Houston vor dem Super Bowl Im Epizentrum der Emotionen
Kostümierte Football-Fans im Vorfeld des Super Bowls in Houston
Foto: John Glaser / dpaDas Knirschen der Kufen ist nicht zu überhören. Und dennoch verwirrt es im ersten Moment. Die Temperaturen in Houston liegen seit Tagen beständig über der 20-Grad-Marke, die Menschen tragen T-Shirts und Shorts. Kein Wunder: Houston ist nahe am Golf von Mexiko, der Einfluss der subtropischen Klimazone auch im Winter spürbar.
Und dennoch gibt es mitten in der Stadt derzeit eine Eisfläche. Sie ist eingebettet in die Fanmeile des 51. Super Bowls (0.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Texaner und Touristen erfreuen sich gleichermaßen am glatten Spaß. So ist das halt, wenn der größte Wanderzirkus der Welt Einzug hält. Super Bowl bedeutet Big Business, viele Partys, wenig Schlaf und eine Gastgeberstadt im Ausnahmezustand.
"Viele denken, wir haben hier Cowboystiefel, Cowboyhüte, Öl und Gas. Das stimmt natürlich. Aber wir haben noch so viel mehr", sagt Bürgermeister Sylvester Turner. Houston ist nach New York City, Los Angeles und Chicago die Stadt mit den viertmeisten Einwohnern in den USA. Und sie ist derzeit das Epizentrum der Emotionen.
Die Eisfläche zum Super Bowl in Houston
Foto: Tim Warner / AFPÜberdimensionale Abbildungen von Spielern zieren die Fensterscheiben von Hotels und Restaurants. Auf einem Wolkenkratzer ist über 20 Stockwerke die Vince Lombardi-Trophy zu sehen. Die Avenida de la Americas wurde für den Straßenverkehr gesperrt. Hier trifft sich das Fanvolk zum Feiern und um einmal selbst Quarterback oder Kicker zu mimen.
Houston präsentiert sich bunt, vielfältig, freundlich und voller Vorfreude. 10.000 freiwillige Helfer lächeln auch spät am Abend noch und weisen den Gästen den Weg in ihre Hotels oder zu den angesagten Restaurants und Bars. Im Discovery Green, einem zwölf Hektar großen Park direkt im Stadtzentrum, gibt es jeden Abend Konzerte und Feuerwerk.
Die Stadt ist Heimat des Missionskontrollzentrums der Nasa. Und die Raumfahrt spielt auch rund um den Super Bowl eine Rolle. Der "Future Flight" ist ein Highlight auf der Fanmeile. Bei diesem "Flug in die Zukunft" werden Gäste einen 20 Meter hohen Turm hinaufgezogen. Sie tragen Spezialeffektbrillen, mit denen ein "neun Monate langer Flug zum Mars" simuliert wird. Tatsächlich dauert die Reise nur etwas mehr als zwei Minuten. Sie führt vorbei am Mond, es sind entgegenkommende Meteoriten zu sehen und schließlich der Rote Planet. Nach einem kurzen Aufenthalt dort heißt es aus dem Missionskontrollzentrum: "Ihre Marsmission ist beendet. It's game time." Im freien Fall rauschen die Passagiere durch das Weltall und landen mitten auf dem Spielfeld des NRG Stadiums in Houston.
Zahlreiche Football-Fans befinden sich derzeit in Houston
Foto: Valerie Macon / AFPDort stehen sich die New England Patriots und die Atlanta Falcons gegenüber - die stabilste Abwehr der Liga trifft auf die stärkste Offensive. Für Atlanta ist solch ein Endspiel eine Seltenheit, erst zum zweiten Mal spielen die Falken im Super Bowl und wollen erstmals Meister werden. New England hat bereits acht Finals und vier Titel vorzuweisen. Trainer Bill Belichick und Quarterback Tom Brady waren bei jedem Finalsieg dabei, so auch 2004 in Houston gegen die Carolina Panthers. Mit einem weiteren Triumph wären sie so erfolgreich wie kein anderer auf ihren Positionen in der NFL-Geschichte.
Spannend ist nicht nur die Frage nach dem Super-Bowl-Sieger, sondern auch, ob Lady Gaga in der Halbzeitpause auf irgendeine Weise gegen Donald Trump aufbegehrt. Es ist kein Geheimnis, dass die extrovertierte Entertainerin eine ausgesprochene Gegnerin des neuen US-Präsidenten ist. Trump selbst wird nicht in Houston sein, dafür aber Vizepräsident Mike Pence. Er dürfte seinem Chef von einigen Protesten berichten. Zahlreiche Gruppierungen haben Märsche zum Stadion angekündigt, um gegen Trumps Immigrationspolitik zu demonstrieren.
Wer Patrioten, Falken und Lady Gaga live sehen will, muss tief ins Portemonnaie greifen. Der Durchschnittspreis für eine Eintrittskarte liegt bei rund 4500 Dollar. Allein Parkplatztickets kosten zwischen 100 und 300 Dollar. Dennoch sind mehrere Hunderttausend Fans nach Houston gekommen - auch wenn nur 71.000 ins Stadion passen. Für viele ist es bereits ein Touchdown, einfach nur vor Ort zu sein, Party zu machen, Football-Flair zu spüren. Das lokale Super-Bowl-Komitee erwartet, dass in Houston in diesen Tagen rund 350 Million Dollar umgesetzt werden. Der Reingewinn für die Stadt soll bei elf Millionen Dollar liegen.
Der Super Bowl ist schon lange nicht mehr nur ein Football-Finale, sondern inoffizieller Feiertag. Ein Event, bei dem die Zahlungsmoral der Amerikaner kaum Grenzen kennt - und für das sogar im warmen Südosten von Texas eine Eisfläche installiert wird.