwuchs-Geldadel wusste ganz offensichtlich nicht, worauf er sich da eingelassen hatte.
Der Gastgeber Karl saß links neben mir, rechts ein sehr hagerer Mann in den Dreißigern, der Zigarre rauchte. Er war mir gleich unsympathisch. Mir fiel auch noch der sehr beleibte Mensch gegenüber auf - er trug einen rosafarbenen Pullunder und zog dauernd den Rotz durch die Nase hoch. Wenn Pig König kein Glück bringen sollte, konnte ich immer noch den Pullundermann fragen.
Irgendwas wird sich schon ergeben
Pot Limit Omaha ist Schildkrötenpoker, diese Herren waren allerdings nicht tief in der Materie, wie sich schnell rausstellte. Sie spielten ausnahmslos jede Hand und wirkten dabei wie ich nach dem Abi - irgendwas wird sich schon ergeben. Der Big Blind lag ja auch nur bei einem Euro. Ich schaute mir das ganze zwei Runden lang an und war am Ende sicher, dass ich Pig König gar nicht brauchen würde. Dann bekam ich Asse und Damen, double suited, im Small Blind.
Call, Call, Call, Call, Call, Call. Ein wahres Fest. Raise, sage ich und erhöhe um drei Big Blinds plus sechs Big Blinds. 10 Euro. Call, Call, Call, Fold, Call, Fold, Call. 62 Euro sind jetzt im Pott, und ich habe noch 87.
Flop: 6 Karo, 8 Karo, Dame Kreuz.
Ich checke. Der rosa Pullunder pustet durch, er will Enttäuschung simulieren. Der hagere Zigarrenmann schüttelt den Kopf. Auch er simuliert wohl. Pullunder checkt, Zigarre atmet einmal tief durch und setzt dann beiläufig 20 Euro. Ich habe einen Drilling und habe es bei dem Dünnen offenbar mit einem Set Achten zu tun. Oder weniger. Das Problem ist: Da liegt ein Flush Draw, und es sind noch fünf gierige Wollpullover in der Hand. "All in", sage ich. Call sagt ein brauner, Call sagt der rosafarbene, Call sagt die Zigarre. Ich gucke wie 1999 nach dem Champions-League-Finale Bayern-Manchester.
Turn: 3 Karo.
Na toll. Der Flush ist angekommen, aber keiner spielt an. Sind sie schlauer als ich denke, oder spielen sie mit noch weniger als ich hoffe? Mir fällt Pig König ein. Die arme Sau.
River: Dame Karo.
Vier Damen. Und plötzlich brechen alle Dämme. Es wird gesetzt, geraist, Zigarre geht All in. Braun und Rosa gehen mit. Ich fühle mich wie bei einem Hagelschauer - die drei Wahnsinnigen laufen ohne Regenschirm da draußen rum und ich schaue hinter Panzerglas zu. Was mache ich mit dem ganzen Geld? Ich zeige meine vier Damen, der braune Pulli hat 6 und 8, der rosafarbene einen Flush mit 2 und 9. Zigarre deckt das Karo-Ass auf und will die Chips zu sich rüberschaufeln. Alle lachen. Ich frage mich, ob ich mich jetzt noch freuen soll, oder ob mir das Ganze eher peinlich ist.
Ich stehe auf und will gehen. Das Glück ist flüchtig, ich will es ungern loslassen.
Lesen Sie im nächsten Teil: Warum Lasse König doch noch blieb und wie Pig König groß rauskommen soll.