Wimbledon: Keine Konkurrenz in Sicht
Wimbledon 2016 Aus vier mach eins
Ein starker erster Aufschlag durch die Mitte reichte aus, um sein Idol in die Knie zu zwingen. Alexander Zverev hatte soeben Roger Federer im Halbfinale von Halle besiegt und damit erstmals in seiner noch jungen Karriere einen Top-Ten-Spieler aus einem ATP-Turnier geworfen. In Halle, dem wohl bestbesetzten Rasenturnier vor Wimbledon, hatte Federer zwischen 2003 und 2015 achtmal gewonnen. Doch die Zeiten seiner Dominanz, die ihn zu 17 Grand-Slam-Siegen führten, sind längst vorbei. Der letzte große Triumph des 34-Jährigen liegt schon vier Jahre zurück.
Doch Federer teilt das Schicksal mit seinem einstigen Dauerrivalen. Rafael Nadal, neunfacher French-Open-Sieger, wird seit seinem letzten Erfolg in Paris vor zwei Jahren immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen. Auch Andy Murray schaffte es nicht, dem zwischenzeitlichen Hype um seine Person, dauerhaft gerecht zu werden.
So ist aus den "Big Four", die seit 2005 41 von 45 möglichen Grand-Slam-Titeln gewonnen haben, eine One-Man-Show geworden. Novak Djokovic dominiert seinen Sport momentan in beeindruckender Manier. Auch dank seines Trainers, Boris Becker, verbittet sich die Frage nach einem klaren Favoriten in Wimbledon. Djokovics Vorsprung in der Weltrangliste auf Murray beträgt fast 8000 Punkte. Es ist der größte Abstand zwischen Platz eins und zwei in der Tennis-Historie.
Verletzungen und Gerüchte um Karriereende
Die totale Dominanz des Serben hält nun schon lange an. Beim 29-Jährigen hat man das Gefühl, das ihn große Niederlagen noch stärker machen. Nach dem verlorenen French-Open-Finale im vergangenen Jahr gegen Stan Wawrinka gewann Djokovic vier Grand-Slam-Titel in Folge. Momentan spielt er nah an der Perfektion und ermöglicht keinem seiner Gegner leichte Punkte. Doch er profitiert auch von den Formkrisen und Verletzungen seiner Kontrahenten.
Das beste Beispiel stellt derzeit Federer dar: Der Weltranglisten-Dritte war im vergangenen Jahr der einzige Spieler, der Djokovic mehrfach besiegen konnte. Im Finale von Wimbledon und der US Open entschieden jeweils Kleinigkeiten gegen den Schweizer. 2016 begann ebenfalls vielversprechend. Doch nach dem verlorenen Halbfinale bei den Australian Open zog er sich einen Meniskusriss zu. Federer musste sich zum ersten Mal in seiner 18-jährigen Profilaufbahn einer OP unterziehen. Die Knieverletzung kostete ihn zehn Wochen.
Es folgten weitere gesundheitliche Probleme. Vor allem der Rücken bereitete Federer Sorgen und zwang ihn zu mehreren Absagen. Seine Bewegungen wirkten zuletzt unrund, seinem Spiel fehlte die für ihn so wichtige Präzision. Im Vorfeld des Wimbledon-Turniers kamen sogar Gerüchte auf, dass er eine erneute Absage in Betracht ziehe. Doch dem war nicht so. In der ersten Runde gewann er letztlich souverän gegen den Argentinier Guido Pella.
Lendls Rückkehr macht Hoffnung
Wie es momentan wirklich um sein Leistungsvermögen steht, weiß vermutlich nicht mal Federer selbst. Zuletzt reagierte er zunehmend genervt auf Fragen, die auf ein mögliches Karriereende abzielten. Ein achter Titel in Wimbledon, der gleichzeitig einen Rekord bedeuten würde, scheint in weite Ferne gerückt zu sein.
Noch schlimmer hat es Nadal getroffen. Zusätzlich zu seinen Verletzungssorgen, die ihn auch die Wimbledon-Teilnahme kosteten, sah er sich kürzlich erneut Dopingvorwürfen ausgesetzt. Die konkreten Anschuldigungen ("Nadals positive Dopingproben wurden vertuscht") kamen von der ehemaligen französischen Sportministerin Roselyne Bachelot. In Wimbledon hätte Nadal ohnehin nicht zum Favoritenkreis gehört. Nun steht sogar noch ein Olympia-Aus im Raum, da der 30-jährige Spanier, der als Fahnenträger vorgesehen war, die Vorgaben nicht erfüllt. Nadal muss auf die Gnade des IOC hoffen.
Auch bei Andy Murray deutet aktuell nicht viel auf große Erfolge hin. Zwar ist der Schotte die klare Nummer zwei im Herrentennis, was nicht zuletzt der Einzug in zwei Grand-Slam-Finals verdeutlichte. Seine Bilanz gegen Djokovic verheißt dennoch nichts Gutes. 13 der letzten 15 Duelle gingen an den "Djoker" (Insgesamt 24:10). Vielleicht trennte er sich auch deswegen von Trainerin Amélie Mauresmo. Die Französin wurde kürzlich durch Ivan Lendl ersetzt.
Mit dem gebürtigen Tschechen arbeitete Murray schon einmal zwischen 2012 und 2014 sehr erfolgreich zusammen. Damals gewann er als erster Brite seit 77 Jahren Wimbledon und ein Jahr zuvor Olympisches Gold in London. Die Rückkehr des 56-Jährigen in Murrays Betreuerstab könnte endlich wieder für mehr Spannung sorgen.