Flugangst: Das große Bangen an Bord - DER SPIEGEL
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Flugangst Das große Bangen an Bord

Nach Schätzungen von Experten haben rund 500 Millionen Menschen weltweit Angst vorm Fliegen. Nahezu jeder dritte Passagier in Deutschland befindet sich in guter, bisweilen illustrer Gesellschaft, wenn die Panik ihn ergreift: ob Kino-Star Til Schweiger oder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement, der holländische Fußballer Dennis Bergkamp oder die australische Schauspielerin Cate Blanchett - keiner von ihnen ist vor feuchten Händen, Herzrasen und Übelkeit gefeit, wenn die Triebwerke anspringen.
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Bill Wyman, Nichtschwimmer und ehemaliger Bassist der Rolling Stones, war zweieinhalb Jahre bei der Royal Air Force in Oldenburg stationiert und setzt doch keinen Fuß mehr in ein Flugzeug. Soul-Diva Aretha Franklin versuchte, ihrer Aviophobie mit der Teilnahme an einem Flugangstseminar beizukommen, jedoch ohne Erfolg: "Am Gate hab ich wieder Panik bekommen, und der Flieger ist ohne mich geflogen." Ute Lemper, langbeinige Chansonette aus Münster, setzt auf die harte Tour: "Die Menge macht's. Einfach Augen zu und rein in den Flieger."

Nicht immer bedeutet ein leichtes Unwohlsein beim Start den Beginn einer chronischen Angsterkrankung. Fast zwei Drittel aller Passagiere kennen laut Schätzungen der BAD Gesundheitsfürsorge und Sicherheitstechnik zumindest ein Gefühl von Beklemmung beim Abflug. Und das ist beizeiten gerechtfertigt: Ausgerechnet vier Frauen auf Konfrontationskurs gegen die Flugangst mussten im März diesen Jahres mit einer Propellermaschine notlanden - auf dem Therapieweg von Belfast nach Manchester war auf Grund einer defekten Klimaanlage dichter Nebel in der Kabine aufgetreten.

Auch der Hamburger Unternehmensberater Thorsten Krohn, 30, hatte Pech: Auf einem Lufthansaflug von Düsseldorf nach Hamburg wurde der gerade erst von einer heftigen Flugangst Genesene von einem grellen Lichtblitz und lautem Knall geweckt - ein Blitz war in die Maschine eingeschlagen.

Abgesehen von ernst zu nehmenden psychischen Problemen sind auch die praktischen Konsequenzen der Flugangst nicht zu unterschätzen. Berufliche Vielflieger riskieren den Karriereknick, wenn sie auf zeitintensivere Transportmittel wie Auto und Bahn umsteigen oder ganz auf Geschäftsreisen ins Ausland verzichten. Eine weitere Folge dieser Vermeidungsstrategie: Der Flugzeughersteller Boeing schätzt den Wert der wegen Flugangst nicht verkauften Tickets auf jährlich zwei Milliarden Dollar allein in den USA.

Die Lufthansa versucht schon seit 1981 in Zusammenarbeit mit der Agentur Texter-Millott, ihren abtrünnigen Kunden durch Flugangstseminare die Furcht vor dem Abheben zu nehmen. Die Teilnehmer sprechen ein Wochenende lang über ihre Furcht, informieren sich über flugtechnische Einzelheiten, lernen Entspannungstechniken und werden letztendlich mit ihrer Angst konfrontiert, indem sie gemeinsam fliegen. Das Konzept scheint aufzugehen: Bei rund 45 Prozent der Teilnehmer verschwindet die Flugangst ganz, 81 Prozent berichten von einer deutlich reduzierten Furcht.

Einem 40-jähriger Schlosser aus dem Münsterland war diese Variante offensichtlich zu aufwendig: Zwar gewann er beim Jahrtausendspiel von West-Lotto eine Reise ins Weltall, ließ sich das kosmische Abenteuer aber lieber auszahlen. Das Motiv: Flugangst.

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