Treffen mit Merkel Ausreißversuch verärgert Jan Ullrich
Michael Stehle hat sich auf das Stopfen von Löchern spezialisiert, er ist Geschäftsführer eines Reifen-Dichtmittel-Herstellers vom Bodensee. Außerdem ist er ein Freund Jan Ullrichs. Der frühere Radprofi, derzeit mit massiven Dopingbeschuldigungen konfrontiert, steht dem Unternehmen seit seinem Rücktritt als Berater zur Seite. So kam Stehle Mitte Mai die Idee, Berufliches und Privates zu verbinden: Er nahm sich zum Ziel, das Loch zwischen der persona non grata Ullrich und der Öffentlichkeit wieder zu schließen.
Und er hoffte dabei auf Unterstützung von ganz oben.
Ex-Radprofi Ullrich: Die Kanzlerin nie treffen wollen
Foto: REUTERS"Damit Jan Ullrichs Reputation gesteigert wird", wie der Unternehmer vom Bodensee SPIEGEL ONLINE erklärte, habe er sich vor wenigen Wochen mit dem Referat von Kanzlerin Merkel in Verbindung gesetzt und um ein Treffen der Regierungschefin mit dem früheren Radstar am Bodensee gebeten.
Als dieser Vorgang samt Absage des stellvertretenden Regierungssprechers Thomas Steg gestern via "Sport Bild" die Öffentlichkeit erreichte, waren Überraschung und Unverständnis die harmloseren Reaktionen. Ullrich hatte für die Form seines Rücktritts schon viel Spott ertragen müssen. Gestern drehte sich der Hohnzähler noch eine Umdrehung weiter. Der Hilferuf Ullrichs in Richtung Merkel schien an Hilflosigkeit nicht zu überbieten. Denn die Chance auf ein Comeback mit Rückkehr auf das Tour-de-France-Podium stand besser als ein Besuch der Kanzlerin am Bodensee.
Doch nicht nur die vermeintlich Ullrich-feindliche Presse reagierte hart. Auch im Umfeld des 33-Jährigen hält sich die Begeisterung in Grenzen. Denn Stehle handelte im Alleingang. "Wir waren ziemlich entsetzt", sagte Ullrichs Manager Wolfgang Strohband SPIEGEL ONLINE. Er habe auch seinen Klienten gefragt, "und Ullrich hat mir gesagt, er habe nie so einen Auftrag gegeben".
Das bestätigt auch Stehle, der mit seinem Vorstoß erreichen wollte, "dass die Spitzen der Politik auch mal Stellung beziehen im Fall Ullrich". Immerhin gelte im Rechtsstaat die Unschuldsvermutung. Die Frage, ob er an Ullrichs Untadeligkeit glaubt, will er dennoch nicht bejahen. "Er ist nicht verurteilt", sagt Stehle. Anders als "anderer Leute" habe Ullrich noch nicht gestanden. Die Dementis klangen schon überzeugender, die Dopinggerüchte haben auch in Ullrichs Umfeld ihre Spuren hinterlassen.
Wieso die Kanzlerin Ullrich trotzdem eine Art Absolution erteilen soll, bleibt Stehles Geheimnis. Der Reifen-Mann, gerade auf Geschäftsreise in China unterwegs, steht nach eigener Aussage noch immer in E-Mail-Kontakt mit dem Kanzleramt. "Bis heute gab es noch keine Absage."
Doch Thomas Steg nimmt ihm die Hoffnung: "Wenn das so ist, dann wird das noch förmlich nachgeholt", so der Regierungssprecher zu SPIEGEL ONLINE.