Krieg im Frieden: Die Soldatenmacher - DER SPIEGEL
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Krieg im Frieden Die Soldatenmacher

Es ist ein Rollenspiel, aus dem schnell Ernst werden kann: Im Ausbildungszentrum der Vereinten Nationen im fränkischen Hammelburg werden deutsche Soldaten auf ihren Auslandseinsatz in Bosnien-Herzegovina, im Kosovo oder in Afghanistan vorbereitet.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das von Serben besetzte Schloss liegt in "Bonnland". Während deutsche KFOR-Soldaten routinemäßig im Hinterhof nach dem Rechten sehen, explodiert eine Autobombe. Die Soldaten werfen sich auf den Boden. Noch bevor sich der Rauch verzogen hat, taucht ein Einheimischer aus dem Nebel auf. Er hält einen menschlichen Unterschenkel in seinen Händen, schreit, weint und läuft direkt auf die Deutschen zu.

Die kriegsunerfahrenen Bundeswehrsoldaten sind irritiert: Sie wissen nichts mit dem verzweifelten Mann anzufangen. Als sie sich dem gerade explodierten PKW nähern, entdecken sie einen Toten und drei Verletzte. Zivilisten stehen um die Unglücksstelle herum und sind zu schockiert, um den Weg für die Soldaten frei zu machen. Die Mitglieder der Patrouille müssen lernen, sich durchzukämpfen.

Seit 1994 inszenieren die Ausbilder in Hammelburg solche Situationen, um junge Schutztruppenmitglieder auf den Ernstfall Krieg vorzubereiten. Ob für die SFOR ("Stabilization Force in Bosnia and Herzegovina"), die KFOR ("Kosovo Force") oder die ISAF ("International Security Assistance Force" in Afghanistan) - alle für den Auslandseinsatz bestimmten deutschen Soldaten werden hier in zwölf Stationen ausgebildet.

Zum Standardprogramm gehören die Suche nach Kriegsverbrechern sowie das Verhalten bei Geiselnahmen oder in minenverseuchten Gebieten. Aber auch die Auflösung von Straßensperren und Demonstrationen sind Teil des Unterrichts.

Jeden Morgen schlüpfen die Jungs dafür aus ihren Uniformen direkt in eine vorgegebene Rolle. Sie sind Geiselnehmer, Attentäter und Provokateure. Sie spielen Serben oder Albaner, Täter oder Opfer. "Ich brauche einen Toten, einen Beinabriss, eine offene Rückenverletzung", ruft Ausbilder Stefan Wedlich seinen Schauspielern zu. Beileibe nicht jeder Soldat ist ein begnadeter Mime - und manche leiden gar unter der Herausforderung: "Ich hatte mal einen, der konnte das nicht. Jeden Tag tot sein. Kein Wort reden dürfen. Aber es gab auch einen, für den war es genau die richtige Rolle. Der mochte nicht reden. Der war ein perfekter Toter", erzählt Wedlich, der auf solche Gefühle wenig Rücksicht nehmen kann.

Um Abwechslung in den Alltag zu bringen, werden die Rollen beständig getauscht. Heute tot, morgen nur ein wenig verbrannt, übermorgen im Vollbesitz der physischen Kräfte. Die so unerwartet zu Laiendarstellern avancierten Soldaten verstehen den Ansatz. Möglichst realistische Bilder sollen sie optimal auf den bevorstehenden Einsatz vorbereiten.

Das, was die Bundeswehrsoldaten in Bosnien, im Kosovo oder in Afghanistan erwarten könnte, zeigt sich hier zum ersten Mal. Und sie sehen es nicht nur, sie emfpinden es. Sie fühlen sich als Geiseln von serbischen Freischärlern gedemütigt und entwürdigt, wenn ihnen die Kalaschnikov vor das Gesicht gehalten wird. Sie sind hilflos, wenn eine Geisel nach draußen geführt wird. Sie hören Schläge und Schreie. Dann einen Schuss. Dann nichts mehr.

Wie reagiert der Patrouillenführer, der einzelne Soldat? Die Soldatenmacher analysieren jeden Fehler. Klare Anweisungen sollen helfen: Keinen unüberlegten Widerstand leisten, Augenkontakt suchen, wenn möglich mit Vertretern der anderen Seite ins Gespräch kommen.

In vierzehn Tagen werden die Rollenspieler von den Ausbildern ausgewählt und fit gemacht. Endstation der Intensiv-Trainings ist ein abschließendes Szenario in "Bonnland". 500 deutsche KFOR-Soldaten und 500 Rollenspieler stehen sich gegenüber.

Eine Spiegel TV-Reportage von Bernd Gerrits.


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