Tennisprofi Murray: Der Beste vom Rest - DER SPIEGEL
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Andy Murray: Der ewige Vierte

Foto: Scott Barbour/ Getty Images

Tennisprofi Murray Der Beste vom Rest

Andy Murray ist einer der besten Tennisspieler der Welt, er feiert Siege, sammelt Titel, doch er hat einen Makel. Noch nie gelang ihm ein Triumph bei einem Grand-Slam-Turnier. Bei den Australian Open will Murray nun endlich zum Champion aufsteigen - kann das klappen?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist das 76. Jahr der britischen Leidenszeit, und ein neuer Erlöser unternimmt einen Anlauf, seine Mission zu erfüllen. Wenn am Montag die Australian Open in Melbourne beginnen, schaut das britische Tennisvolk wieder auf Andy Murray. Und wieder einmal sind die Erwartungen an den 24-Jährigen enorm, schließlich soll er Großbritannien den ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier seit Fred Perrys US-Open-Triumph 1936 bescheren. Mehrfach stand Murray kurz vor einem Erfolg, scheiterte bislang aber immer an diesem großen Vorhaben.

Dabei wirkt die Karriere des Schotten wie eine Erfolgsstory. Im Alter von 17 Jahren gewann er die US Open im Juniorenbereich und wurde Profi. Mit 18 holte er in San José seinen ersten ATP-Titel, hat seitdem 21 weitere Turniere und fast 20 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Murray ist ein Sieger - aber eben kein Champion. Weil an ihm der Makel haftet, noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen zu haben.

"Es ist schon ein bisschen frustrierend", sagt Murray mit Blick auf den fehlenden Titel. Denn eigentlich bringt der Rechtshänder alle Voraussetzungen mit: Er ist athletisch, verfügt über eine Vielzahl guter Schläge und einen starken Service. "Er kann das Spiel gut lesen. Das macht es so schwer, gegen ihn zu gewinnen", so der kroatische Tennisprofi Marin Cilic.

Murray gilt als einer der begabtesten Tennisprofis seiner Generation. Doch er hat ein Problem, genauer gesagt drei: Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. Hinter den Großen des Welttennis, die sich regelmäßig mit Triumphen bei den Grand-Slam-Turnieren abwechseln, steht Murray an Nummer vier der Weltrangliste. Er ist der Beste vom Rest.

Murray hinter Federer, Nadal und Djokovic der ewige Vierte

In den vergangenen vier Jahren stand der Schotte bei 16 Grand-Slam-Turnieren achtmal im Halbfinale, dreimal schaffte er es dabei ins Endspiel. Mit Ausnahme des Halbfinals von Wimbledon 2009, als Murray gegen den US-Amerikaner Andy Roddick verlor, scheiterte er kurz vor dem Ziel immer an Federer, Nadal oder Djokovic. "Murray wirkt wie der ewige Zweite", schrieb einmal die "Welt". Richtiger wäre der ewige Vierte.

"Vielleicht ist er im Kopf zu kompliziert. Er hat zu viele spielerische Optionen, für die er sich entscheiden kann", mutmaßt Jimmy Connors. Es ist ein vergiftetes Lob der Tennislegende, die zwischen 1974 und 1983 acht Grand-Slam-Turniere gewann. Übersetzt heißen die Worte des 59-Jährigen: Murray ist physisch und taktisch sehr gut, ihm fehlt aber die psychische Stärke, um ein ganz Großer zu werden.

Genau das werfen Kritiker dem Schotten vor. Wenn es darauf ankommt, in den entscheidenden Momenten eines Grand-Slam-Turniers, versagen Murray die Nerven, so ihre These. Belege dafür finden sich genug. In den beiden vergangenen Jahren etwa spielte Murray in Melbourne starkes Tennis, war aber jeweils im Finale klar unterlegen. 2011 scheiterte er an Djokovic 4:6, 2:6, 3:6. Ein Jahr zuvor verlor er gegen Federer 3:6, 4:6, 6:7.

Siege gegen die großen Drei in Endspielen von ATP-Turnieren

Dabei hat Murray schon mehrfach bewiesen, dass er seine drei großen Kontrahenten in Endspielen schlagen kann. 2009 in Miami bezwang er Djokovic 6:2, 7:5. In Shanghai deklassierte er 2010 Federer 6:3, 6:2. Und gegen Nadal siegte er 2011 in Tokio 3:6, 6:2, 6:0. Nur waren das alles Finals von ATP-Masters-Turnieren. Was haften bleibt, sind Triumphe bei Grand-Slam-Turnieren. Und damit kann Murray nicht dienen.

Um das zu ändern, hat er sich prominente Unterstützung geholt. Ivan Lendl, 51, trainiert den Schotten seit Jahresbeginn. Lendl ist dekoriert mit 94 Einzeltiteln, darunter acht Erfolge bei Grand-Slam-Turnieren, und war in den Achtzigern insgesamt 270 Wochen die Nummer eins der Welt. Er ist ein Champion. "Ivan bringt eine Erfahrung, vor allem bei den Grand Slams mit, die nur sehr wenige haben", so Murray. Sein neuer Coach gibt das Kompliment artig zurück: "Er ist ein einzigartiges Talent, und ich will ihm helfen, seine Ziele zu erreichen."

Nicht nur Murray hofft mit der Hilfe Lendls endlich ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, auch seine Landsleute fiebern mit. Die Briten sind ein sehr stolzes Tennisvolk, schließlich entstand die Sportart mit den bis heute gültigen Regeln 1877 in London, während der ersten Meisterschaft im Stadtteil Wimbledon.

Bei dem bedeutendsten Tennisturnier der Welt gelang Murray der Durchbruch als Profi. 2005 schaffte es der damals 18-Jährige sensationell in die dritte Runde, wo er gegen den Argentinier David Nalbandian die ersten beiden Sätze gewann, sich am Ende aber 7:6, 6:1, 0:6, 4:6, 1:6 geschlagen geben musste. Die Zuschauer waren dennoch begeistert.

Weil Tim Henman, seinerzeit die große Hoffnung der Briten auf einen Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier, im selben Jahr schon in der zweiten Runde ausschied, titelte die britische Presse mit Blick auf die Wachablösung: "Der König ist tot, es lebe der König." Was Murray noch mit dem 2007 zurückgetretenen Henman eint: Ihm fehlt die Krone.

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