Fall Gsell: "Sie hat kleines Mädchen gespielt" - DER SPIEGEL
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Fall Gsell "Sie hat kleines Mädchen gespielt"

Der Fall Gsell stellt die Ermittler vor immer neue Rätsel. Die Story ist filmreif, die Hauptdarsteller sind schillernd: eine prallbusige Witwe, ein abgebrannter Autohändler, ein verhafteter Staatsanwalt und ein toter Schönheitschirurg - der offenbar für seine junge hübsche Frau alles getan hätte.
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Nürnberg - Neun Jahre waren Franz und Tatjana Gsell verheiratet, der reiche Schönheitschirurg und die ambitionierte Kosmetikerin. Altersunterschied: 45 Jahre. Der 76-jährige Arzt schmückte sich gern mit seiner selbstgebastelten Traumfrau, der er eine hübschere Nase, größere Brüste, ein strafferes Gesicht und einen neuen Po verpasst hatte.

Über sich selbst sagt Tatjana Gsell: "Es ist spannend, die Regeln zu brechen. So entsteht Neues." Ihr Körper sei ein "wunderschöner Schein", "absoluter Luxus", ein "Statussymbol". Mit ihrer Art habe die aus Bamberg stammende Tatjana genau den Geschmack des alternden Arztes getroffen, findet Franz Gsells Ex-Frau Forouzandeh Gsell. "Er war begeistert von ihr", berichtet sie. "Sie hat kleines Mädchen gespielt, das war sein Geschmack."

Sie wollte hoch hinaus, sagt Bodyguard Peter Althof. Erst habe sie Schauspielerin werden wollen, dann einen Kosmetikladen eröffnen. Ihr Ziele änderten sich ständig. "Und er hat immer alles mitgemacht", so Althof. "Hätte sie morgen einen Verlag aufmachen wollen, hätte er ihr wahrscheinlich noch das Geld dafür gegeben." Erst als Tatjana Gsell ein Verhältnis mit dem Autohändler Helmut Becker anfängt und mit ihm nach Marbella reist, sperrt Gsell ihr nach Erkenntnissen der Ermittler die Kreditkarte.

Der 5. Januar 2003, kurz vor 20 Uhr: Zwei maskierte Männer dringen in das Anwesen von Franz Gsell im Nürnberger Nobelstadtteil Erlenstegen ein. Die beiden mutmaßlich aus Osteuropa stammenden Täter schlagen den 76-jährigen Schönheitschirurgen zusammen und knebeln ihn. Als das Opfer sich wehrt, schlagen ihm die Eindringlinge mit der Rückseite einer Axt auf die Brust. Der alte Mann stirbt drei Monate später an den Folgen des brutalen Überfalls.

Seit April sitzt Tatjana Gsell, Luxus-Lady und Arztwitwe, in Untersuchungshaft. Ihr werden Nötigung, Versicherungsmissbrauch und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft meint, die 32-Jährige habe ihrem Mann Autoschieber auf den Hals gehetzt, um ihre Hotelrechnung auf Marbella bezahlen zu können. Die Beschuldigte bestreitet das. Die Staatsanwaltschaft vermutet, Franz Gsell habe klar seine Frau hinter der Tat gesehen und versucht, diese durch gezielte Vernebelungsaktionen zu decken.

Fest steht: Tatjana Gsell hatte ihr Nobelcabrio, einen Mercedes 500 SL, in einer Autozeitschrift inseriert. Daraufhin meldeten sich nicht nur seriöse Interessenten, sondern auch eine Bande von Autoschiebern. Über alles andere könne man nur spekulieren, sagt Verteidiger Markus Hennig.

Die Staatsanwaltschaft glaubt: Auf die Anzeige meldete sich ein jugoslawischer Autoschieber, der Tatjana Gsell ein riskantes Geschäft anbot, einen fingierten Diebstahl gegen Bezahlung. 30.000 Euro sollen verabredet gewesen sein. Das Geld sollte ein Jugendfreund der klammen Dame, der Staatsanwalt Stefan M., entgegennehmen. Die beiden Maskierten sollten laut Staatsanwaltschaft "Druck und Gewalt" auf den Überfallenen ausüben, damit dieser Schlüssel und Papiere des Wagens herausgebe. Die Aktion sei dann "aus dem Ruder gelaufen", so Justizsprecher Bernhard Wankel. Das schließt auch Verteidiger Hennig nicht aus: "Vielleicht haben sie gesagt, Tatjana, wir kümmern uns darum, und die Sache ist dann eskaliert", so der Anwalt. Tatjana Gsell jedenfalls bleibt bis auf weiteres hinter Gittern.