Flush Hour Kanadisches Vierkönigstreffen
Die Heiligen Drei Könige: Lustige Truppe mit guten Karten
Foto: epa efe Gustavo Cuevas/ picture-alliance/ dpaDies ist der zweite Teil von Lasse Königs erschütterndem Selbsterfahrungstrip in das Edgewater Casino von Vancouver. Wenn Sie den ersten Teil verpasst haben, klicken Sie hier.
Man kann es auch positiv sehen: Ich habe mit meinem Geld dafür gesorgt, dass ein zahnloser Indianer-Opa seine Familie ernähren kann. Er wird die Deutschen in guter Erinnerung behalten. Und vielleicht sind jetzt sogar ein paar neue Beißer drin?
Der Chief steht auf, nachdem er meine Chips zu sich rübergeschaufelt hat. Er sei dank mir nur noch mit "700 Dollar im Minus für heute", krächzt er. Ich gucke ihn an, mein Mund sagt "keine Ursache", mein Gesicht fragt: "700 Dollar??" Immerhin weiß er offenbar, wann es Zeit ist zu gehen. Ich frage mich, ob ich mit meinem Geld eine Katastrophe gemindert oder einen Tropfen Wasser in eine Regentonne gegossen habe. "Er kann's ab", sagt der Trucker und zwinkert wissend.
Also Regentonne.
Die Dinge im Cashgame können sich schnell ändern, der Chief weiß es und ich hoffe es. In diesem Moment haut mir der Trucker, Typ William Shatner mit Ziegenbart und Lederweste, auf die Schulter und ermuntert mich zu bleiben. Es würden noch zwei "große Fische" kommen. "Das lohnt sich." Ich lächle ein bisschen und starre auf die 800 Dollar, die vor Shatner stehen. Der Trucker grinst, als habe er heute noch vor, sich eine neue Zugmaschine zu kaufen. In bar.
"Don't tell my name!"
Fisch Nummer eins kommt zehn Minuten später, aber er will seinen Namen nicht nennen. "Don't tell my name", sagt der Fisch zur Dealerin. Er sieht aus wie ein Boss aus einem dieser chinesischen Triaden-Filme, "don't tell my name". Wahrscheinlich kann er auch Karate und ist am Rücken tätowiert. "Hi Thomas", sagt William Shatner. Der Boss guckt, als würde er in einer Zugmaschine sitzen und auf den Trucker zurasen. "Don't tell my name!"
Ich komme mir vor wie in einem Comic. Das kann doch alles nicht wahr sein!
Der Boss kauft sich mit 400 Dollar ein. Er zählt vier Scheine aus einem faustdicken Bündel ab, und ich meine keine Kinderfaust. "Somebody on tilt", sagt er und lacht ein finsteres Höllenlachen. In den ersten fünf Händen verliert er 800, leider keinen einzigen Dollar an mich. Ich überlege, wie wohl meine verbliebenen 100 Dollar in seinem Vermögen wirken. Die Regentonne des Chiefs? Winzig. Das Meer vielleicht?
Dann tropft es wieder.
Ich bekomme mit Ass 7 in Herz endlich die erste spielbare Hand. Der Boss sitzt im Big Blind, ich am Button. "Raise auf 10" sage ich. Der Boss füllt mit einem beiläufigen Blick in seine Karten auf. Sie interessieren ihn weniger als die Augen der Kellnerin. Sie ist wohl auch aus China.
Flop: 9 Herz, König Herz, 2 Karo
Ein schöner Flop, denke ich und auch, dass ich Position auf einen Fisch habe. Bilder von Touristenteichen machen sich in meinem Kopf breit. Angel rein, Fisch raus. Angel rein, Fisch raus. Der Boss setzt 15, ich calle.
Turn: Dame Pik
Der Boss schaut mich an, er wirkt schwach, etwas stimmt mit seiner Hand nicht. Vielleicht hofft er auf einen Flush wie ich, vielleicht hat er einen König, vielleicht hat er nichts? Er setzt 30 Dollar in einen 51er Pott. Ich schaue auf meinen Stack und sehe, dass ich nur noch 75 habe. "All-in." Der Boss überlegt, er schiebt seine Karten hin und her, "ich kann dich nicht callen", sagt er dann und tut es doch. Er zeigt Bube 8. Kein Herz. Ein Inside-Straight-Draw. Nix.
River: 8 Karo.
"Nice Hand, Thomas", lüge ich. Es ist ein kleiner Triumph, als ich zum Geldautomaten schleiche und er sein heiseres "Don't tell my name" kräht. Der Trucker schüttelt verständnislos den Kopf, aber er kann sich das Bedauern leisten. Vor ihm stehen 1400 Dollar, 550 davon vom Boss.
Es vergeht eine Stunde, ich habe die Worte von Shatner schon wieder vergessen. Der Boss kauft sich gerade zum sechsten Mal wieder ein, als ein Typ wie aus einem Italo-Western das Casino betritt. Ende 50, Sonnenbrille, hellbraune Lederjacke, Handtasche. Sein Englisch ist gebrochen, er bestellt sich ein Hühnchen und zwei Bier. Dann setzt er sich hin. Shatner grinst mich an und deutet auf den Cowboy. Der zweite Fisch ist da.
Der Balkan-Cowboy ist der Slowplay-König
Dragan heißt er, geborener Montenegriner, Geschäftsmann wie er später sagt, zwei Bodyguards. Dragan, den sie alle mit "Dragon" ansprechen und das durchaus mit Respekt, ist offensichtlich ein gern gesehener Gast in diesem Laden. Er gibt der Kellnerin 20 Dollar Trinkgeld und allen am Tisch ein Bier aus. Geschäftsmann wie er ist gibt's die nicht umsonst: Er will gerne die Blinds auf zwei und fünf Dollar erhöhen, aber keiner macht mit. Wie undankbar. "Dann kostet jeder Flop 35 Dollar", kündigt der Balkan-Cowboy deshalb an. "Er hält sich für den King of Slowplay", sagt Shatner zu mir. Es klingt verächtlich.
Ich beschließe, dass ich schnell weg will. Dragan sitzt links vom Boss, ich sitze links von Dragan. Es ist wie immer: Das Kapital hat Position auf das Prekariat.
Zwei Minuten später bekommt das Prekariat Könige. In erster Position.
Es ist witzig, dass man UTG nur callen muss und weiß, dass man es am Ende der Setzrunde mit einem Raise auf mindestens 35 Dollar zu tun haben wird. Das man dann einfach callt.
Flop: König Herz, König Pik, Dame Karo
Check. Check. Es ist das Vierkönigstreffen in Vancouver, und ich hoffe, der King of Slowplay hat eine Dame getroffen.
Turn: 5 Karo
Check. Check. Hmm. Oder eine 5?
River: 3 Kreuz
Dragan checkt wieder. Ich habe sein 35 Dollar-Raise vor dem Flop gecallt. Er muss mir eine Hand geben wie Ass-König, Ass-Dame, Ass-Bube, Damen, Buben, Asse. Hofft er auf einen Versuch von mir, den Pott zu gewinnen oder hofft er auf einen Check? Wie spielt man vier Könige?
"All in" sage ich und denke eine hauchdünne Scheibe, die ich von einer meterlangen Wurst abschneide. Er kann es sich leisten, er kann, er MUSS. "Calle ich, dein Ass hoch", sagt Dragan und zeigt Ass-Dame. 192 Dollar sind im Pott. Es reicht nicht für eine Zugmaschine, es reicht nicht mal, um all das Pech vergessen zu machen.
Aber es reicht, um zwei Könige auf den Tisch zu werfen, Chips zusammen zu klauben, in ein fassungsloses Cowboy-Gesicht zu blicken und in das eines lächelnden Truckers. Es reicht, den Boss noch mal "Thomas" zu nennen und beim Rausgehen die Tür zu knallen.
Es reicht, um wieder Respekt zu haben. Vor mir selbst.