Fotostrecke: Aus dem Schuldienst nach Russland
Radsport-Teamchef Holczer Saubermann von Gazproms Gnaden
Vor ein paar Jahren wäre Hans-Michael Holczer dem russischen Radprofi Denis Menchow noch mit großem Argwohn begegnet. Menchow stand jahrelang im Verdacht, Kontakt zu dem Dopingarzt Michele Ferrari unterhalten zu haben. Holczer hatte sich als Chef des Gerolsteiner-Rennstalls stets nach außen als Vorkämpfer gegen Doping profiliert. Heute ist der 58-jährige Deutsche Chef des russischen Katjusha-Rennstalls, und Menchow seine Nummer eins.
Hans-Michael Holczer galt als Gerolsteiner-Boss jahrelang als die ehrliche Haut im Profiradsport. Während um ihn herum ein Spitzenfahrer nach dem anderen des Dopings überführt und gesperrt wurde, war der frühere Lehrer für Mathematik, Geschichte und Sport so etwas wie der gute Mensch aus Böblingen, der Doping scharf verurteilte, der eine Null-Toleranz-Politik im Radsport verlangte.
Dann wurden in seinem eigenen Rennstall Stefan Schumacher, Bernhard Kohl und Davide Rebellin als Dopingsünder erwischt. Der Mythos der Saubermänner von Gerolsteiner war dahin. Holczer hat stets behauptet, er habe davon nichts gewusst, seine Athleten hätten ihn getäuscht. Er trat zurück und kehrte dem Radsport den Rücken - allerdings nicht vorrangig deswegen, weil ihn die Dopingpraxis so anwiderte, sondern weil es in Deutschland keine potenten Sponsoren mehr gab, die ihren Namen und ihr Geld für eine so verseuchte Sportart hergeben wollten.
Er muss keinen Sponsoren mehr hinterherlaufen
Jetzt ist Holczer zurück, einflussreicher denn je. In seinem neuen Wirkungsfeld in Russland muss er nicht mehr Sponsoren hinterherlaufen. Der Rennstall, benannt nach dem berühmt-berüchtigten Raketenwerfer, der Stalinorgel, hat den mächtigen Gazprom-Konzern im Rücken. Dazu den Gasriesen Itera und das Rüstungsunternehmen Rostechnologii. Unter dem Katjusha-Dach haben sich zahlreiche alte Gerolsteiner-Mitarbeiter Holczers versammelt, vom Pressesprecher bis hin zum früheren sportlichen Leiter, Christian Henn.
Der Strippenzieher im Hintergrund ist Igor Makarow, nicht nur Präsident des russischen Radsportverbandes, sondern auch Boss von Itera und Vertrauter von Präsident Wladimir Putin. Makarow hat mit Katjusha große Pläne. Der Rennstall soll die Nummer eins im Profiradsport werden. Am besten schon in dieser Saison, die mit dem mythischen Eintagesklassiker Paris-Roubaix am Ostersonntag ihren ersten ganz großen Höhepunkt erlebt.
Auf Makarows Geheiß hin soll auch die Verpflichtung von Menchow zustande gekommen sein. Ein russischer Star wird gebraucht, der 33-Jährige hat immerhin schon einmal den Giro d'Italia gewonnen. Da sieht man über den einen oder anderen Makel gerne hinweg.
Menchow und die Espresso-Maschine
Über die Geschichte mit der Espresso-Maschine zum Beispiel, die Menchow seit Jahren anhängt. 2008 soll, so schrieb damals die "Corriere della Sera", eine Millionensumme sei von Menchows Konto an einen unbekannten Empfänger geflossen. Der Russe soll mitgeteilt haben, er habe sich für die besagten 2,4 Millionen Euro eine Luxus-Espressomaschine zugelegt. Auf einer internen Liste, auf der die Tour-de-France-Macher 2010 die einzelnen Fahrer nach Dopingverdacht bewertet haben, erhielt Menchow neun von zehn möglichen Punkten.
Holczer hat gegenüber dem Deutschlandfunk betont, sein Spitzenfahrer sei "nie positiv getestet worden". Er hat aber eingeräumt, dass "unser russischer Sponsor den Russen Menchow haben wollte". Es gehe hier schließlich "um den russischen Radsport".
Ohnehin musste Holczer in den vergangenen Monaten einiges erklären. Der Wechsel eines selbsternannten Anti-Dopingkämpfers zu einem zumindest suspekten russischen Rennstall haben viele in Deutschland skeptisch beobachtet. Der frühere Gerolsteiner-Boss sagt selbst, die Chance bei Katjusha sei "einfach zu verlockend" gewesen.
"Wir müssen uns mit dem Thema Doping arrangieren"
Gleichzeitig hat er in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" schon einmal jeglicher Kritik vorgebaut: "Ich werde Kritiker wie Neider auf den Plan rufen, die sich jetzt das Maul zerreißen, dass sich jetzt der Saubermann seiner weißen Weste entledigt". Mit Sätzen wie "wir müssen uns mit dem Thema Doping arrangieren, wir können es nicht wegkontrollieren", macht er sich allerdings auch tatsächlich angreifbar.
Holczer selbst legt Wert auf die Feststellung, dass bei Katjusha die "No-Needle"-Politik konsequent betrieben werde, Doping werde nicht geduldet. Kaum im Amt, hat er den russischen Fahrer Alexander Kolobnew, der bei der Tour de France wegen vermeintlichen Dopings erwischt worden war, entlassen. Es habe in seinem Fall "einfach zu viele Fragezeichen gegeben", begründete Holczer.
In der vergangenen Woche gab Katjusha eine kurze Pressemitteilung heraus. Kolobnew, der sich zuvor erfolgreich vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas gegen den Dopingvorwurf gewehrt hatte, sei wieder eingestellt worden.