Debatte um unfaire Olympia-Fans Und das ist auch laut so
Brasilianische Fans
Foto: David Ramos/ Getty ImagesWenn ein Athlet mit Absicht verunsichert und um den Sieg gebracht wird, wie der französische Stabhochsprungstar Renaud Lavillenie, dann ist das nicht zu entschuldigen. Das dauernde Pfeifkonzert des Publikums im Olympiastadion von Rio de Janeiro ist eine Schande und ein Tiefpunkt der Spiele, aber es ist in diesem Ausmaß auch eine Ausnahme. Dass grob unsportlich versucht wird, Einfluss auf den Ausgang eines Wettbewerbs zu nehmen, ist keinesfalls die Regel in Rio, auch wenn allgemein viel gepfiffen und gebuht wird.
Für den deutschen Fan, der Sport meist im TV sieht und vielleicht noch zwei-, dreimal pro Saison ein Fußballspiel im Stadion, mag das befremdlich sein. Beim Fußball werden in der Heimat selbst üble Pöbeleien schulterzuckend toleriert, bei anderen Sportarten aber ist die Empörung jedes Mal groß, wenn sich das Publikum explizit gegen einen Athleten oder eine Mannschaft wendet.
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So auch jetzt, wo in Brasilien plötzlich auch bei Sportarten wie Judo, Schießen, Badminton mächtig Lärm in den Hallen ist. Erst recht beim Turnen, Beachvolleyball oder Handball. Die Brasilianer, immer verklärt als die leidenschaftlichen, stets lachenden und singenden Fußball-Superfans, sind jetzt die Buh-Leute. Wie können sie nur?
Mehr als die Hälfte der Spiele ist um, und man kann jetzt schon festhalten, dass man sich kaum ein begeisterungsfähigeres Publikum hätte wünschen können. Wer auf den Tribünen neutrale Sportkonsumenten erwartet hatte, die anerkennend nicken, wenn zum Beispiel der Lieblings-Tennisspieler gekonnt passiert wird, wurde enttäuscht. Die Fans in Rio sind parteiisch. Sie suchen sich einen Athleten oder ein Team aus und schließen ihren neuen Liebling dann für ein paar Runden, Sätze, Minuten in ihre Herzen. Wenn ein brasilianischer Sportler am Start ist, wird dieser ausnahmslos angefeuert.
Die Fans in Rio sind parteiisch. Aber was ist schlimm daran?
Das führt dazu, dass Rafael Nadal im Tennis-Viertelfinale gegen den Brasilianer Thomaz Bellucci gnadenlos ausgepfiffen wurde, der Spanier aber eine Runde später vom Publikum adoptiert wurde: Es ging gegen Juan Martín del Potro aus Argentinien, dem wenig geliebten Nachbarland. Gegner aus Argentinien werden grundsätzlich ausgebuht, genauso wie Gegner, die Lokalhelden eine Medaille streitig machen könnten - so wie jetzt im Hochsprung oder auch beim Damen-Volleyball. Auch Wertungs- und Schiedsrichter trifft das.
Aber ist dagegen wirklich etwas einzuwenden, solange nicht gegen Grundregeln verstoßen wird? Als brasilianische Fans Nadal beim Ballwurf zum Aufschlag störten und dieser abbrechen musste, bat Bellucci um Fairness. Lavillenie dermaßen unter Druck zu setzen, hätte auch ein Eingreifen verdient. Aber meist machen die Menschen in Rio genau dann Lärm, wenn man Lärm machen darf und sollte. Es ist nur einfach anderer Lärm, als die Deutschen ihn kennen.
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Und man darf in der Aufregung um den Stabhochsprung-Skandal nicht die großen Momente vergessen, zu denen das brasilianische Publikum immer wieder fähig ist. Beim Turnen wurde Epke Zonderland wie ein Goldmedaillengewinner bejubelt, als er nach seinem schweren Sturz noch mal ans Reck ging und weiterturnte.
Oder die deutschen Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst, die bei ihrem Spiel gegen die Brasilianerinnen Larissa França Maestrini und Talita Antunes da Rocha erst gnadenlos ausgebuht wurden. Dann aber erkannten die Brasilianer die Überlegenheit der Deutschen und feierten sie.
Das ist dann nicht nur Zeichen von Begeisterung, sondern von Größe.