NBA-Center Howard Bitte keine Dunkings!
Dies ist der zweite Teil des großen "FIVE"-Porträts von Dwight Howard. Den ersten Teil finden Sie hier.
So offensichtlich Howards Fortschritte unter dem eigenen Korb ausfallen, so vergleichsweise schleppend verläuft der Ausbau seines offensiven Arsenals. Als wohl bester Athlet der Liga dominiert er seine Gegenspieler weiterhin mit Sprungkraft und Masse. Zwar führt er die Liga auch in dieser Saison bei den Dunks an, doch scheint sich die Arbeit mit Assistent Patrick Ewing langsam auszuzahlen.
Howard beim Dunking-Contest 2009: Die Quote geht zurück
Foto: AFPDer ehemalige Knicks-Center widmet sich exklusiv den Magic-Big-Men, Howard profitiert vom Erfahrungsschatz aus 17 NBA-Jahren. Als einer der besten Shooting Center der Liga-Geschichte besaß Ewing einen ebenso unansehnlichen wie nicht zu stoppenden Baseline-Jumper, der Gegenspieler zur Verzweiflung trieb. Ein vergleichbares Wurfgefühl wird sich Howard wohl kaum je aneignen können - Basiswissen in Sachen Beinarbeit, Timing und Schussauswahl jedoch durchaus. Die ersten Anzeichen sind unübersehbar. Howards Dunk-Quote ist deutlich gesunken, von 3,28 pro Partie im vergangenen Jahr auf 2,57 Slams in der laufenden Spielzeit (Stand: Februar 2009). "Als ich in Orlando ankam, wollte er noch jeden Ball dunken", erinnert sich Teamkollege Rashard Lewis, jetzt in seiner zweiten Saison bei den Magic. "Jetzt bemüht er sich, auch anders zu punkten. Im Training merkt man, dass er sich die Slams bewusst verkneift."
Zusammen mit Ewing feilt Howard in Extraschichten an weiteren Varianten seines Offensivspiels. Vor allem Wurffinten und Nahdistanz-Sprungwürfe aus der Drehung stehen auf dem Trainingsplan. "Er hat schon jetzt eine sehr gute Beinarbeit", lobt Trainer Stan Van Gundy. "Aber gegen die guten Center in der Liga braucht er einfach verlässliche Shot-Fakes und mehr Waffen als nur Sprungkraft."
Natürlich ist Howard vor Rückfällen in vertraute Angriffsmuster nicht gefeit. Auch in der laufenden Spielzeit sahen die Magic-Fans Spiele, die er ausschließlich mit athletischen Fähigkeiten bestritt. Und welcher aktive Basketballer kann es ihm ernsthaft verdenken? Das Repertoire in Korbnähe jedoch wächst - und mit ihm Selbstvertrauen und Unberechenbarkeit.
Für das Team bedeutet ein offensiv variabler und vor allem dominanter Dwight Howard den Grundstein für die bisher überaus erfolgreiche Saison 2008/09. "Wenn man zwei Spieler auf ihn ansetzt, wird irgendwo ein Schütze frei. Schließlich stellen wir ihm vier Dreier-Experten zur Seite. So sind wir konzipiert", erläutert Magic-Coach Stan Van Gundy die Ausrichtung seines Teams. Zu Aufbauspieler Jameer Nelson, der vor seiner Schulterverletzung 45,3 Prozent seiner Würfe von jenseits der Linie traf, gesellen sich Rashard Lewis, Courtney Lee, J.J. Redick. Insgesamt treffen die Orlando Magic über 40 Prozent ihrer Dreier - der beste Wert der Liga.
Howard schafft Platz für die Distanzschützen
Wohin solche Distanzexzesse führen können, zeigten die Magic im Januar, als sie in Sacramento mit 23 verwandelten Dreiern (62,2 Prozent Trefferquote) einen neuen NBA-Rekord aufstellten - und die hilflosen Kings beim 139:107 aus der eigenen Halle schossen. Nach dem Spiel wusste Jameer Nelson genau, wer entscheidenden Anteil an dem Schützenfest hatte - ohne einen einzigen Dreier zu nehmen. "Dwight ist in der Mitte so schwer zu verteidigen. Da wird es gegen uns für jeden Gegner schwer, den Dreier zu verhindern."
Ein Blick auf das konsequente In-and-out-System der Magic genügt - und es wird klar, warum Ewing auf Extraschichten von der Freiwurflinie besteht. Wie schon im vergangenen Jahr steht Howard in der Liste der Freiwurfversuche ganz oben. 897-mal versuchte er es 2007/08 (bei nur 529 Treffern). Und er ist auf dem besten Weg, diese Zahl zu toppen. Niemand erwartet, aus dem Muskelmann einen starken Freiwerfer zu machen. Eine Quote wie in Howards Rookie-Saison würde völlig reichen.
Vor fünf Jahren traf er 67,1 Prozent seiner Versuche. Gelänge ihm die Wiederholung dieser Ausbeute, könnte er seinen Punkteschnitt um 1,5 Zähler anheben und die gegnerischen Verteidigungslinien endgültig zur Verzweiflung bringen. Um auch in der entscheidenden Phase enger Spiele als Go-to-Guy der Magic durchgehen zu können, braucht Howard zwingend Prozentzahlen, die deutlich über seiner aktuellen Ausbeute (knapp 60 Prozent) liegen.
Während also im Moment noch die Politur des Wurfpotentials in unmittelbarer Korbnähe und das zuverlässige Passen aus dem Doppeln heraus im Fokus stehen, sind die mittelfristigen Ziele höher gesteckt. Wenigstens bis an den Zonenrand soll sich Howards Reichweite in absehbarer Zeit entwickeln.
Eine Aussicht, die die Konkurrenz erzittern lässt. "Sobald er den Sprungwurf aus anderthalb bis drei Metern draufhat, ist alles aus", prophezeit Doc Rivers, Coach der Boston Celtics. "Ganz ehrlich, dann ist es vorbei. Und es wird passieren, weil er hart an sich arbeitet. Mein Sohn trainiert mit Howard zusammen, und ich höre den ganzen Sommer nichts anderes." Eine ähnliche Prognose gibt Stan Van Gundy ab: "Wenn man bedenkt, dass er noch 12, 13, 14 Jahre vor sich hat - das ist schon unglaublich."