Sumo-Interview "Ein bisschen Schieben und Rumschubsen"
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Herr Bunk, Sandra Köppen und die deutsche Frauenmannschaft haben bei der WM Gold gewonnen, Torsten Scheibler Silber und das Männerteam Bronze. Haben wir was verpasst und Deutschland ist eine Sumo-Nation?
Reinhard Bunk: Nein. Wir waren schon mal eine Sumo-Nation vor vier fünf Jahren, aber da waren unsere Kämpfer auch viel jünger. Jetzt sind die langsam über ihren Zenit hinaus. Wir sind auf jeden Fall eine Ringernation, die sich seit Jahrzehnten mit Polen, der Ukraine in der Weltspitze rumprügelt. Vor vier Jahren waren wir auch Sumo-Weltmeister, haben in Brasilien gegen Japan gewonnen. Wir sind ja schon wer. Aber mittlerweile fehlt durch das fortgeschrittene Alter der Athleten die Kontinuität, und auch ein bisschen der Glücksfaktor.
SPIEGEL ONLINE: Die meisten deutschen Sumotori waren vorher Judoka. Wird es in Zukunft vielleicht auch frühe Sichtungen speziell für Sumo geben, wie das im Heimatland des Sports üblich ist?
Bunk: Wir haben in Deutschland versucht, speziell Nachwuchs für Sumo heranzuziehen, aber ohne Erfolg. Da fehlt uns einfach dieser traditionelle Hintergrund, den kriegt man in Deutschland nicht rein. Unsere Perspektive ist, dass wir uns talentierte Kinder aus Kampfsportarten raus holen, die dann beides betreiben. Die können dann weiter Ringer sein oder Judoka, aber trotzdem Sumo machen.
SPIEGEL ONLINE: Könnte Sumo als olympische Disziplin an dieser tristen Perspektive etwas ändern?
Sumo-WM: Dicke Deutsche, leichte Mädchen
Bunk: Einen Schub geben würde das sicher, wenn der Sport 2008 in Peking olympisch sein sollte. Aber vor allem in finanzieller Hinsicht. Denn der Deutsche Sportbund käme dann nicht umhin, Sumo mit Geld zu unterstützen. Bisher ist das alles eher auf Privatbasis, wir sind ja reine Amateure, bekommen absolut keine Unterstützung. Will man aber olympisch mithalten, geht das nur mit staatlichen Hilfen. Dann kann ich mir aber vorstellen, dass sich wirklich etwas bewegt; vielleicht gibt es ja Hallenzeiten und Trainingsausstattungen auch für Sumo-Sportler. Das kann sich im Moment niemand leisten.
SPIEGEL ONLINE: Und am Ende steht der Angriff auf das Mutterland des Sumos?
Bunk: Nein, niemals. In Japan gibt es etwa 20.000 Sumotori, wir haben hier wenn ess hoch kommt 200. Und das sind nicht mal alles reine Sumo-Kämpfer, viele betreiben eine andere Sportart nebenbei. Eine Chance haben wir aber, und die liegt in der Einfachheit. Sumo ist ja nicht so kompliziert wie andere Kampfsportarten. Ein bisschen Schieben, Drücken, Rumschubsen, da kann man ja mit vielen Anfängern arbeiten. Ich habe schon probiert, an einzelnen Schulen Grundkurse anzubieten. Bei Schulsportfesten gibt es dann neben Handball und Fußball auch Sumo. Da werden kurz die Regeln erklärt, ein Kreis aufgemalt und los geht's. Und wenn man über diesen Weg in der Breite etwas wachsen lässt, dann könnten wir irgendwann aufschließen. Doch wenn wir heute Zeitungswerbung machen, "kommt, wir machen Sumo", dann passiert nicht viel.
SPIEGEL ONLINE: Die Krankenkassen helfen Ihnen ja offenbar dabei. Für fettleibige Kinder werden Sumo-Kurse angeboten, um den Adiposen Komplexe zu nehmen. Was halten Sie davon?
Bunk: Ich finde, das ist eine ganz starke Sache. Wir sehen das ja bei den Amerikanern oder auch bei uns, dass viele Menschen einfach überfettet sind. Die sitzen vor dem Computer oder gehen zu McDonalds, keiner bewegt sich mehr. Und die Krankenkassen reagieren eben auf den hohen Krankenstand und die steigenden Kosten mit solchen Aktionen. Und ich nehme auch gerne überdickte Kinder. Doch man muss aufpassen: Sumo ist ja nicht nur für Dicke, nicht nur für 200-Kilo-Männer. Es gibt auch leichtere Gewichtsklassen, bei den Männern geht das Leichtgewicht bis 85 Kilo, und das ist ja eigentlich das Idealgewicht für jeden normalen Mann. Sumo ist also für jeden etwas. Es ist ja nicht nur Kampf, letztlich ist es auch Gymnastik und viel Bewegung.
SPIEGEL ONLINE: Was muss ein guter Sumotori können?
Bunk: Er muss athletisch vielseitig sein. Wir sitzen ja nicht im Ruderkasten, wo man nur zieht und dann geht's los. Wir trainieren speziell die Athletik, machen Gymnastik, doch auch da sind uns die Japaner weit voraus, denn die müssen z.B. alle perfekt Spagat können. Bei uns beginnt ein Sumotori eben erst mit 25, täglich Dehnungsübungen zu machen. Mittlerweile haben wir zwar auch schon Jugendliche, die 14 oder 15 sind. Aber in Japan fangen die bereits im Kindesalter an, mit Spagat, Rolle oder Salto. Da ist bei uns noch viel Potenzial, Sumo kann eine interessante Sportart sein.
SPIEGEL ONLINE: Die Männer-Nationalmannschaft trainiert oft in Japan. Haben Sie da bereits Leistungssteigerungen festgestellt?
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Bunk: Für uns ist wichtig, dass wir immer wieder neue Trainingspartner haben, deshalb gehen wir dort auch an die Universitäten, wo Sumo von 5000 Studenten als Leistungssport betrieben wird. Technisch konnten wir uns aber kaum verbessern. Das liegt daran, dass die Japaner, wenn Ausländer zu Gast sind, auch nicht alles zeigen. Aber trotzdem ist es wichtig, im Mutterland des Sports zu trainieren - gerade wenn dann auf einmal 60 Sumotori erscheinen, mit denen man kämpfen kann. So was muss man aber eigentlich mit viel jüngeren Sportlern machen; meine sind alle so zwischen 35 und 40, das ist dann zu spät. Da können die Athleten nur noch kleine Fortschritte machen.
SPIEGEL ONLINE: Die Sumo-WM fand zum zweiten Mal in Riesa statt. Was hat sich im Vergleich zu 1999 geändert?
Bunk: Damals waren die Japaner sauer, dass jemand außerhalb ihres Landes so eine schöne Weltmeisterschaft ausgerichtet hat. Auch in diesem Jahr gab es wieder eine hervorragende Organisation, alles top. Und dieser Dohyo, der Ring, ist wohl der schönste außerhalb Japans.
Das Interview führte Christian Gödecke