Raphael Holzdeppe triumphiert in Moskau - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Sieger Holzdeppe: "Jetzt bin ich Weltmeister - und alles ist geil"

Foto: ADRIAN DENNIS/ AFP

WM-Sieg für Stabhochspringer Holzdeppe Der Goldjunge

Sensation gelungen: Als erster Deutscher holt Raphael Holzdeppe bei der Leichtathletik-WM in Moskau eine Goldmedaille im Stabhochsprung. Es ist die Krönung einer außergewöhnlichen Saison, die mit diesem Höhepunkt noch nicht zu Ende ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie ein nervöses Tier lief Raphael Holzdeppe auf und ab, immer wieder versuchte er, durch die Kameramänner hindurch einen Blick auf die Stabhochsprunganlage zu erwischen. Nur, um sich schnell wieder abzuwenden. Soeben war er mit drei Versuchen an 5,96 Metern gescheitert, führte im WM-Finale von Moskau aber noch immer vor Olympiasieger Renaud Lavillenie. Der hatte es nun in der Hand: Würde der Franzose siegen - oder patzen und damit Holzdeppe zum ersten deutschen Stabhochsprungweltmeister machen?

Lavillenie blies die Wangen auf, lief los - und riss. Raphael Holzdeppe war Weltmeister.

Der 23-Jährige zerrte sich das Trikot vom Oberkörper und sprintete in Richtung Tribüne, sofort war er umringt von Fotografen. Sein Trainer Chauncey Johnson musste sich seinen Weg zu ihm suchen.

"Ich war unglaublich aufgeregt, während Lavillenie seinen letzten Sprung vorbereitete. Dann bin ich nur noch gerannt, ich wollte alle umarmen", sagte Holzdeppe. Grinsend fügte er hinzu: "Aber nicht, dass ihr jetzt schreibt, ich hätte den 'Harting' gemacht. So stark bin ich nicht. Mein Trikot ist noch heil!" Er brauchte nicht lange, um zu seiner gewohnten Lässigkeit zurückzufinden, wohl auch, weil er zugab, noch ein wenig Zeit zu benötigen, um diesen historischen Abend von Moskau zu verarbeiten.

Kein vergebener Versuch zuviel

Denn noch nie seit Einführung der Weltmeisterschaften im Jahr 1983 hat ein deutscher Stabhochspringer Gold gewonnen. Das, woran Deutschlands Vorzeigestabhochspringer Tim Lobinger in etlichen Anläufen gescheitert war: Holzdeppe glückte es so überraschend wie spielerisch. Bis zu seiner Sieghöhe von 5,89 Metern hatte er keinen einzigen Versuch verloren gegeben; eine Konstanz, die für den jungen Sportsoldaten eher ungewöhnlich ist, mit der er sich an diesem Abend aber seinen Erfolg verdiente.

"Jetzt bin ich Weltmeister - und alles ist geil", sagte Holzdeppe, "es ist Wahnsinn. Ich habe mich gut gefühlt, mein Ziel war Bronze. Aber mit so etwas rechnet man nicht." Vor dem ersten Sprung sei er extrem aufgeregt gewesen, weil das Einspringen "gar nicht gut gelaufen war", gab er hinterher zu. Erst im Laufe des Wettkampfs habe er sich die nötige Ruhe und mit jedem erfolgreichen Versuch mehr Selbstvertrauen erarbeitet. Bei 5,82 Metern habe er gedacht, "jetzt könnte es für eine Medaille reichen" - noch immer nicht an Gold glaubend. "Ich war mir sicher, Lavillenie setzt noch einen drüber", sagte er. "Auch wenn ich wusste, dass er nicht unschlagbar ist."

Die Goldmedaille krönt eine Entwicklung Holzdeppes, die ihren Ursprung - wie so oft im Sport - in schmerzhaften Rückschlägen hatte. 2008 reiste er als Juniorenweltrekordler- und weltmeister zum ersten Mal für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zu Olympischen Spielen, damals war er gerade 18 Jahre alt und trug die Hoffnung der deutschen Leichtathleten auf seinen jungen Schultern. Der Druck war zu groß, aus dem Wunderkind Holzdeppe wurde ein Sorgenkind. Erst im Winter 2011/2012 meldete er sich zurück, mit neuem Wohnort, neuem Trainer, neuer Technik. Anschließend holte er Bronze bei der EM in Helsinki und bei den Olympischen Spielen in London.

Otto hatte das Nachsehen

"Die ganzen Umstellungen haben etwas Zeit gebraucht", hatte er vor der WM SPIEGEL ONLINE gesagt. "Aber jetzt zeigen sich die Ergebnisse." Da hatte er noch auf sein hervorragendes Abschneiden beim Meeting in Rom vor rund zwei Monaten angespielt, als er Lavillenie zum ersten Mal hatte bezwingen können, damals mit der persönlichen Bestleistung von 5,91 Metern. Er selbst habe während der gesamten Saison gespürt, dass er in außergewöhnlicher Verfassung sei, sagte Holzdeppe, "doch dass es jetzt beim Höhepunkt geklappt hat, ist verrückt".

Derjenige, der an diesem Abend das Nachsehen gegenüber dem zwölf Jahre jüngeren Holzdeppe hatte, saß auf dem Pressepodium direkt neben seinem Teamkollegen: Für Björn Otto hatte es zwar zu Bronze gereicht, doch ganz zufrieden war der 35-Jährige nicht. "Das ist im Vergleich zu London ein kleiner Rückschritt", sagte er. Bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr hatte er noch Silber vor Holzdeppe gewonnen. Ans Aufhören möchte er trotzdem nicht denken: "Ich werde auch im kommenden Jahr springen", sagte er, "ich will es noch mal wissen."

Holzdeppe tatsächlich noch einmal einzuholen, wird vermutlich ein hartes Stück Arbeit, denn dessen Formkurve zeigt weiter nach oben. "Ich habe noch einige Meetings in diesem Jahr, da möchte ich schon noch was gewinnen", sagte Holzdeppe. Und die sechs Meter? "Die sind nicht mehr weit weg."