Klitschko vs. Briggs: Die halbnackte Kanone - DER SPIEGEL
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Boxen: Klitschkos Kampf gegen die Kanone

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Klitschko vs. Briggs Die halbnackte Kanone

Am Samstagabend trifft Vitali Klitschko auf "Bad Boy" Shannon Briggs. Der Amerikaner lieferte im Vorfeld eine bizarre Show, seine Siegchancen jedoch sind gering. Und das, obwohl Klitschkos Vorbereitung aus Krankengymnastik und Pezziball-Training bestand.
Von Florian Haas
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Hamburg - Shannon "The Cannon" Briggs verwandelte die Pressekonferenz in eine Show. In seine Show. Er zog sich das Hemd vom Leib, wurde zu einer Art halbnackten Kanone, beleidigte Vitali Klitschko und griff sich dessen Titelgürtel vom Tisch. Fernsehteams und Vermarkter waren begeistert und schon rund eine Woche vor dem Fight zufrieden.

Einmal in Stimmung, legte Briggs, im Hollywood-Blockbuster "Bad Boys II" als Schauspieler zu bewundern, zwei Tage später nach. Er ließ beim öffentlichen Training am vergangenen Mittwoch in einem Autohaus seine enormen Muskeln spielen und die blonden Rastalocken fliegen. Er pöbelte und pries ein Asthma-Medikament, was seltsam anmutete, denn Briggs wurde 2009 wegen Dopings für 90 Tage gesperrt; er ließ eine Sängerin auftreten, wirbelte einen Trainer durch die Luft und brüllte in die Kameras feixender TV-Leute. Er schrie: "Ich bin der Stärkste der Welt. Ich werde den Ring als Sieger verlassen."

Spektakel nach Drehbuch

Viel Getöse, viel Lärm, viel Show. Doch das Warm-up kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der WM-Fight in Hamburg (ab 23 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vor allem ein weiterer Zahltag für Klitschko wird und der Sieger am Ende des Tages ebenfalls Klitschko heißt.

Der Deutsch-Ukrainer blieb bei den kirmesartigen Veranstaltungen im Vorfeld seines 13. WM-Kampfs stets besonnen und freundlich. Er sagte das, was man von ihm gewohnt war. Dass er topfit sei. Dass es ein schwerer und spannender Kampf werde. Dass Briggs ein ausgezeichneter Boxer und nicht zu unterschätzen sei. Böser Bube hier, gutherziger Gentleman da - das Drehbuch war erneut perfekt.

Nach einem sportlich spannenden Plot sieht es indes nicht aus.

Es ist der Kampf um den WBC-Gürtel, den Klitschko seit seinem Comeback vor fast genau zwei Jahren wieder besitzt und den er bisher dreimal problemlos verteidigt hat - zuletzt am 29. Mai in der Arena auf Schalke, als er den Polen Albert Sosnowski wie seine Gegner zuvor dominierte und in der zehnten Runde K.o. schlug.

Es ist das Duell der Knockouter. Das haben die Werbestrategen der Klitschko Management Group (KMG) auf die Plakate geschrieben, und das stimmt auch: Der 1,92 Meter große Briggs hat einen harten Punch, schlug in gut der Hälfte seiner 58 Profikämpfe (51 Siege) den Gegner schon in Runde eins K.o. Der zehn Zentimeter größere Klitschko entschied von 42 Kämpfen (40 Siege) immerhin 38 vorzeitig - auch dank seiner Technik und seiner Kondition, die ihm auch gegen Briggs mit zunehmender Rundenzahl klare Vorteile bringen dürfte.

Es ist das Treffen reifer Sportler. Das stand auf keinem Plakat, doch das verraten die grauen Haare, die sich in den Bart des 38-jährigen Briggs und in die Kurzhaarfrisur des 39-jährigen Klitschko geschlichen haben.

Klingelnde Kassen - und Krankengymnastik

Vor allem ist es wieder ein Fight um viel Geld. Briggs sprach vom "Traum, der wahr wird", die Freude dürfte auch finanzieller Natur sein. Für den sich selbst vermarktenden Klitschko gleicht sein 13. WM-Kampf wegen millionenschwerer Einnahmen aus TV-, Werbe- und Ticketgeldern einmal mehr einem Zahltag. Es wird vielleicht einer seiner letzten sein.

Der eigene Körper, fehlende Konkurrenz, stagnierendes Publikumsinteresse - wie lange Klitschko noch kämpft, ist fraglich. Die Gesundheit ist zurzeit wohl sein geringstes Problem. "Ich fühle mich wie 25", sagt der 39-Jährige. Das mag übertrieben sein. Doch mit Blick auf Krankenakte und Alter ist die Fitness des Deutsch-Ukrainers erstaunlich.

Nach Operationen an Schulter, Knie und Rücken trat er 2005 als WBC-Champ zurück, kam 2008 wieder und ist seither von Verletzungen verschont geblieben. Austrainiert ist er ohnehin immer, so auch dieses Mal. Aber: Die Zeit kann auch er nicht zurückdrehen. Klitschkos Kampfvorbereitung bestand diesmal außer aus gut 120 Sparring-Runden aus vielen krankengymnastischen Elementen. Laufen war ihm verboten, auf dem Plan standen Pezziball-Übungen und Schwimmstunden.

Ebenbürtige Gegner sind nicht in Sicht

Schwieriger als die Suche nach der verlorenen Zeit gestaltet sich die Suche nach echten Gegnern. Eigentlich sollte der Russe Nikolai Walujew am Samstag kämpfen, mit dem 2,13-Meter-Mann konnte sich die KMG nicht einigen. Klitschkos liebster Gegner, der Brite David Haye, kneift bisher. Der 34-jährige Wladimir hält die Gürtel der anderen drei Verbände WBO, IBF und IBO, gegeneinander kämpfen die Brüder nicht. Weitere große Namen? Fehlanzeige. Da ist der frühere Weltmeister Briggs fast schon ein Gewinn. Vor allem unter Entertainment-Aspekten.