Western Conference: Außenseiter Mavericks, populäre Clippers, Favorit Thunder
NBA-Saisonstart Jagd auf Nowitzki
Das bislang letzte Spiel gegen die Miami Heat war für Dirk Nowitzki ein besonders emotionales. Der Deutsche verschwand sogar für einige Minuten zum Weinen in der Kabine. Es war die sechste Partie der NBA-Finals, Nowitzkis Dallas Mavericks hatten gerade 105:95 gewonnen und sich die Meisterschaft gesichert. Am Sonntag startet die neue Saison - und Dallas trifft zum Auftakt auf Miami (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Vor der Partie wird das Titelbanner der Mavericks unter die Hallendecke gezogen.
"Das wird noch einmal etwas ganz Besonderes mit vielen Erinnerungen und Emotionen", sagt Nowitzki. Direkt im Anschluss beginnt für den 33-Jährigen seine 14. NBA-Saison. Zum ersten Mal ist er der Gejagte.
In den vergangenen Playoffs hatte sich der Power Forward seinen großen Traum vom NBA-Titel erfüllt. Die "Mavs" waren über sich hinausgewachsen, hatten sich bis in die Finals gekämpft und dort den Favoriten aus Miami bezwungen. Für seine überragenden Leistungen wurde Nowitzki am Sonntag als Deutschlands "Sportler des Jahres" geehrt.
In der neuen Spielzeit, die wegen des Tarifstreits zwischen Profis und Liga zwei Monate später als geplant beginnt und deshalb von 82 auf 66 Spiele pro Team verkürzt wurde, ist Nowitzki mit Dallas nur Außenseiter. Mit Tyson Chandler verließ das Rückgrat der Verteidigung den Meister. Der Center unterschrieb für fünf Jahre bei den New York Knicks und erhält dafür insgesamt rund 58 Millionen Dollar. Ein Angebot, mit dem die Mavericks nicht mithalten konnten, es aber auch nicht wollten, um im kommenden Sommer einen Star verpflichten zu können. Zudem verließen die Stammkräfte Caron Butler (zu den Los Angeles Clippers), J.J. Barea (Minnesota Timberwolves) und DeShawn Stevenson (New Jersey Nets) den Club. Peja Stojakovic beendete seine Karriere.
Eastern Conference: Miami, Chicago und dann lange nichts
Dafür kam mit Lamar Odom, 32, der beste sechste Mann der vergangenen Saison von den Los Angeles Lakers. Der vielseitige Forward eröffnet Mavs-Coach Rick Carlisle etliche neue taktische Möglichkeiten. Für die Startformation wurde zudem Vince Carter, 34, verpflichtet, der allerdings außer dem Namen nicht mehr viel mit dem Superstar von einst zu tun hat. Delonte West (vorher Boston) soll den 38 Jahre alten Point Guard Jason Kidd entlasten. "Wir sind wieder eine sehr erfahrene Mannschaft. Es war eine verkürzte Vorbereitung und wir müssen abwarten, wie wir in unseren Rhythmus finden", so Nowitzki.
Um erneut um den Titel zu spielen, fehlt Dallas vor allem ein erstklassiger Center. Chandlers Platz wird Brendan Haywood, 32, einnehmen, der im Vorjahr allerdings enttäuschte. Ein weiteres Problem wird der extrem harte Spielplan mit 66 Spielen in 120 Tagen. Die Leistungsträger der Mavericks, zu denen auch Shawn Marion, 33, und Jason Terry, 34, gehören, sind jenseits der 30 und müssen ihre Kräfte für die Playoffs einteilen.
Der Top-Favorit in der Western Conference sind die Oklahoma City Thunder. Im Mai war das junge Team erst im Halbfinale an Dallas gescheitert (2:4). Um die Playoff-Erfahrungen reicher, wird es sich in der kommenden Saison deutlich stärker präsentieren. In Kevin Durant haben die Thunder den NBA-Topscorer der beiden vergangenen Jahre in ihren Reihen, der 23-Jährige ist auch ein Kandidat für die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP). Neben Oklahoma City sind die Clippers, die Lakers, San Antonio und das letztjährige Überraschungsteam Memphis Grizzlies Kandidaten für den West-Titel.
Die größten Konkurrenten sind Miami und Chicago
Die Clippers, früher die Lachnummer der Liga, weil sie seit 1984 nur zweimal eine positive Bilanz vorweisen können, dominieren vor dem Saisonstart die Schlagzeilen. Dank der Verpflichtung von Point Guard Chris Paul könnte das Team sogar den Stadtrivalen, die Lakers, abhängen. "Den Clippers fehlt es an der nötigen Tiefe im Frontcourt", schätzt die "Sports Illustrated" die Titelchancen des Clubs jedoch eher niedrig ein.
Die Lakers hingegen blamierten sich zuletzt schon beim 0:4 gegen Dallas in der zweiten Playoffrunde, jetzt fehlt auch noch Odom. Neue Stars gibt es nicht, das Team um Kobe Bryant ist mit dem aktuellen Kader nicht gut genug für die 17. Meisterschaft. Zumal einige Leistungsträger ihren Zenit bereits überschritten haben. Ein ähnliches Schicksal teilen auch die Spurs. Für Tim Duncan, 35, Manu Ginobili, 34, und Tony Parker, 29, ist es die vielleicht letzte Chance, gemeinsam einen fünften Titel nach San Antonio zu holen.
So lauern Dallas' stärkste Konkurrenten neben Oklahoma City in der Eastern Conference. Miami und die Chicago Bulls sind nahezu gleichwertig. Beide sind stark in der Defensive, die Heat haben in LeBron James und Dwyane Wade zudem zwei überragende Scorer auf dem Flügel. Chicago kann mit dem amtierenden MVP Derrick Rose (Point Guard) dagegenhalten, ist zudem unter den Körben besser besetzt. Eine Entscheidung, welches Team stärker ist, wird es wie in der Vorsaison wohl wieder erst im Conference-Finale der Playoffs geben. Die Boston Celtics (zu alt) und die wiedererstarkten New York Knicks (keine Top-Guards) werden bestenfalls nur für eine kleine Überraschung sorgen können.
Und so darf Nowitzki doch wieder hoffen. Wenn sich die vermeintlich ärgsten Konkurrenten im Osten beharken und man selbst seine Erfahrung gegen die Thunder, Clippers oder Grizzlies ausspielt, könnte Dallas vielleicht doch erneut den Titel holen. "Vergangenes Jahr waren wir ja auch keine Meisterschaftsfavoriten", sagt Nowitzki.