Trainhopping in den USA: "Besser als Sex" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Trainhopping in den USA "Besser als Sex"

Sie zelebrieren den Kult um eine ausgestorben geglaubte Spezies: Als moderne Eisenbahntramps durchqueren Hobos im Güterzug die Vereinigten Staaten und frönen einem Leben zwischen Wildwest-Romantik, Road Movie und alltäglichem Kampf ums Überleben.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?


Video: Der SPIEGEL TV-Beitrag zur Sendung


Zur Fotostrecke: Hobos on Tour
Weiter zur Fotostrecke 

"Der Geruch ist toll, der Lärm ist toll - du wartest auf einen Zug und musst ständig aufpassen, nicht von der Polizei erwischt zu werden", beschreibt der Ire Rooster Van Lang sein Leben als Tramp. Außer ihm streunen weitere 500 bis 1000 Hobos jeden Alters als ehrenwerte Vagabunden durch die Vereinigten Staaten. Aussteiger, Ausreißer und Abenteurer sind ebenso darunter wie arbeitslose Migranten, Obdachlose oder gelangweilte Neureiche, die nach dem ultimativen Freizeit-Kick suchen.

Die "echten" Hobos sehen dabei mit Verachtung auf jene herab, die nur zum Spaß von einem Güterzug auf den nächsten springen. Für sie gilt der Ehrenkodex ihrer historischen Vorfahren: Kein Diebstahl, kein Betteln, keine Raufereien und den Kumpels bei Bedarf unter die Arme greifen. Mit dem einsetzenden Eisenbahnboom und Ausbau des Streckennetzes nach Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 brach die große Zeit der "Hoe Boys" an: Die Wanderarbeiter trugen ihr Bündel am Arbeitsgerät, der Hacke, und nutzten die Güterwaggons als preiswertes Verkehrsmittel, um von einem Job zum anderen zu gelangen.

Die amerikanischen Eisenbahngesellschaften hatten frühzeitig das immense Frachtaufkommen im Land vorausgesehen und geräumige Waggons eingesetzt, die mit bis zu 80 Tonnen ein Vielfaches dessen transportieren konnten, was man in Europa auf die Schienen schickte.

Die Zahl der Hobos war immer auch ein Wirtschaftsindikator: Waren es zu Beginn noch einige Tausend Erntehelfer, Gleisarbeiter, Goldsucher oder auch Viehtreiber, die den Sprung auf den Zug wagten, stieg ihre Zahl zwischen 1885 und 1905 auf bis zu zwei Millionen in Amerika und Kanada. Zu Beginn der dreißiger Jahre und der Wirtschaftsdepression erlebten die Hobos ihr großes Revival, bevor das Auto wichtigstes Fortbewegungsmittel wurde und die Tramps auf die Highways zogen.

Bullen jagen Bad Boys

Heute ist es weniger die wirtschaftliche Not, die Hobos auf die Schiene treibt: Abenteuerlust, der Horror vor Familie, bürgerlicher Enge oder einem stressigen Job sind ebenso Motiv wie - genau: Sexappeal. Das Bad-Boy-Image des rastlosen Tramps zieht bei den Mädchen offenbar so gut wie zu Charlie Chaplins Zeiten. Und wenn es mit dem anderen Geschlecht mal nicht so klappt, gilt Rooster Van Langs Regel: "Wenn ich nach der Leiter greife, habe ich das Gefühl, etwas erreicht zu haben - das ist besser als alles andere, auch besser als Sex."

So romantisch ein Sonnenuntergang bei surrenden Eisenbahnrädern seine mag - Hobos sind keine Railroadmovie-Helden aus Hollywood. Alltagskompatibel, erfindungsreich und beweglich sollten sie sein, keine Angst vor Kälte und Langeweile haben. Adrenalinschübe und Endorphinausstöße sind beim Trainhopping keineswegs an der Tagesordnung. Die großen Kicks sind beschränkt auf den Moment des Springens und das obligatorische Räuber- und Gendarm-Spiel zwischen den "Bulls", den Bahnpolizisten, und Hobos.

Die Verletzungsgefahr beim Trainhopping ist erheblich: Schürfwunden, Knochenbrüche oder gar schlimme Gehirn-Schädel-Traumata sind keine Seltenheit. Da die meisten Hobos in der Illegalität leben und nicht krankenversichert sind, gehen viele erst gar nicht zum Arzt. Erhebungen der Federal Railroad Association belegen mehr als 470 tödliche Unfälle allein für das Jahr 1996. Auch die so genannte "slack action" - harte Längstöße innerhalb des Kupplungsspiels, die die sichvon Wagen zu Wagen aufaddieren können - birgt Risiken.

"Trainhopping bedeutet potenzielle Lebensgefahr", meint ein Angestellter der Union Pacific Railroad, der auf einer der zahlreichen Hobo-Websites zitiert wird. Völlig verrückt sei es, so etwas zu tun, und es gäbe keine Entschuldigung dafür, sich bewusst dem Risiko auszusetzen, unter den Zug zu geraten und dabei getötet zu werden oder Arme und Beine zu verlieren. "Es ist Teil des Eisenbahnfahrens, wir verstehen das, aber es ist ein Teil, den wir gern eliminieren würden." Aktive Hobos sehen das pragmatischer: "Du solltest niemals von einem Zug springen, der schneller fährt als 15 Kilometer in der Stunde. Ab 30 bis 40 km/h bist Du in akuter Verletzungsgefahr", meint Rooster Van Lang, der sich über den Unfall eines leichtsinnigen Mitfahrers ärgert.

Ein Ausflug ins echte Leben - Dekadenz auf dem Gleis

Während das Hobo-Dasein für viele gelebte Philosophie ist, gibt es jede Menge hightech-gerüsteter Teilzeit-Tramps, die mit Handys und Walkie-Talkie reisen, sich eine mobile Bodentruppe halten und bisweilen sogar aus der Luft ihre waghalsigen Eskapaden ins Real Life filmen lassen. Die Aufnahmen aus dem Privatjet werden dann zu Hause analysiert, mögliche Fehlerquellen wie falsches Auf- oder Abspringen oder mangelnde Eleganz gnadenloser Selbstkritik ausgeliefert.

Weil Selbstüberschätzung und fehlende Diskretion der Hobby-Hobos steigende Unfallzahlen und damit unweigerlich erhöhte Sicherheitsmaßnahmen rund um die Züge zur Folge haben, sind die Pseudo-Aussteiger bei Vollzeit-Tramps wenig beliebt: "Die echten Güterzug-Fahrer hassen diese Yuppie-Arschlöcher und Trouble-Maker mehr als irgendjemanden sonst, weil sie die Dinge für alle schwieriger machen - von den Bullen über die Fahrdienstleiter und Ingenieure bis zu den Aktionären und wirklichen Tramps, die da draußen leben müssen." Unter www.ftra.org  werden die feinen Jungs auf der Suche nach dem ultimativen Thrill offen beschimpft und die Eisenbahngesellschaften der USA aufgefordert, ihre Wut auf unvorsichtige Yuppies nicht an den Tramps auszulassen.

Denn die haben schon genug Probleme: Strafen von rund 50 Dollar für "Trespassing", das unerlaubte Betreten der Bahngleise, liegen nur unwesentlich höher als die für Falschparken - für den Teilzeit-Trainhopper ein Witz, für den obdachlosen Essensmarkensammler eine Katastrophe. Neue Infrarot-Sensoren, die auf Körperwärme reagieren, spüren auch nachts jeden unerlaubt auf dem Bahngelände umherziehenden Besucher auf. Wurden die Ur-Hobos zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise bei Entdeckung meist vom Gelände verjagt, werden die modernen Tramps in der Regel angezeigt oder sogar inhaftiert.

Ein weiteres Problem: Die Eisenbahnen verkehren immer seltener - wer den Sprung im richtigen Moment nicht schafft, kann sich auf stunden- oder gar tagelange Wartezeiten einstellen. Weil die Züge auf ihren Langstreckenfahrten immer seltener halten, müsse die Aufspringmöglichkeiten an den wenigen Stopps genau bekannt sein. Selbst das verdiente Nickerchen im erfolgreich geenterten Güterwagen birgt Gefahren: Schon manch Abenteurer fand sich nach dem Aufwachen unversehens auf einem Abstellgleis wieder, weil sein Waggon abgehängt wurde.

Verwandte Artikel