Flush Hour: Schildkrötenpoker als Broterwerb - DER SPIEGEL
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Flush Hour Schildkrötenpoker als Broterwerb

Alle kennen No Limit Hold'em, und alle wollen No Limit Hold'em können. Pokerprofis spielen zum Gelderwerb aber lieber die Variante Omaha. Lasse König hat es ausprobiert und fasziniert festgestellt: Die dümmsten Pokerspieler ernten hier zur Abwechslung auch die kleinsten Pötte.
Herdominantes Board: Verdammt viele Kombinationsmöglichkeiten beim Omaha
Herdominantes Board: Verdammt viele Kombinationsmöglichkeiten beim Omaha

Herdominantes Board: Verdammt viele Kombinationsmöglichkeiten beim Omaha

Foto: LUKE MACGREGOR/ REUTERS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Killer hat eine neue Sonnenbrille. Mein Lieblingsfeind ist gerade aus dem alljährlichen Herbsturlaub im ehemaligen Zonenrandgebiet zurückgekehrt und musste natürlich gleich mit der Neuerwerbung aus dem Outlet-Store angeben. "Keine Regung der Pupillen siehst du da", protzte er und setzte das riesige Teil auf. "Mein neuer Glücksbringer beim Poker", sagte der Killer.

"Gucci" stand am Bügel und ich wurde den Eindruck nicht los, dass man ihm eine Frauenbrille aufgeschwatzt hatte. Er sah jetzt aus wie eine Mischung aus Stevie Wonder und Forrest Gump, eine bedauernswerte Gestalt. "Was willst du mit einem Porsche wenn du keinen Führerschein hast", sagte ich. Aber er hörte schon gar nicht mehr hin sondern glotzte wie ein Pfau in seinen Spiegel im Flur. "Achso, wir spielen heute PLO", sagte er und kicherte.

Pot Limit Omaha. Das Broterwerbsspiel der Profis, die Lieblingsvariante der High-Stakes-Maniacs. Pot Limit Omaha wird PLO abgekürzt, kein Wunder, dass der Killer erstmal im Politiklexikon nachgeschaut und nach Yassir Arafat gesucht hatte. Hilflos. Find ich nicht, sagte er damals vor vier Wochen, als wir das erste Mal über PLO sprachen. Und jetzt wollte er also die kümmerlichen Reste seines Urlaubsgeldes in einem Spiel riskieren, das er kürzlich noch für die palästinensische Befreiungsorganisation gehalten hatte?

"Schildkrötenpoker"

Ich selbst habe mich lange nicht so intensiv mit PLO beschäftigt wie mit NL Hold'em. Aber dann könnte ich diesen Text ja auch erst in anderthalb Jahren schreiben. Ich weiß, dass zwei Asse und zwei Könige oder suited Asse kombiniert mit J10 oder Paaren die besten Starthände sind. Ich weiß, dass es verdammt viele Kombinationsmöglichkeiten gibt und ein Paar nichts wert ist. Ich weiß, dass ich nicht viel weiß. Und damit deutlich mehr als der "Gucci"-Killer.

Isildur1 und durrrr und Patrik Antonius und Phil Ivey und George Danzer und Jan Heitmann und Markus Golser und Mike Matusow und wie sie nicht alle heißen - sie spielen Omaha so unfassbar gut; und doch hört man die Ahnungslosen immer wieder sagen: Ist ja auch kein Wunder, mit vier Holecards. "Kann ja jeder", das wabert zwischen den Zeilen solcher Aussagen. Steve Badger, WSOP Champion 1999 im 2500$ Omaha High/Low, nennt seine Spezialdisziplin "Schildkrötenpoker" - NL Hold'em sei hingegen "was für Hasen". Aber Omaha-Spieler verdienten in einer Stunde deutlich mehr Geld als NL Hold'em-Spieler - "es gibt einfach nicht so viele wirklich gute Spieler".

Was Badger meint: Können verschafft dem Pokerspieler im Omaha einen größeren Vorteil als im NL Hold'em. Ich bin weit entfernt vom Können, aber gegen den Killer, da war ich sicher, war ich die klügste Schildkröte der Welt.

Wie in Hagenbecks Tierpark

"Beim Omaha gibt's vier Karten für jeden, der Rest ist wie üblich", sagte der Killer, nachdem wir uns zu siebt an seinen fleckigen Birkentisch (natur) gequetscht hatten. Dass er zu Vereinfachungen neigt, wusste ich vorher, aber mein Kumpel Jan schaute mich an wie ein Bäcker, der gerade das Brotbacken von einem Versicherungsmakler erklärt bekommt. "Alles klar?" Alle nickten.

Es kam so, wie es kommen musste. Der gierige Forrest Wonder spielte nahezu jedes Blatt, ob 789J oder 3456 - und ich war die Schildkröte. Ich wusste, meine Zeit würde kommen, schließlich spielten wir Cash Game mit Blinds von 25 und 50 Cent. Aber der Killer war nicht allein. Die Verteilung am Tisch war ungefähr so wie in Hagenbecks Tierpark, auf zwei Schildkröten kamen fünf Hasen. Und während die Hasen sich gegenseitig das Geld wegnahmen und ihr Selbstvertrauen von Hand zu Hand stieg, lächelten Jan und ich nur weiter in uns hinein.

Dann bekam ich AAKQ in zweiter Position. Der Killer saß im Big Blind, seine Grabbeltisch-Brille wirkte tonnenschwer auf seiner dünnen Nase. Badger hatte geschrieben, dass man limpen soll und auf ein Raise hoffen, und das tat ich auch. "Raise", brabbelte der Killer wie auf Bestellung und schob 5 Euro in die Mitte. Vor ihm lagen noch 50, ich raiste auf 15. Call.

Flop: A-J-10.

Wow. Ich hatte eine Straße gefloppt, Aussichten auf ein Full House, einen Nut-Flush-Draw und Position auf Gucci. Er checkte. Ich checkte.

Turn: J.

"20", sagte der Killer. "All in", sagte ich. Nach seinem Call deckte der Donk J-10-7-6 auf und fluchte. Hasenland ist abgebrannt, dachte ich, und auch, dass Schildkröten sehr majestätische Tiere sind.

River: 2.

Der Killer kaufte sich noch zweimal ein an diesem Abend und ich hatte am Ende etwas Mitleid. Aber womöglich bekommt er bei Ebay ja noch ein paar Euro für seine Sonnenbrille? Vielleicht ist sie sogar echt. Nur Glück bringt sie nicht. Allerdings, und das habe ich gelernt: Das kann man beim PLO eigentlich auch gar nicht gebrauchen.

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