Schaulaufen des Rehakles: Mensch Otto - DER SPIEGEL
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Schaulaufen des Rehakles Mensch Otto

Rehakles im Olymp: Die Spiele in Athen nutzt der Trainer des Europameisters noch mal kräftig für Eigenwerbung. Egal, wo man hinkommt: Otto Rehhagel ist schon da und hat gewichtige Botschaften im Gepäck.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Athen - Er ist es nicht mehr gewohnt, zu jemandem aufzuschauen. Otto, der Große, Rehakles, Fußballgott, bewegt sich seit dem Sieg in Portugal nur noch auf Augenhöhe mit den Großen dieser Welt - mindestens. Aber manchmal geht es eben doch nicht anders, dann gewährt er Gunst in seiner Ottokratie und schaut auf: Als Rehhagel in der Maske des ZDF-Studios sitzt, um einen seiner vielen Termine dieser Tage im Olymp, pardon, bei Olympia, zu absolvieren, trifft er dort die deutschen Volleyballdamen. Sein Blick wandert von unten nach oben, ganz oben, bei den riesigen Damen, bewundernd. "Da musste ich aufschauen." Natürlich kennen sie ihn und flirten ein wenig, und Otto gewährt Audienz. "Na, da habe ich ihnen versprochen, mal ein Spiel von ihnen anzusehen." Na, wer kriegt das schon.

"Ganz wunderbare Mädchen", wird er später noch über die Volleyball-Giraffen sagen und das als eine der bisher "schönsten olympischen Erfahrungen" beschreiben. Dann zeigt er sein Zahnlücken-Lächeln und findet sich sehr witzig und locker. So was ist in anderen Zusammenhängen nicht mal ein Alt-Herren-Witz. Aber wenn Otto das sagt, in diesen Tagen, lacht die Gemeinde. Otto? Find ich gut. Egal, was er treibt.

Die Marke Otto

Und er treibt viel in Athen. Otto ist auf allen Kanälen, einer der gefragtesten Gesprächspartner bei Deutschen und Griechen, ach was, der ganzen Welt. Olympia ist noch mal seine Bühne. Egal, wo man hingeht oder hinschaut in den ersten Tagen: Otto ist schon da. Die ihn einladen, wollen ihm auch gar nicht zuhören, sie wollen ihn nur dahaben. Die Marke Otto. So kann er also bei der Eröffnungsfeier dem ZDF-Reporter auf die Frage, wie ihm die Feier gefallen habe, in aller Breite antworten: "Sehr gut hier. Es war ja so, dass uns eine Million Menschen empfangen haben und noch mal 40.000 im Stadion." Das war zwar die falsche Feier, die er da beschreibt, sein Empfang nach dem EM-Sieg, aber das merkt der Otto nicht, denn es ist alles nur noch Projektionsfläche für das, was er am besten kann: Sich selbst bestätigen.

So steht er auf einem Empfang der Deutschen Botschaft, und der Bundespräsident Horst Köhler schüttelt ihm ewig die Hand, bis es auch jeder Fotograf im Kasten hat und redet und redet, und Otto sagt nur: Ich freue mich auch. Und alle lachen. Mensch Otto.

"Ich werde inzwischen von aller Welt erkannt", sagt er, und dass es anstrengend ist, wenn man so viele Fans hat. Aber natürlich besser, als wenn niemand mehr sein Autogramm wolle. "Da muss ich mir schon Oasen suchen", analysiert er - und geht zu Olympia.

Popstar Otto

Einen Tag bevor er seine Nationalmannschaft wieder um sich versammelt und genau sechs Wochen nach dem Triumph in Portugal, kommt er zum Adidas-Stützpunkt in Athen. Die Ausrüster hatten das griechische Team noch wenige Wochen vor der EM unter Vertrag genommen, nachdem Adidas-Chef Herbert Hainer und Otto sich zufällig im Flugzeug getroffen hatten. Ein Glücksgriff für Adidas, die mit dem Claim werben: "Impossible is nothing".

Im Adidas-Presseraum wird er eingeführt, als beginne grade der Countdown zur ersten Mondlandung, der Saal ist überfüllt, die Menge klatscht, als Otto auf die Bühne springt. Journalisten aller Länder und sogar MTV wollen das Wunderkind abfilmen. Ein Popstar von 66 Jahren. Otto spricht deutsch, und der Jan von Adidas nickt immer heftig und übersetzt gerne ins Englische.

Aus China, Chile, Brasilien, Finnland und sonstwo kommen die Journalisten, und Otto verrät seine geheimen Rezepturen für den Erfolg: "Wie immer im Leben weiß man mit 20 nicht, was mit 40 passiert." Die Journalisten nicken und schreiben mit. "Auf der anderen Seite stehen auch elf Spieler - und die können auch alle gut laufen." Die Journalisten nicken und schreiben mit. "Das Leben besteht aus Perioden." Die Kugelschreiber fliegen über das Papier. "Aller Anfang ist schwer." Heftiges Nicken. "Meine Frau hat gesagt: Otto mach das."

Keine Kriege mehr

Also macht er, der Otto, und weil wir bei Olympia sind, "wo sich die Jugend der Welt trifft", hat der Otto-Versand eine umspannende Botschaft für die Rettung der Welt im Paket: "Ich habe schon immer gesagt, macht Leichtathletik, Sport und Fußball, dann gibt es keine Kriege mehr." Darunter macht er es nicht mehr. Leichtathletik, Sport und Fußball ist dabei vermutlich als Steigerung gedacht.

Der Jan hat etwas Mühe, Ordnung in die Gedanken der Otto-Welt zu bringen, da kann es dann schon mal passieren, dass beim Übersetzen was wegfällt oder dazukommt. Otto freut sich auch über Adidas und erzählt von dem Treffen im Flugzeug mit dem Chef der Firma und dass es ja kein Schaden für Adidas geworden sei. Den letzten Teil lässt Jan dann in der Übersetzung weg und referiert stattdessen, wie sehr sich Otto der Marke Adidas schon von Kindesbeinen an verbunden gefühlt habe und man ja sehen könne: Impossible is nothing. Das hat er gar nicht gesagt, ist aber nun mal der Marken-Claim.

"Trainer, du hattest Recht"

Otto ist im Moment der Größte. Das hat er zwar schon immer gewusst, aber jetzt muss es auch jeder glauben. "Mich rufen immer noch Spieler von früher an und sagen: Trainer, du hattest Recht." Man kann sich sogar vorstellen, dass er sich selbst anruft und sagt: "Trainer, du hast Recht." Und dazu macht er dann dieses Armrudern, bei dem seine Körperteile immer irgendwie gleichzeitig in jede Richtung zeigen. Wer so den Weg vorgibt, liegt ja nie falsch. Alle Wege führen zum Otto. Diese berühmte Rechthaberei ist es, die für Rehhagels umstrittenen Ruf in der Bundesliga und seinen Abgang beim FC Bayern gesorgt hatte. Er erträgt niemanden auf Augenhöhe. Fragt man ihn nach Vorbildern, hat er keine: "Ich glaube an das, was ich sehe." Im Moment sieht er nur noch sich. Und die Welt schaut ihm dabei zu.

Zum Abschied bekommt Otto dann noch ein griechisches Nationaltrikot geschenkt mit dem Aufdruck "Rehakles". 2006 Bälle schenkt Adidas den griechischen Schulen, zur Nachwuchsförderung. Denn die ist das Wichtigste, befindet Otto, gerade wenn man ein kleines Land ist. "So hat es auch die ehemalige DDR geschafft, als kleines Land eine große Sportnation zu werden": Ein ottokratisches System, er hat ja doch Vorbilder. Am Abend geht er dann noch Essen mit dem Adidas-Chef, weg von den ewigen Autogrammwünschen und dem ganzen Medientrubel um ihn, "den ich nicht brauche". Man wählt das "Dionysos". Direkt an der Akropolis. Eine echte Oase der Anonymität und Entspannung, so während der Otto-Spiele in Athen.