Rad-Team High Road: Zittern in Kalifornien - DER SPIEGEL
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Rad-Team High Road Zittern in Kalifornien

Ungewisse Zukunft: Morgen stellt der erstklassig besetzte Profi-Rennstall High Road sein neues Team in Palo Alto vor. Doch ob der Umzug in die USA dem T-Mobile-Nachfolgeteam helfen wird, ist zweifelhaft. Selbst die Teilnahme an den großen Rundfahrten ist nicht sicher.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Weiß also. Nicht schwarz wie geplant, nicht orange wie das Siegertrikot beim ersten Erfolg und auf gar keinen Fall magentafarben wie damals werden die Trikots des Radrennstalls High Road in der kommenden Saison sein - sondern weiß. So viel steht zumindest fest, wenn der Nachfolger des T-Mobile-Teams morgen seine Mannschaft für 2008 vorstellt - ansonsten bleiben für die Zukunft viele Fragen offen. Vor allem jene, ob der Kurs von Teambesitzer Bob Stapleton langfristig die Existenz des einstigen Vorzeigeteams sichern kann, in dem mit Sprinter Gerald Ciolek und Rundfahrttalent Linus Gerdemann zwei der größten deutschen Radsporthoffnungen starten.

Viel Zeit hat der 49-Jährige zumindest nicht verloren, um nach dem Ausstieg der Deutschen Telekom als Hauptsponsor jenen neuen Weg einzuschlagen, der sich schon zu T-Mobile-Zeiten abzeichnete. Mit dem Umzug des Teams nach Kalifornien und der offiziellen Präsentation in Palo Alto 50 Kilometer südlich von San Francisco ist klar, dass High Road trotz acht deutscher Fahrer und des Sportlichen Leiters Rolf Aldag künftig als US-Rennstall firmieren wird und damit die Zeiten eines absoluten Weltklasseteams in Deutschland endgültig vorbei sind. Angesichts der Tatsache, dass diese Weltklasse wie wohl beim Großteil der Konkurrenz nur durch massives Doping zustande kam, ist das nicht unbedingt eine traurige Nachricht.

Bedenkt man dagegen, dass Stapleton im Herbst 2006 angetreten war, um eine Mannschaft aufzubauen, die sich strikten Anti-Doping-Regeln unterwerfen und damit Vorbild sein sollte, dann bleibt sein Vorgehen zweifelhaft. Den Umzug in seine Heimat USA kann man durchaus als Flucht vor der anhaltenden und heftigen Doping-Diskussion in Deutschland werten. Mit der Verpflichtung von Lance Armstrongs langjährigem Helfer George Hincapie war der anfangs von den Medien gefeierte Stapleton hierzulande längst ebenso in die Kritik geraten wie mit seiner Rhetorik, nach der ihn die Vergangenheit eines Fahrers nicht interessiere, sondern nur die Zukunft des Teams.

Bei der Telekom, mit der sich Stapleton ein erbittertes Gefecht um die Abfindung - von geschätzten 25 Millionen Euro - lieferte, sagte man dem einstigen Hoffnungsträger am Ende nach, statt an Glaubwürdigkeit nur noch an Erfolgen interessiert zu sein. Dafür würde er auch in Kauf nehmen, dass man sich in Sachen Doping weiter in einer Grauzone bewegt. Die Ereignisse der vergangenen Wochen scheinen diese These zum Teil zu belegen.

Denn bereits zum Saisonauftakt in Australien feierte der deutsche High-Road-Fahrer André Greipel fünf Etappensiege plus den Erfolg im Gesamtklassement der Tour Down Under und übernahm die Führung in der Fahrerwertung der ProTour-Serie. Doch nur wenige Tage später verkündeten die Veranstalter des Giro d'Italia, dass High Road neben einigen anderen bekannten Teams in diesem Jahr nicht zur wichtigsten Rundfahrt nach der Tour de France eingeladen werde. Zwar öffnete Giro-Renndirektor Angelo Zomegnan bald darauf noch eine Hintertür für die T-Mobile-Nachfolger, stellte aber klar, dass er angesichts der Doping-Vergangenheit des Teams einige Zweifel an einem sauberen Neuanfang hegt.

Erfolge ja, Glaubwürdigkeit nein - mit diesem Dilemma muss High Road offenbar leben, auch wenn der Rennstall natürlich weiterhin ein vergleichsweise ehrgeiziges Doping-Kontrollprogramm betreibt. Doch was diese internen Maßnahmen tatsächlich wert sind, ist spätestens seit dem Doping-Fall Patrik Sinkewitz umstritten. Der heute 27-Jährige wurde im vergangenen Sommer in einem Trainingslager positiv getestet. Zudem wirbt selbst das Team Astana, dessen Ruf wegen massiven Dopings bei der Tour de France im vergangenen Jahr reichlich ramponiert ist, mittlerweile mit einem solchen Konzept - erfolglos.

Denn gestern verkündete die Amaury Sports Organisation (Aso), Veranstalter der Tour de France, dass Astana nicht zur Frankreich-Rundfahrt 2008 eingeladen wird. Zuvor war das mit Stars wie Toursieger Alberto Contador, Levi Leipheimer und Andreas Klöden gespickte kasachische Team bereits vom Giro ausgeschlossen worden. Ohne Hintertür. Für High Road bedeutet diese Nachricht, dass man ebenfalls um die Teilnahme an den wichtigen Rennen der Saison zittern muss.

Auf der Kippe

Die spanische Sportzeitung "As" will bereits aus Kreisen der Aso erfahren haben, dass Stapletons Team möglicherweise auch von der Tour ausgeladen wird - wobei nicht nur die mangelnde Glaubwürdigkeit, sondern auch seit langem schwelende Streitigkeiten zwischen den Teams, der ProTour, dem Weltverband UCI und den Rennveranstaltern eine Rolle spielen. Allerdings hat die Aso High Road bereits für das Rennen Paris-Nizza eingeladen. 

Aber welche Gründe die Aso auch zu ihren Entscheidungen bewegen mögen, in jedem Fall lässt sich ein Ausschluss prominenter Mannschaften momentan mit einem harten Durchgreifen gegen Doping-Verdächtige in der Öffentlichkeit bestens begründen. Solange aber nicht klar ist, wo die ausgezeichnet besetzte High-Road-Truppe ihr Können vorführen darf, werden sich auch neue Sponsoren mit einem möglichen Engagement zurückhalten - zumal der entscheidende Markt für den professionellen Radsport nach wie vor Europa bleibt. Schon zu den überaus siegreichen Zeiten eines Lance Armstrong war in den USA nur Platz für eine Mannschaft - die aber schon damals immer wieder um Sponsoren ringen musste.  

Ohne die aber wird auch der schwerreiche einstige Mobilfunkpionier Stapleton seine Mannschaft auf lange Sicht nicht finanzieren wollen, selbst wenn er könnte. Denn ein Profi-Team muss für ihn ein Geschäft sein, das sich rechnet - daran hat der leidenschaftliche Unternehmer, der nebenbei auch ein glühender Radsportfan ist (und nicht umgekehrt), nie einen Zweifel gelassen.

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