Interview Inspektor Columbo im Kampf gegen die Angst
SPIEGEL ONLINE
: Wann findet ein Mensch den Weg zu Ihnen in die Klinik?
Pawelzik: Ausschlaggebend für den Weg in die Therapie ist immer der Leidensdruck. Man kann Phobien sehr gut aussitzen, indem man das gefürchtete Objekt oder die angsteinflößende Situation schlicht umgeht. Wenn aber der Manager einer amerikanischen Bank in Frankfurt stationiert ist und nicht fliegen kann, dann kostet ihn das seinen Job. Daher kommen natürlich sehr viele Geschäftsleute zu uns. Auch Menschen mit umfassenderen Problemen, deren Lebensqualität durch die Angst erheblich eingeschränkt ist, wenden sich an uns.
SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Methoden bekämpfen Sie die Angst ihrer Patienten?
Pawelzik: Wir bieten eine zwei- bis dreiwöchige individuelle und intensive Einzelbehandlung bei Angsterkrankungen an. Während der so genannten Konfrontationstherapie setzt sich der Patient in Begleitung seines persönlichen Betreuers wiederholt genau der Situation aus, die er am meisten fürchtet.
SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet Sie von anderen Therapieanbietern?
Im Unterschied zu anderen Therapieansätzen wird der Phobiker bei uns schon am ersten Tag der Behandlung mit der für ihn schlimmsten Situation konfrontiert. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die graduierte, also sich schrittweise in der Intensität steigernde Auseinandersetzung mit der Angst längst nicht so effektiv ist. Das "Flooding", die unvermittelte "Überschwemmung" der Psyche mit furchteinflößenden Faktoren, bewirkt, dass der Patient zwar unter Umständen die furchtbarste Angst seines Lebens erlebt, aber danach ist er über den Berg - das Schlimmste liegt hinter ihm.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden die Teilnehmer auf die Konfrontation vorbereitet?
Pawelzik: In einer der eigentlichen Therapie vorausgehenden Diagnostik-Phase analysiert der Patient gemeinsam mit seinem persönlichen Betreuer seine Krankengeschichte, er verfolgt anhand seiner Lebenslinie die Entwicklung der Angst. Wann und unter welchen Bedingungen trat die Angst auf? Welchen Belastungen war ich ausgesetzt, was hat mich überfordert? Der Entwurf solch eines individuellen Störungsmodells ist auch deshalb so wichtig, weil nicht jeder Phobiker auf dieselben Reize anspricht: Der eine fürchtet sich vor dem Betreten eines Airbusses, der andere bekommt Atemnot beim Landeanflug in der Cessna. Ob Luftschiff oder Heißluftballon - der Angstauslöser, das spezifische Signal, kann die verschiedensten Formen annehmen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen machen die Patienten bei der Konfrontation?
Pawelzik: Alle ängstlichen Menschen haben Vermeidungsstrategien, mit denen sie sich beruhigen oder ablenken - sie finden einen mentalen oder faktischen Ausweg aus der bedrohlichen Situation. Wenn sie diesen unterbinden, dann steigt die Angst nicht wie erwartet ins Unermessliche, sondern sie habituiert, die Reaktion lässt mehr und mehr nach. Es handelt sich hier um physiologische Prozesse: Irgendwann ist die Batterie leer, und die Patienten wundern sich, wieso sie nicht in Ohnmacht gefallen oder gestorben sind wie befürchtet. Durch die Wiederholung, das mehrfache Durchspielen der angsteinflößenden Situation unter stetiger Verringerung der therapeutischen Begleitung wird die Angst mit jedem Schritt geringer.
SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie für den wichtigsten Aspekt Ihrer Therapie?
Pawelzik: Wir arbeiten nach dem Prinzip der kognitiven Vorbereitung, das bedeutet, der Patient muss sich auf Grund eigener Überlegung dafür entscheiden, das zu tun, was er am meisten fürchtet. Die Motivation des Patienten ist hier ganz entscheidend für den Erfolg der Therapie. Häufig muss ich den Advocatus Diaboli, den Anwalt des Teufels, spielen und im Gespräch die Argumente der ängstlichen Seite des Patienten vertreten, um seine Gegenreaktion zu bekommen. Ich schicke ihn zurück in die Ambivalenz: Wollen Sie wirklich fliegen? Sind Sie ganz sicher? Mein persönliches Vorbild ist da die Fragetechnik des Fernsehinspektors Columbo. Wir nennen diesen Prozess geleitetes Entdecken, eine Art Hebammentechnik, die den Patienten dazu bringt, selbst herauszufinden, was mit ihm los ist.
SPIEGEL ONLINE: Wie sinnvoll ist es, sich über Zahlen und Statistiken der relativen Ungefährlichkeit des Fliegens zu versichern?
Pawelzik: Bei allen Ängsten spielen so genannte Respondenten oder konditionierte Muster eine Rolle. Wenn der Phobiker merkt, dass das Flugzeug abhebt, setzt bei ihm eine ganz massive körperliche Reaktion ein. Dem Patienten kann noch vor Stunden der Mechanismus seiner Angst vollkommen verständlich gewesen sein - die körperliche Reaktion beeinflusst das nicht im Mindesten. Sie können noch so sehr vernünftig denken, wenn ihnen das Herz bis zum Hals schlägt vor Angst, dann hat diese physische Empfindung eine sehr viel höhere Evidenzkraft als das logische Denken.
SPIEGEL ONLINE: Zahlt die Krankenkasse die von Ihnen praktizierte Therapieform?
Pawelzik: Wir sind eine anerkannte Privatklinik. Beihilfeberechtigte oder privatversicherte Patienten können die Kosten durchaus erstattet bekommen. Auch die gesetzlichen Krankenkassen kommen gelegentlich im Rahmen von Einzelfallentscheidungen für die Behandlung auf. Selbstzahler müssen mit Kosten von ungefähr 1000 Mark am Tag plus Nebenkosten rechnen, die bei der Flugangst recht hoch sind, weil man ja fliegen muss.
SPIEGEL ONLINE: Welche Tipps können Sie von Flugangst Betroffenen geben?
Pawelzik: Bei einer leichten Flugangst halte ich den Besuch eines Flugangst-Seminars, zum Beispiel der Lufthansa, für durchaus ratsam. Generell gilt: Fliegen Sie möglichst viel. Mit dem Vermeidungsverhalten nimmt auch immer die Angst zu. Stellen Sie sich der Situation mit der richtigen Einstellung. Weder Beruhigungsmittel noch Alkohol helfen.