Olympia 2016: Schützin Engleder schießt sich zu Gold
Goldmedaillengewinnerin Engleder Mit der letzten Patrone
Vielleicht haben die Bienen ja damit zu tun. 30 Bienenstöcke betreut die begeisterte Hobby-Imkerin Barbara Engleder, jeder ist im Sommer mit bis zu 120.000 Bienen besetzt. Beim Umgang mit den Tieren darf man sich keine Fehler erlauben, sonst wird man gestochen. "Man muss einfach ruhig bleiben", sagt Engleder.
Einfach ruhig bleiben - das ist keine schlechte Angewohnheit für eine Sportschützin.
Auch am Donnerstag ist Barbara Engleder ruhig geblieben - obwohl vieles in der Vergangenheit nicht so gut gelaufen ist. Es ist ja Engleders letzter Olympiaauftritt, zum Jahresende beendet sie ihre Karriere. Dreimal war sie vorher bereits bei Olympischen Spielen gewesen, erstmals 2004 in Athen. Doch erst in Rio de Janeiro, bei ihrem letzten Wettbewerb, mit ihrer letzten Patrone, kam sie zum langersehnten Triumph: der Goldmedaille.
Dabei war dieser Schuss nicht einmal ihr bester gewesen, doch eine 9,0 reichte aus, um nach ihrem Weltmeistertitel im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr von 2010 nun auch den Olympiasieg zu holen. Als Engleder ihren Erfolg am Schießstand G des Olympic Shooting Centre in Deodoro realisierte, sank sie zu Boden und schrie: "Ja, ja! Ich hab's euch allen gezeigt!" Bei der Medaillenverleihung sang sie sichtlich bewegt die Nationalhymne mit: "Es bedeutet mir so viel."
Unter den Engleder-Fans im Publikum war auch die Schützin Monika Karsch, die am Vortag Silber gewonnen hatte und sich im olympischen Dorf ein Zimmer mit der Gold-Schützin teilt: "Es ist der Wahnsinn. Sie hat es sich so verdient", sagte sie. Engleder ist beliebt in der Mannschaft. "Sie ist unsere Schützen-Mami", sagt die zehn Jahre jüngere Selina Gschwandtner: "Barbara ist fast immer gut drauf und hat ein offenes Ohr für uns." Engleder freute sich über so viel Unterstützung: "Ich bin super dankbar, alle waren dabei zum Anfeuern. Jeder Skeet-Schütze, jeder Trap-Schütze. Welche Mannschaft kann das schon von sich behaupten?"
"So eine Tortur möchte ich nicht noch mal erleben"
Engleder war nach den medaillenlosen Spielen in London als Hoffnungsträgerin und Anführerin der Schützen auserkoren worden. Sie gilt als absolute Topathletin, ist trainingsfleißig, auch in der Olympia-Vorbereitung stand sie lange am Schießstand, feilte am Material. Manche Dinge kann man aber einfach nicht einplanen: Anfang Juni verlor sie bei einem Hochwasser in ihrer Heimatstadt Triftern im völlig überfluteten Keller zwei Kleinkaliber-Gewehre und ihre Spezialmunition, sie musste sogar evakuiert werden. "Ich konnte mir in der Schnelle nur einige Waffen sichern", sagt sie.
Probleme bereiteten ihr jedoch nicht nur Naturgewalten: Auch der Verband machte ihr den Weg zu den Olympischen Spielen schwer. Weil die Gewehrschützen nach den schwachen Ergebnissen von Peking und London auf die Strapazen des olympischen Wettkampfes vorbereitet werden sollten, wurde das Ausscheidungsverfahren über mehrere Monate und Wettkampforte gestreckt. Engleder gefiel das überhaupt nicht - und wenn sie etwas nicht mag, dann sagt sie das auch deutlich: "So eine Tortur möchte ich nicht noch einmal erleben."
Ihr Auftritt in Rio begann ebenfalls nicht so wie gewünscht, eine Erkältung beeinträchtigte sie zuletzt: "Aufgrund der Klimaanlagen habe ich eine Grippe", sagte Engleder am vergangenen Samstag: "Die Ärzte haben mich einigermaßen hingekriegt." Doch der nächste Rückschlag folgte: Statt für die erste Medaille des DOSB-Teams zu sorgen, verpasste sie knapp die Medaillenränge. Lediglich 0,6 Millimeter fehlten. "Da habe ich gedacht: Ich hasse Rio", sagt Engleder.
"Ich brauch heut Abend noch a Weißbier"
Bei ihrem Gold-Auftritt am Donnerstag musste sich Engleder durch die Qualifikation kämpfen, im Wettkampf lief es dann aber: Auf den Knien schoss sie sich auf den Bronzerang, das Liegendschießen wurde dann zum Triumphzug - zahlreiche starke Schüsse brachten sie auf den ersten Platz. Selbst ein Einbruch im Stehendschießen und das kurzzeitige Herausrutschen aus den Medaillenrängen konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. "Bei den letzten Schüssen hatte ich eine Menge Druck, aber ich bin einfach glücklich, dass es funktioniert hat."
Nun will Engleder feiern. "I brauch heut Abend noch a Weißbier", sagte die Bayerin, die sich dank der Goldmedaille auch wieder mit der Olympiastadt versöhnt hat: "Jetzt liebe ich Rio."