Paralympics-Interview "Von Mauerblümchen kann keine Rede sein"
SPIEGEL ONLINE:
Frau Zypries, welchen Stellenwert hat der Behindertensport in Deutschland?
Brigitte Zypries: Der Leistungssport der Behinderten übt, wie der Spitzensport der Nicht-Behinderten auch, eine gesellschaftliche Vorbildfunktion aus. Beide werden deshalb auch nach den gleichen Kriterien gefördert. Der Leistungssport der Behinderten bringt - wie der Sport insgesamt - Persönlichkeiten hervor, die mit ihren herausragenden Leistungen und ihrer positiven Einstellung zum Sport und zum Leben Vorbilder für andere sein können. Mit ihrem Einsatz machen sie darüber hinaus vielen Behinderten Mut, ebenfalls den Weg zum Sport zu finden.
SPIEGEL ONLINE: Konkret - was tut das Bundesinnenministerium für die behinderten Sportler?
Zypries: Die Fördergelder für den Spitzensport der Behinderten sind im Bundeshaushalt erheblich gesteigert worden. Der Leistungssport der Behinderten wird nach den gleichen Kriterien gefördert, wie der Spitzensport der Nicht-Behinderten. Seit diesem Jahr stehen alle Olympiastützpunkte den behinderten Spitzensportlerinnen und -sportlern für ihr Training zur Verfügung.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem fällt oft das Wort "Mauerblümchendasein".
Zypries: Die Paralympics Sydney 2000 setzen neue Maßstäbe im Behindertensport: 4000 Athleten aus 127 Ländern nehmen an diesem zweitgrößten Sportereignis der Welt in diesem Jahr teil, 900.000 Zuschauer werden in Sydney erwartet, und über 200 Millionen Menschen werden die Spiele an den Bildschirmen verfolgen. Die Eröffnungsveranstaltung hat eindrucksvoll dokumentiert, dass von "Mauerblümchen" keine Rede sein kann.
SPIEGEL ONLINE: Von den Olympischen Spielen berichtete das Fernsehen rund um die Uhr - von den Paralympics eine Stunde pro Tag.
Zypries: Das stimmt - trotzdem werden ARD und ZDF so ausführlich und aktuell wie nie zuvor über die Wettkämpfe in Sydney berichten. Damit wird den Spitzensportlerinnen und -sportlern größere Aufmerksamkeit und Anerkennung in der Öffentlichkeit zuteil als in der Vergangenheit. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch besser werden kann und muss.
SPIEGEL ONLINE: Am Erfolg kann es wohl kaum liegen: Bei den Paralympics in Atlanta erreichten die deutschen Aktiven 150 Medaillen - was erhoffen Sie sich von diesen Spielen? Bei den Nicht-Behinderten gab es lange Gesichter bezüglich des Medaillenspiegels.
Zypries: Ich hoffe sehr, dass die deutsche Mannschaft an den Erfolg der letzten Paralympics anknüpfen kann. Wichtig ist aber, dass Deutschland - unabhängig von Sieg oder Niederlage - würdig vertreten wird.
SPIEGEL ONLINE: Beim Kampf um Medaillen steht immer mehr das Thema "Doping" im Mittelpunkt des Interesses. Sehen Sie darin auch eine Gefahr für den Behindertensport?
Zypries: Auch im Leistungssport der Behinderten besteht natürlich die Möglichkeit des Dopingmissbrauchs. Der deutsche Behindertensport hat deshalb die Dichte und Häufigkeit der Kontrollen erhöht. Dafür hat der Bund auch zusätzliche finanzielle Mittel bereit gestellt. Hier bei den Spielen wird genauso kontrolliert wie bei der Olympiade, das heißt, es gibt Trainings-, Eingangs- und Wettkampfkontrollen.
SPIEGEL ONLINE: Die Organisatoren der nächsten Olympischen Spiele in Athen 2004 haben bereits erklärt, sie seien nicht im Stande auch Paralympics auszurichten.
Zypries: Seit vier Olympiaden weiß jeder, der eine Bewerbung für Olympische Spiele abgibt, dass damit die Ausrichtung der Paralympischen Spiele verbunden ist. Das ist auch den Verantwortlichen in Athen bekannt. Ich hätte kein Verständnis dafür, wenn nach dem Zuschlag der Olympischen Spiele an Athen dort festgestellt würde, man sei nicht in der Lage, die Paralympischen Sommerspiele auszurichten - da trägt auch der griechische Staat eine gewisse Verantwortung.