Geschrumpftes Box-Universum: Kuscheln statt Klitschkos - DER SPIEGEL
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Kleines Universum: Box-Abend in trauter Runde

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Geschrumpftes Box-Universum Kuscheln statt Klitschkos

Boxen unplugged: Der Boxstall Universum hat seinen ersten Kampfabend seit Ende seines großen TV-Vertrages veranstaltet. Die Atmosphäre war stimmig, das sportliche Niveau weniger. Manager Klaus-Peter Kohl glaubt dennoch an eine große Zukunft.
Von Florian Haas
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es geht vorbei an Reifenhändlern, einem Billard-Schuppen und einer Kneipe, in der selbst an einem Freitagabend nur ein Gast sitzt. Gegenüber einem Möbelmarkt stehen in der Dunkelheit große Lastwagen. Ein kleiner Scheinwerfer beleuchtet ein Plakat, das an einer Wand hängt. "Die K.o.-Nacht - Universum Gym Hamburg" steht auf dem Poster.

Das hier soll es sein? Das renommierte Boxunternehmen, das in seiner 26-jährigen Geschichte mehr als 200 WM-Kämpfe organisierte und mit den Klitschko-Brüdern, Felix Sturm, Dariusz Michaelczewski und Regina Halmich viele Stars schon unter Vertrag hatte, lädt an diesen unwirtlichen Ort ein? So ist es.

Der Besucher passiert ein kleines Kassenhäuschen, wie man sie von Rummelplätzen kennt. Er sieht Stehtische, an denen Bratwurst gegessen wird, schreitet durch eine Tür, die gut einen frischen Anstrich vertragen könnte, tritt auf einen Teppich, den Klebebänder zusammenhalten. Und steht dann der Besucher in einem großen Raum, in dem es nach Bier riecht.

Um den Boxring sind rote Plastikstühle dicht aneinander gereiht. Die Lüftungsanlage surrt hinter einer kleinen Tribüne. An Wänden hängen Poster der Klitschkos in jungen Jahren. Ein Bild zeigt Don King. Der US-amerikanische Boxpromoter mit der Struwelpeter-Frisur umarmt Universum-Manager Klaus-Peter Kohl. King ist an diesem Abend nicht da, Kohl selbstverständlich schon.

Der 66-Jährige sitzt vor einer Sprossenwand, hält einen Plastikbecher in der Hand und grüßt die zumeist sehr gebräunten Gäste wie ein Hausherr, der gute Freunde in seinem Wohnzimmer willkommen heißt. Da nur etwa 500 Zuschauer kommen, kann Kohl vielen die Hand schütteln.

Zurück zu den Wurzeln - eher ungewollt

"Die Atmosphäre im Gym ist die beste", urteilt Kohl. "Wir wollten zurück zu den Wurzeln", ergänzt Universum-Sprecher Georg Nolte. Boxen unplugged also. Wenig Show, viel Handarbeit. Klingt gut.

Bis vor kurzem war die Universum-Welt die der großen Hallen und Arenen. Tausende Fans verfolgten die Kämpfe live, Millionen sahen sie im Fernsehen, von 2002 bis 2010 im ZDF. Doch diesen Sommer wollte der öffentlich-rechtliche Sender nicht mehr. Für Universum brach eine Welt zusammen. Nun also der Wiederbeginn mit diesem intimen Kampfabend im Hamburger Stadtteil Wandsbek.

Der Gym-Abend ist der erste seit dem Ende der ZDF-Ära. Aus Kostengründen und weil andere Hallen belegt waren, entschied sich Universum für das heimische Studio mit hohem Kuschelfaktor. Für vier Fights, die von einem Spartensender oder live im Internet gestreamt wurden. Für Aufbaukämpfe, bei denen sich Boxer nach Verletzungen oder Formkrisen überprüfen können.

Das ist stimmig, denn auch für den Arbeitgeber der Sportler ist das Ganze eine Mischung aus Feldversuch, Neustart und Reha-Programm. "Wir haben in Deutschland keinen Sender gefunden, der uns das Paket abkauft, wie wir es beim ZDF hatten", weiß Kohl, "also müssen wir neue Wege gehen." Vielleicht sind es auch die alten, 1984 begann Universum als kleiner Stall. Beim ZDF kassierte Universum zwischen 15 und 20 Millionen Euro pro Jahr.

Boytsov überzeugend, Chagaev enttäuschend

"Die K.o.-Nacht" fängt schlecht an. Der Schwergewichts-Fight zwischen dem Syrer Manuel Charr und Robert Hawkins aus den dem USA ähnelt einer Hinterhof-Keilerei. Beide sind nicht fit. Charr gewinnt, weil Hawkins vor der sechsten Runde einfach aufgibt und den Ring verlässt. Pfiffe. Universum-Vertreter Charr, zuletzt von schweren Knieverletzungen gebeutelt, sagt entschuldigend: "Ich bin in der Lernphase."

Denis Boytsow ist viel weiter. Der dynamische Russe beendet sein Duell mit dem überforderten US-Amerikaner Mike Shepperd nach wenigen Minuten. Gegen wen er dann antreten wolle? "Wladimir Klitschko, wenn er boxt." Wenn. Und wenn Boytsows rechte, im April operierte Hand hält. Und wenn der Manager das Okay gibt. Boytsow sei ein Ausnahmeboxer, sagt Kohl. "Aber er ist 24, noch jung. Es eilt nicht."

Zeit benötigt auch Jack Culcay. Der 25-jährige Super-Weltergewichtler besiegt in seinem erst siebten Profikampf Alexej Ribschew aus Bulgarien mühsam nach Punkten. Culcay hat Tempo, Technik, Talent. Doch so gut, wie viele dachten, ist der Amateur-Weltmeister von 2009 noch lange nicht. Der Deutsche mit den ecuadorianischen Wurzeln agiert fast ohne Deckung und etwas überheblich gegen seinen Gegner, der "tatsächlich gewinnen wollte", wie Kohl erstaunt feststellt. Die Zuschauer sind enttäuscht.

Den spannendsten und besten Fight liefern sich der US-Amerikaner Travis Walker und der frühere WBA-Weltmeister Ruslan Tschagajew. Es wird geschrien und gebuht, gezittert und geklatscht, das Flair ist intensiver als in jeder Groß-Arena. Tschagajew, 2009 von Wladimir Klitschko als Champ entthront, schafft einen knappen Punktsieg. Bald muss er als Pflichtherausforderer gegen den starken WBA-Champion David Haye aus England boxen. "Ich bin alle. Heute war nicht mein Tag", sagt Universum-Boxer Tschagajew, der von den drei deutschen Kampfrichtern sicherlich nicht benachteiligt worden war. Er sei bereit für Haye. Das findet auch Kohl.

"Wie oft ich schon totgesagt wurde"

Spät am Abend nimmt der Manager im improvisierten Stuhlkreis zwischen Journalisten Platz. Tolle Kämpfe habe man gesehen, auch wenn einige seiner Jungs "etwas eingerostet" gewesen seien. Das Experiment sei gelungen, eine Wiederholung nicht ausgeschlossen.

Andererseits stehe er mit diversen Fernsehsendern in Verhandlung, er könne noch nichts Genaues sagen, aber Anfang 2011 wolle er einen neuen Vertrag bekannt geben. Noch im Dezember werde ein Universum-Kampf erstmals in 3D übertragen, seine Boxer seien überall gefragt, notfalls schicke er sie wieder mehr ins Ausland. Finanziell stimme alles, die Reserven seien groß.

Frei übersetzt heißt das wohl: Die Show kann, muss, wird weitergehen. "Wie oft ich schon totgesagt wurde. Da lache ich nur darüber", sagt Kohl. Dann tritt er nach draußen, auf den Hof, zu den lachenden Leuten. Er kommt vorbei am Poster von Witali Klitschko. Der WBC-Schwergewichtsweltmeister vermarktet sich seit Jahren selbst. Im Oktober kämpfte er in Hamburg. Vor 15.000 Zuschauern in der Halle und Millionen am Fernseher.