Kommentar: Die beste Tour aller Zeiten - DER SPIEGEL
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Kommentar Die beste Tour aller Zeiten

Chaos, Farce, Debakel - die Negativschlagzeilen rund um die Tour de France sind vielen Beobachtern aufs Gemüt geschlagen. Tatsächlich war der verwirrende Verlauf dieser Rundfahrt das Beste, was passieren konnte. Endlich wurde das Elend offen aufgezeigt.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als das Zeitfahren gestern entschieden war, als sich der Sieger in Angoulême den Fragen der Presse gestellt hatte, als klar war, dass Alberto Contador der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen war - da standen im Pressezentrum zwei Journalisten aus zwei verschiedenen Ländern zusammen, die beide seit über dreißig Jahren von der Tour de France berichten. "Das war eine schreckliche, schreckliche Tour, oder?", sagte der eine und blickte kopfschüttelnd zu Boden. "Ja, das war fürchterlich", sagte der andere und legte dem ersten tröstend die Hand auf die Schulter, "das müssen wir hoffentlich nicht wieder erleben." Ich weiß nicht, bei welcher Veranstaltung die beiden gewesen sind. Die Tour de France 2007 war das Beste, was der Tour und was dem Radsport passieren konnte. Wenn man mal davon ausgeht, in welches Desaster sich diese Sportart in den vergangenen zehn, zwanzig, vielleicht auch fünfzig, sechzig oder hundert Jahren hineingeradelt hat.

Endlich einmal wurde nichts oder zumindest viel weniger als üblich unter den Tisch gekehrt. Endlich einmal wurden zwei Topfavoriten während des Rennens ausgeschlossen, darunter sogar der Träger des Gelben Trikots - das war früher undenkbar. Zwei Teams, darunter mit Astana das wohl stärkste im Feld, mussten wegen Dopingfällen nach Hause. Um die 400 Bluttests wurden während der Tour durchgeführt - doch nicht die Zahl ist entscheidend, sondern dass die Untersuchungen wirksam und auf einem akzeptablem medizinischen Stand sind. Auch wenn man getrost davon ausgehen darf, dass besonders clevere Doper mit ihren medizinischen Beratern den Kontrolleuren weiter einen Schritt voraus sind.

Nicht nur die Fakten sind aber entscheidend, sondern die Art und Weise, wie sie zustande gekommen sind. Gerade das unsägliche Gezerre um Michael Rasmussen demonstrierte das ganze Elend des professionellen Radsports auf das Feinste: Die komplette Unfähigkeit des Weltverbandes UCI im Umgang mit Doping, das ängstliche Zaudern des Tourveranstalters Aso, die eingeübten Verteidigungsmechanismen des Rabobank-Teamchefs Theo de Rooy - und die Erkenntnis, dass es immer noch mindestens eines Zufalls und eines Machtworts des Sponsors bedarf, bis tatsächlich gehandelt wird.

Wenn die Organisatoren der Frankreich-Rundfahrt tatsächlich jene Konsequenzen ziehen, die sie gestern angekündigt haben, wenn die UCI tatsächlich rausgeworfen wird, eigene Kontrollsysteme installiert und die Voraussetzungen für eine Teilnahme an der Tour erheblich verschärft werden, dann hat sich die Farce um Rasmussen so sehr gelohnt, dass man für einen Moment vergessen darf, wer heute als Träger des Gelben Trikots unter dem Triumphbogen geehrt wurde. Oder welche üblichen Verdächtigen sich unter den ersten zehn, zwanzig Fahrern im Gesamtklassement tummeln. Das Ergebnis ist komplett unwichtig. Entscheidend war in diesem Jahr weniger, wer zuerst über die Ziellinie gesprintet ist, sondern wer am längsten am Start gewartet hat. Der zwar noch etwas ungeordnete, aber doch eindeutige Protest der Profis der deutschen und französischen Rennställe vor der letzten Pyrenäen-Etappe zeigte, dass sich auch im Bewusstsein der Fahrer etwas geändert hat. Der sicher nicht unumstrittene Tourdirektor Christian Prudhomme konstatierte fast erstaunt den Fortschritt: "Vor neun Jahren haben die Fahrer gegen Dopingkontrollen gestreikt, jetzt demonstrieren sie gegen Doping." Zu einem öffentlichkeitswirksamen Zeichen auf der letzten Etappe nach Paris reichte der Mut leider noch nicht.

Doch zumindest hat im Peloton teilweise ein Umdenken begonnen, so wie bei den meisten Beteiligten der Tour. Inklusive der Medien, die sie begleiten. Selbst der Ausstieg von ARD/ZDF war hilfreich. Zwar ist es inhaltlich völlig absurd und heuchlerisch, nach Jahren peinlich intimer Zusammenarbeit genau in jenem Moment abzuschalten, in dem Dopingfälle aufgedeckt statt vertuscht werden - aber das Zeichen kam dennoch an. Tagelang wurde das Thema in den französischen Zeitungen diskutiert, Aso-Chef Patrice Clerc und Prudhomme werteten es bei ihrer Erklärung gestern als deutlichen Hinweis, dass sich etwas ändern muss. Die Angst vor einem dunklen Bildschirm sitzt tief.

Ebenso wie das Fahrerfeld teilt sich aber auch der Journalistentross in mehrere Lager, meist nach Ländern aufgeteilt. Als Rasmussen unter Verdacht geriet, recherchierten die dänischen Reporter hart hinterher, bis der Star einer weiteren, entscheidenden Lüge überführt war. Als die Zeitung "Le Monde" gestern weitere Vorwürfe gegen Alberto Contador veröffentlichte, übertrafen sich die spanischen Berichterstatter bei der Pressekonferenz darin, das Thema Doping möglichst weit zu umgehen.

Welches Lager sich am Ende bei den Verbänden, bei den Fahrern, bei den Medien durchsetzen wird, ist noch ungewiss. Vielleicht gibt es bald zwei Radsport-Parallelwelten, die nebeneinander existieren, ohne sich zu berühren. Es wäre nicht das Schlimmste, was passieren könnte. Das wäre, wenn es doch so weitergeht, wie bisher nach jedem Skandal bis 2006: folgenlos, abgesehen von verbesserten Systemen zum organisierten Doping.

Doch danach sieht es im Moment, wenige Minuten nach dem Ende der Frankreich-Rundfahrt 2007 nicht aus. Schließen wir also einmal die Augen, wischen tausend Bedenken beiseite und behaupten: Die Tour ist nicht am Ende. Sie ist gerade erst am Anfang.